Jede Menge sinnlicher Genuss

- Ach Gott, das bisschen Protest. Man hatte Heftigeres erwartet. Aber Staatsballettchef Ivan Liska hat eben das Münchner Publikum in seiner achtjährigen Amtszeit kontinuierlich an die Moderne herangeführt. Die jüngste und beste Wahrnehmungsschule für den kompakt zeitgenössischen Dreiteiler, mit dem seine Ballettwoche eröffnete, war 2004 die Übernahme von "Limb's Theorem" des großen Tanz-Erneuerers William Forsythe. Denn in der Forsythe-Tradition steht, mehr oder weniger, das Uraufführungs-Trio Davide Bombana, Jacopo Godani und der zusätzlich für das visuelle Gesamtkonzept verantwortliche Theatermann Michael Simon (Nationaltheater).

Im Atemkiller-Tempo

Was bedeutet: jede Menge süffige rasante Bewegung und sinnlichen Genuss. Andererseits ist Kopfarbeit gefordert, wenn die komplexe Struktur eines abstrakten Balletts in seiner Beziehung zur Musik gesehen werden soll. Genau hier ist Davide Bombanas "Century Rolls" zu John Adams' gleichnamigem dreisätzigem Klavierkonzert einzuordnen, das dank der exzellenten Pianistin Dascha Lenek - von Adams vorab getestet - hier zur europäischen Erstaufführung kam.

Adams, inspiriert von der durch die "rolls" ( Klavierwalzen), einer mechanisch produzierten Musik, streut Zitate aus dem vergangenen "century" (Jahrhundert) ein, von Debussy und Satie bis Gershwin, und kommt ganz nah heran an die metallisch harte Klangqualität des Pianolas. Das gibt der Komposition Pikanterie und Humor, was Bombana in die Bewegung hineinstrahlen lässt.

Im Vordergrund steht jedoch die rhythmisch-dynamische Minimal-Grundstruktur, welcher der hochmusikalische Choreograph mit großartigen, vielfältig geometrischen Ensemble-Formationen entspricht. Vom skulpturalen Eingangstableau bis zum wirbelnden Finale saust das in Atemkiller-Tempo über die Bühne: acht Superflitz-Paare, angeführt von Lisa-Maree Cullum und Alen Bottaini, zwei Rekordler in Bombanas eleganter Balanchine-Neoklassik, die aber schon einen viril-sportlichen Forsythe-Einschlag hat. Im Adagio-Mittelsatz darf Cyril Pierre die körperliche Plastizität von Elite-Ballerina Lucia Lacarra in kurvigen und kantigen Art-Deco-Figuren vorführen.

In den hautengen Trikots, vorne lila, pink oder orange , hinten schwarz, grün oder rot (Stephen Galloway, bis 2004 Forsythe-Tänzer und Designer-Tausendsassa) leuchtet das Ballett wie ein ins Rasen geratener Klee oder Kandinsky. Für den Italiener Bombana, dem 1991 im Staatsballett der Übergang vom Ersten Solisten zum Choreographen gelang, ein schöner Erfolg.

Die Rückwand einreißen

Ähnlich die Karriere von Landsmann Jacopo Godani, Tänzer und mehrmals Co-Choreograph in Forsythes ehemaligem Frankfurt Ballett. Sein "Elemental" verarbeitet unterschwellig die von Forsythe geforderte Befreiung des Tänzers aus dem tradierten Klassik-Korsett. Nicht mehr ausführendes Instrument, sondern selbst kreativ zu sein, diese  Maxime klingt in einem in die elektronische Klangkulisse eingewebten Text an. Und gelegentlich zeichenhaft, wenn Tänzer durch Gesten und Schritte flirrende Lichtfelder und -balken in raumgreifende Bewegung setzen und als letzten Befreiungsakt die Rückwand einreißen. Ein vom Allrounder Godani (auch Kostüme, Licht und Video-Ideen) durchdachtes, technisch ausgetüfteltes Ballett in einem "verflüssigten" Forsythe-Stil, den die Tänzer blendend beherrschten. Das Wagnis und für die Buher eben fehl am Platze im traditionswahrenden Musentempel: "In the country of last things" von dem choreographierenden Bühnenbildner-Regisseur Michael Simon. Aber Grenzauflösungen gibt es allenthalben. Man geht ja auch heute mit Jeans und Rolli ins Theater. Die Inbesitznahme geheiligter Kulturhallen von zeitgenössischen Arbeiten und Experimenten wird nicht aufzuhalten sein. Ist auch in Ordnung. Nur gut müssen sie sein.

Und handwerklich gut gemacht ist dieses zwischen tanzarmem Tanztheater und bildender Kunst schillernde Stück, in dem man auch sofort die Handschrift des häufigen Mitarbeiters von Forsythe erkennt: rauf- und runterfahrende Hänger für diverse Videos, ein einsehbares und später kippendes Motelzimmer, ein Auto, mit dem im Cut-Cut-Filmdrehverfahren immer wieder ein Unfall gestellt wird.

Simons Thema: die tödliche Wiederholbarkeit in der menschlichen Existenz, festgemacht an zwei Paaren in kaputter Eheroutine. Daraus wird mit vier zu gestischem Minimalismus einsatzbereiten Tänzern ein Comicstrip, eine pantomimische Popart-Oper zwischen Punk und Lack, der eine Bedrohlichkeit allerdings erst durch Heiner Goebbels farbige filmische Komposition "Surrogate Cities" zuwächst. Ein bei Goebbels und Adams interessiert musizierendes Staatsorchester unter Myron Romanul und tolle Tänzer, die Erfahrung auch, dass ein Bombana und ein Godani aus eigener Kraft ihren Weg gemacht haben, das sollte doch, auch bei kleinem Abstrich, zu einem Besuch verlocken.

Ballettwoche bis 26. April, Tel: 089/ 2185-1920.

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