Jede Aufführung ist auch ein Dialog

- "Ich habe ein paar gefährliche Ideen", versprach Kent Nagano - ab 2006 musikalischer Chef der Bayerischen Staatsoper. Doch Näheres verriet er nicht, stahl somit dem künftigen Intendanten Christoph Albrecht auch nicht die Show. Im Theaterforum, das die Münchner Stadtbibliothek zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk veranstaltet, stellte sich der Dirigent in der Black Box des Gasteig den Fragen von Friedemann Leipold.

Das Interesse war groß, und Nagano nützte die Chance und präsentierte sich dem Publikum zurückhaltend, sympathisch und klug. Wenngleich der Nachfolger Zubin Mehtas in punkto Programm verschlossen blieb, lockte Leipold ihn sanft aus der Reserve. Natürlich wolle er hier Wagner dirigieren, aber München sei auch als Stadt Mozarts, Strauss', Orffs, Henzes und nicht zuletzt Orlando di Lassos ein Ort der Kreativität. Konkrete Zusagen in Sachen Barock oder Messiaen tätigte er nicht. Immerhin, der "Saint François d'Assis", den er und Peter Sellars in Salzburg zum Riesenerfolg gemacht hatten, "ist momentan noch ein Traum".<BR><BR>Bereitwillig erzählte Nagano, der Amerikaner japanischer Herkunft, über seine Kindheit in Kalifornien. Der 1951 Geborene wuchs auf dem platten Lande, wo seine Eltern (Vater: Architekt, Mutter Mikrobiologin und Pianistin) als Farmer lebten, auf. Weit weg von den großen Städten und der Kultur, inmitten der Natur, die ihn prägte.<BR><BR>Erst als Kompositionsschüler Olivier Messiaens, der ihm in Europa die Tür öffnete und fast zum Vater wurde, bedankte er sich bei seinem Vater, der ihn kritisches und strukturalistisches Denken gelehrt hatte. Friedemann Leipold klopfte auch die Beziehung zum Orchester ab, und Nagano bestätigte, dass ihm daran liegt, jeden einzelnen mit Namen zu kennen. Denn in seiner kurzen Karriere als Bratscher habe er erlebt, wie deprimierend es ist, wenn der Dirigent die Musiker nicht kennt.<BR><BR>Aufs Münchner Publikum will der Noch-Chef des Deutschen Symphonieorchesters Berlin (DSO) sensibel reagieren, die Tradition als Teil der menschlichen Identität wahren. Aber gleichzeitig will Nagano darauf achten, dass man Tradition weiter denkt - über die eigene Lebenszeit hinaus. Jede Aufführung ist für ihn ein Dialog mit dem Publikum.<BR><BR>Als DSO-Dirigent überraschte Nagano die Zuhörer gern mit ungewöhnlichen Programmen, kombinierte etwa Bruckners Fünfte mit Bachs Goldbergvariationen. Diesbezüglich lässt er sich sicher auch für München noch einiges einfallen.<BR><P> </P>

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