+
„Er fühlt diese Begierde in sich, gleichzeitig hat der Tod etwas Logisches für ihn“: Gerald Finley (51) in Claus Guths Salzburger Inszenierung.

„In jedem Mann steckt ein Don Giovanni“

Salzburg/München - Der kanadische Ausnahmesänger Gerald Finley übernimmt die Titelpartie in der Salzburger Festspiel-Produktion Don Giovanni. Im Merkur-Interview, warum in jedem Mann ein Don Giovanni steckt.

Gerade hat er Münchens „Don Giovanni“ zur Festspielform geführt, nun übernimmt er die Titelrolle in Claus Guths Salzburger Inszenierung. Gerald Finley, 51, ist eine Ausnahmeerscheinung in der Opernszene. Der Kanadier glänzt als hochintelligenter Stilist – und kann mit der zurzeit wohl schönsten, erotischsten Bassbaritonstimme aufwarten. Wiederaufnahme der Salzburger Mozart-Produktion ist heute, Yannick Nézet-Séguin dirigiert.

Claus Guth hat in seiner „Così fan tutte“ das meiste verändert. Auch im „Don Giovanni“?

Mit der „Così“-Produktion konnte man freier umgehen. Bei Guths „Don Giovanni“ gibt es ja ein besonderes Verhältnis zwischen dem Titelhelden und Leporello. Da unser Leporello Erwin Schrott auch die Titelrolle im „Figaro“ singt, ist er dort naturgemäß stark eingebunden. Wir hatten im „Giovanni“ gerade mal vier Proben zusammen.

Es bleibt also nicht viel Zeit, um den Gerald-Finley-Giovanni zu kreieren?

Nein, es ist der von Claus Guth. Ich frage mich, ob es überhaupt möglich ist, seinen eigenen Giovanni zu kreieren. Das Opernleben ist so konzentriert auf Konzepte, es ist fast nie genug Zeit, alles hetzt und eilt... Andererseits ist dies genau das, was Giovanni ausmacht. Er kann nicht zur Ruhe kommen und Wahrheit finden. In dieser Inszenierung wird Giovanni ja schon zu Beginn tödlich verwundet. Eine neue Erfahrung für mich: Er stirbt drei Stunden in Echtzeit. Mit Claus Guth galt es nun herauszufinden: Wie vollzieht sich sein Heldenkampf gegen den Tod? Wie stark hängt er am Leben? Und wann überlagert der Tod das Leben?

Wie hat sich Ihr Giovanni verändert?

Meine Stimme wurde dunkler und größer. Ich kann ihr mehr Schärfe geben, die schwarze Seite dieser Figur also akzentuieren. Meine ersten Giovannis habe ich konzertant gesungen, dirigiert von Antonio Pappano. Ich konnte mich dadurch stark in die Musik hineinfühlen und Erkenntnisse gewinnen, auf die ich nun immer wieder zurückgreife. Ich habe jetzt mehr Spaß in dieser Rolle. Und ich denke über seine Todes-Erfahrung anders. Der Tod ist nichts Schreckliches mehr, er wird als unausweichlich begriffen – und willkommen geheißen.

Was glauben Sie: Wie alt ist Giovanni? Oder sind die vielen tausend Affären nur eine Lüge?

Mein großes Giovanni-Vorbild ist Thomas Allen. Er sagt immer: Giovanni ist in den Fünfzigern oder Sechzigern. Er fühlt noch diese Begierde, diese Leidenschaft in sich. Gleichzeitig hat der Tod etwas absolut Logisches für ihn. Ein junger Giovanni ist eher eine romantische Vorstellung. Das Interessante an der Rolle ist doch: In jedem Mann steckt etwas von Giovanni – und sei es nur, dass er glaubt, er könnte so sein. (Lacht.) Letztlich ist Giovanni alterslos. In unseren Zeiten, in denen alles möglich ist, muss man allerdings eine Chiffre für die moralische Verwerflichkeit seines Tuns finden. Man muss für heutige Opernbesucher plausibel machen, warum er auf diese brutale Weise verdammt und bestraft wird.

Giovanni hat keine ausgedehnte Arie, die die Möglichkeit zur Selbstreflexion bietet. Weiß er überhaupt, wer er ist?

(Überlegt lange.) Vielleicht braucht er deshalb Leporello. Giovannis Freund muss ja auch Elvira in der Registerarie erklären, wer ihr Angebeteter ist. Giovanni muss nicht notwendigerweise über sich und seine Pläne reflektieren. Er treibt sich immer an. Innehalten interessiert ihn nicht.

