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Sie liefern Klangbruchware für eine nur zu 50 Prozent satirische Aufführung: Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz in der Produktion „if this then that and now what“.

Premierenkritik

Münchener Musiktheater-Biennale startet mit Geburtswehen

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München - Die Münchener Musiktheater-Biennale startet mit Geburtswehen und zwei Uraufführungen in eine neue Intendanz.

Der Tod jeder Party kann das sein. Der Witze-Erzähler, der davon erzählt, warum er den Witz erzählt – ein Pointenkiller. Selbstreferenziell nennt das die Fachwelt, ichbezogen wäre die etwas boshafte Übersetzung. Das Prinzip lässt sich ja auf anderes übertragen: Weg- und heraustreten aus einer Aufführung, deren Entstehen und Wirkung damit thematisiert werden, das mag furchtbar kompliziert klingen, bietet aber, packt man’s schlau an, auch humoristischen Mehrwert. Die musikalische Moderne bespiegelt sich selbst und ironisiert sich dabei, eine herrliche Sache hätte das werden können zum Start der Münchener Biennale in ihre neue Intendanz.

Auf was die beiden Chefs Daniel Ott und Marios Tsangaris zielen, das schimmert bei der Doppel-Premiere am ersten Festivaltag durch: weg von der (auch einengenden) Konzentration aufs Musiktheater, hin zur Performance, zur munteren Spielwiese, auf der Humor nicht – wie bei den meisten Avantgarde-Jüngern – als Todsünde gilt. Nur warum dann noch Musiktheater-Biennale?

Der Däne Simon Steen-Andersen versucht sich jedenfalls in seinem Stück mit dem schwer zu übersetzenden Titel „if this then that and now what“ an eben jener Selbstreferenz. Keine Handlung, aber auch kaum Musiktheater. Im Carl-Orff-Saal, der mit einer Tribüne überm hässlichen Parkett endlich zum Aufführungsort geadelt wird, produzieren schwarz gewandete Männer ihre immer gleichen Gänge, Gesten und verstärkten Geräusche, ein Orchester grundiert mit Häppchen: Die musikalischen Prinzipien der Variation und der Themendurchführung werden hier mittels penibler Choreografie in die szenische Groteske übersetzt.

Als ob die ganze Performance-Moderne auf die Schippe genommen wird

Irgendwann heben zwei Schauspieler (Matthias Lodd und der smarte Rüdiger Hauffe) zum instrumental illustrierten Monologisieren an. Das Zustandekommen eines Werks (Roman? Aufführung?), das keiner kennt und von dem niemand Genaues erfährt, wird wortreich thematisiert. Die Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Mainz – das Theater ist Koproduzent – spielen Klangbruchware oder eine barocke Sarabande. Manchmal scheint es, als ob die ganze Performance-Moderne auf die Schippe genommen wird. Doch nach 70 Minuten ist die „Magie der Selbstreferenz“, wie es einmal heißt, verflogen. Für zwei Stunden reicht die freche, intelligente Grundidee nicht aus, der Abend ächzt und zerfranst unter der Last von jeder Menge Meta-Ware, viel schlimmer: Er wird egozentrisch und eitel.

Vor diesem Hintergrund ist die erste Festival-Uraufführung drei Stunden zuvor ein Gruß aus alten Biennale-Zeiten. Handlung ist wie immer bäh, der 70-Minüter ist eine Labor-Anordnung, die im Konkreten wurzelt: Regisseur Werner Herzog schrieb über seinen Klaus-Kinski-Film „Fitzcarraldo“ ein betrachtendes Buch. Weniger Drehbericht aus dem Urwald ist das, wo ein Schiff mit Muskelkraft über einen Berg gezogen wurde, eher kraus-poetische Reflexion. „Sweat of the Sun“ von David Fennessy (Komposition, Text) und Marco Storman (Regie, Text) spielt im Hirn eines Besessenen, ob damit Herzog oder Kinski gemeint sind, bleibt offen.

Das Münchener Kammerorchester spielt in der Muffathalle Archaisches

In der Muffathalle, dem klassischsten aller Biennale-Orte, spielt zwischen zwei Zuschauertribünen das Münchener Kammerorchester Archaisches: Material, das manchmal einen Ton umkreist, manchmal – mit seinen Fern-Posaunen – barocke Choräle zitiert, verfremdete Caruso-Gesänge hallen als Urwaldgeräusche herein. Das dreiteilige Stück spreizt sich zwischen suggestiven Leerstellen-Passagen und Gesten-Fetzen (ob musikalisch oder im Spiel), gegen Ende werden Metallträger herabgelassen, auf die spielbare Saiten gespannt sind.

Nachdem Sebastian Schwab zunächst in der Mitte dirigiert hat, wird das Orchesterpodium aufgesplittet und zur Seite geschoben, Alexander Liebreich setzt die Lotsenarbeit fort. Projektionen von einem Flussdampfer oder von Kinski, der in der Erde gräbt, halten den Film präsent. Zwischendurch gibt es ein kurzes Fußballspiel und viele bedeutsame Mini-Aktionen mit schwerem, Kerkeling lässt grüßen, „Hurz“-Potenzial.

Schön einfach ist das ja: das Überkomplexe damit zu rechtfertigen, dass im Kopf irgendeines theatralischen Ichs die Reize ungewohnte Abzweigungen nehmen und Synapsen Kurzschlüsse produzieren. Fennessys Komposition bietet in ihrer besonnenen, klar definierten Textur durchaus Ansprechendes. Doch am Ende war offenbar, wie häufig bei der Biennale, nurmehr wenig übrig für eine adäquate szenische Umsetzung, und damit ist nicht nur das Geld gemeint. Bis zur Wiederaufnahme am koproduzierten Theater Osnabrück ist eine Steigerung möglich. Was auch fürs Münchner Festival gilt: Ein halbes Dutzend Uraufführungen kommen ja noch.

Markus Thiel

Weitere Aufführungen der beiden Produktionen heute und morgen;

Infos unter www.muenchenerbiennale.de.

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