Schade, dass man ihn im Konzert nur von hinten sieht: Der energiegeladene Mariss Jansons bei der Probe in der Münchner Philharmonie. foto: BR/ Ackermann

„Jede Note muss Atmosphäre haben!“

München - Mit Gustav Mahlers dritter Symphonie startet das Merkur-Abo beim BR-Symphonieorchester heute in seine zweite Saison.

Es dirigiert Mariss Jansons, der nach mehreren Krankheitsabsagen endlich nach München zurückkehrt

Die Musiker sind heilfroh, ihren Chef wieder bei sich zu haben. Das merkt man ihnen deutlich an. Und nach mehreren krankheitsbedingten Absagen in den letzten Monaten scheint auch Mariss Jansons selbst darauf zu brennen, endlich in die aktuelle Saison einsteigen zu können. Daran lässt seine Körpersprache bereits bei den Endproben zu Mahlers dritter Symphonie keinen Zweifel.

Und noch etwas wird dem lauschenden Beobachter an diesem Vormittag schnell klar: Jansons ist ein absoluter Perfektionist. Zwar gibt es zunächst noch ein kollektives „Happy Birthday“ für die Kollegin an der Piccoloflöte - so viel Zeit muss sein -, doch dann geht es umgehend und hochkonzentriert mitten hinein in den vierten Satz. Kleinere Unstimmigkeiten, die es tags zuvor beim ersten Durchlauf im Gasteig noch gab, sind bis aufs Sechzehntel im Kopf des Maestros abgespeichert und werden nun Takt für Takt präzise geglättet. Stets getragen von gegenseitigem Respekt und einer guten Portion Humor.

Den harten Befehlston manch anderer Götter im Frack sucht man bei Mariss Jansons vergebens. Stattdessen kommen Sätze wie: „Ich möchte Ihnen an dieser Stelle Folgendes vorschlagen…“ Aber natürlich weiß auch Jansons ganz genau, was er will. „Jede Note muss Atmosphäre haben! Nur deshalb ärgere ich Sie hier so lange. Ich weiß, diese Stelle ist schwer zu spielen. Das hat sogar Mahler selbst gewusst. Aber er hat gesagt, er schreibt bewusst für Instrumente, die schwer zu spielen sind. Einfach weil er das so will.“

Doch auch von solchen historisch verbürgten Aussagen lassen sich die Musiker des BR-Symphonieorchesters keineswegs einschüchtern. „Na, da kannte er aber unsere Posaunen nicht“, tönt es selbstbewusst vom Podium. Ein Spruch, der beim Chef für ein diebisches Grinsen sorgt: „Warum sagen das ausgerechnet Sie da drüben? Sie müssen doch gar nicht mit denen in einer Gruppe spielen.“ Wie dem auch sei: Beim nächsten Anlauf klingt auch diese Passage wie gewünscht, und der Daumen des Dirigenten schnellt, begleitet von einem begeisterten „Ja! Genau so!“, nach oben.

Jeder, der Mariss Jansons bei solchen Proben beobachten darf, wird wohl bedauern, dass man ihn sonst meist von hinten sieht. Denn was der Zuhörer im Konzert viel zu selten mitbekommt, ist das zufriedene Lächeln, das sich langsam in seinem Gesicht breitmacht, wenn die Musiker ihm beim kompletten Durchlauf mit einem Mal genau jene kleinen Nuancen wie selbstverständlich liefern, an denen zuvor gerade noch so akribisch gefeilt wurde.

Um die rechte Stimmung zu erzeugen zitiert Jansons dabei auf der Probe immer wieder Gustav Mahler, spricht enthusiastisch von der Natur und anderen hörbaren Einflüssen in der Musik. „Ich finde es wichtig, dass mein Orchester diese Dinge weiß“, sagt er später. „Auch wenn Mahler das konkrete Programm der Symphonie später wieder entfernt hat. Aber das kam nur, weil man ihn deswegen oft falsch gedeutet hat. Nicht weil er seine Ansichten geändert hätte. Heute kann man vielleicht schematisch am Computer komponieren, aber zu seiner Zeit war das vollkommen anders. Da schwingen sehr viele Dinge mit wie Kunst oder Literatur. Und auch die Texte. Text und Musik, das ist bei Mahler nicht voneinander zu trennen.“

Ob es ihn deshalb nicht auch gereizt hätte, gleich den gesamten Mahler allein mit seinem Ensemble zu machen? Jansons verneint. „Ich habe da ganz praktisch gedacht und mir nur die Symphonien ausgesucht, die ich mit diesem Orchester bisher noch nicht erarbeitet habe. Den Rest kennt man doch schon von mir. Außerdem muss und will ich hier als Chefdirigent ja auch noch andere Dinge mit meinem Orchester machen. Gerade jetzt, wo alle nur noch Mahler spielen.“

Vor diesen neuen Projekten muss allerdings zunächst die wohl umfangreichste aller Mahler-Kompositionen gestemmt werden, bei der allein der erste Satz mit rund 30 Minuten fast schon länger dauert als eine komplette Sinfonie von Joseph Haydn. „Für die Musiker ist das tatsächlich sehr intensiv. Da ist es gut, dass Mahler selbst vor dem zweiten Satz eine kleine Pause zum Durchatmen verlangt. Es ist einfach ein unglaubliches Stück.“

Das Ergebnis dieser Proben können dann heute Abendrund 300 Leser unserer Zeitung dank eines speziellen Merkur-Abos erleben, das mit diesem Konzert in seine zweite Runde geht und im weiteren Verlauf noch eine Begegnung mit Riccardo Muti sowie den konzertanten „Eugen Onegin“ bereithält. Dann übrigens wieder unter Leitung von Mariss Jansons.

Konzerte

heute und morgen in der Philharmonie am Münchner Gasteig (20 Uhr); eventuell gibt es Restkarten an der Abendkasse.

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