Müssen denn Baritone Giovanni singen – ebenso wie Mezzos ihre Pflicht-Carmen?

Na ja, jeder Bariton will eben so fühlen wie er. Und jeder Leporello will Giovanni sein. Ich habe sehr früh eine Entscheidung getroffen: Ich wollte Giovanni singen, bevor ich mich an den Leporello mache. Als Leporello hat man viel Spaß auf der Bühne. Und wenn man damit zu glücklich wird, kann man vielleicht das Dramatische, das Tiefernste des Giovanni nicht mehr erfühlen. Außerdem: Giovanni bietet jungen Sängern enorm viel Möglichkeiten zu lernen. Über ihre Stimme, ihr Körperbewusstsein, ihre Ausstrahlung, über die Art und Weise, wie sie auf der Bühne reagieren müssen... Spaß haben und sich dabei kontrollieren, das ist eine tolle Kombination.

Für Sie ist Spaß auf der Bühne also entscheidend...

Genau. Oper bietet auch etwas Entspannendes...

Eine Opernvorstellung entspannt...?

Ja klar. So etwas befreit einen, man verliert schädliche Spannungen. Gesunde Energien werden angeregt. Man nimmt Dinge aus seiner Realität mit und kann sie, kanalisiert durch die Rolle, ausleben. Ich genieße die Freiheit, mich einer Sache auszuliefern.

Sie haben gerade in Glyndebourne den „Meistersinger“-Sachs gesungen. Ein ungewöhnlicher Einstieg ins Wagner-Fach – gleich mit diesem Brocken.

Ich habe da nichts vorangetrieben, sondern bin sehr bewusst, unter Mithilfe eines Gesangslehrers, vorgegangen. Ich dachte früher immer, ich sei ein leichter, lyrischer Bariton. Ich fühlte mich jedoch nicht ganz gut dabei. Im Konzert, mit Mendelssohns „Elias“ etwa, bin ich da schon weiter – warum sollte ich das also nicht auf der Opernbühne ausprobieren? Und wenn ich nun zum Giovanni zurückkehre, muss ich mich ermahnen: Vorsicht! Bremsen!

Spürt man als Mozart-Interpret hier in Salzburg den angeblichen Geist des Meisters? Oder ist das nur ein PR-Phänomen?

Ich spüre ihn! Ich bin in seiner Heimatstadt sehr glücklich. Ich war gerade auf dem kleinen Friedhof, wo Constanze Mozart begraben ist. Und ich dachte mir: Es ist ein Privileg, hier singen zu dürfen.

Harnoncourt sagt, Salzburg habe kein Recht, auf Mozart stolz zu sein. Die Stadt habe ihn schließlich weggeekelt.

Stimmt. Aber ich mache mir nicht so viele Gedanken darüber, wie Mozart gefeiert wird, wie das alles zu einem Boom, auch zu einer Geschäftsidee wurde. Was mich interessiert, ist sein Geist und der seines Vaters, der hier präsent ist. Es ist so schön, an der Salzach entlangzuspazieren und sich vorzustellen, dass dieser Fluss ihn inspiriert hat – genauso, wie er nun seine Interpreten inspirieren könnte und sollte.

Interview: Markus Thiel

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
Einen abenteuerlichen Weg hat die Liverpooler Band Anathema in zweieinhalb Jahrzehnten zurückgelegt: von ruppigem Doom Metal über düsteren Alternative Rock hin zu einer …
Konzertkritik: So war Anathema im Backstage
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
Franz Lehárs „Die lustige Witwe“ gehört zur DNA des Münchner Gärtnerplatztheaters. Das passende Stück also zur Wiedereröffnung - auch wenn der Abend recht brav ausfällt.
„Die lustige Witwe“ am Gärtnerplatz: Nachkriegstonfilm 2.0
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Das wird ein Fest für Trash- und 90er-Fans. Gleich sechs Bands, die im Umz-umz-Zeitalter für Furore gesorgt hatten, treten beim Event „Die Mega 90er live!“ in der …
East 17, Rednex, 2 Unlimited und mehr: Mega-90er-Event in der Olympiahalle
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 
Fans dürften den Tag sehnsüchtig erwartet haben: Am Donnerstag kommt der neue Asterix-Band (Asterix in Italien) in den Handel. Wir haben schon darin geblättert - und …
Der neue Asterix kommt heute raus - leider fehlt etwas 

Kommentare