Jeden Ton befragen

- Die berühmteste Anekdote erzählt sie selbst immer wieder gern. Wie Elisabeth Schwarzkopf beim mächtigen EMI-Produzenten Walter Legge, der sie eigentlich vom Fleck weg verpflichten wollte, auf ein Vorsingen bestand. Wie Legge dann eineinhalb Stunden mit ihr an Hugo Wolfs Lied "Wer rief dich denn" arbeitete, an einzelnen Phrasen puzzelte. Und das so nervtötend, dass der ebenfalls anwesende Herbert von Karajan aufsprang und den Raum mit den Worten verließ: "Ich halte es nicht mehr aus - sie quälen ja das Mädchen."

Elisabeth Schwarzkopf, die heute ihren 90. Geburtstag feiert, hat der Härtetest jedenfalls genützt. Sie startete eine Weltkarriere, heiratete später Legge, der zur wichtigsten künstlerischen Instanz wurde. Was sie wie oft und wo sang, das bestimmte nun der Gatte. "His Master's Voice": Der Werbespruch der EMI diente nun als Spott über die Sopranistin.

Und die Puzzelei passte ohnehin zum Selbstverständnis. Denn die Kunst der Schwarzkopf war zwar unvergleichlich, aber nie geprägt von unbekümmert fließendem Naturlaut. Jedes Lied, jede Arie, ja jeder Ton wurden reflektiert, auf Farbe, Bedeutung und Nuancierungen befragt. Gierig sog die Schwarzkopf in sich auf, was Kolleginnen mit bestimmten Phrasen anstellten. Manch einer rühmte das Ergebnis als höchste, nie wieder erreichte Finesse, andere kritisierten es als pure Künstlichkeit. Einschätzungen, mit denen auch ihr Pendant Dietrich Fischer-Dieskau leben muss(te).

Auf welche Seite man sich auch immer schlägt: Fest steht, dass wir Elisabeth Schwarzkopf einige der wichtigsten Rollenporträts und Lied-Interpretationen des 20. Jahrhunderts verdanken. Strauss' "Capriccio"-Gräfin, seine "Rosenkavalier"-Marschallin, seine "Vier letzten Lieder", Mozarts "Figaro"-Gräfin, dazu die Wolf-Deutungen: Jede Sopranistin muss sich an diesen Standards messen lassen.

Die Karriere der 1915 in Jartoschin bei Posen geborenen Schwarzkopf begann 1938 in Berlin. Beinahe wäre aus dem Berufsziel Sängerin nichts geworden, da sie in ein falsches Stimmfach, nämlich in das des Koloratursoprans getrieben wurde. Der berühmte Bariton Karl Schmitt-Walter konfrontierte die Schwarzkopf nach einer Zerbinetta recht drastisch mit der unangenehmen Wahrheit: "Wir hören ja mit Staunen, was Sie hier alles lernen. Aber wissen Sie, dass Sie nicht singen können?"

"Die Kunst des Singens bröckelt allmählich ab." Elisabeth Schwarzkopf

Die neue Lehrerin Maria Ivogün baute die Stimme der Verunsicherten völlig neu auf - die Früchte sind heute bekannt. Wien, London, Mailand, Bayreuth, New York waren einige Stationen ihrer Karriere. Im Dezember 1971 nahm Elisabeth Schwarzkopf ihren Bühnenabschied mit der Marschallin, 1979, im Todesjahr ihres Mannes, folgte der letzte Liederabend.

Zur Ruhe setzte sich die Diva aber noch lange nicht. "Die Kunst des Singens bröckelt allmählich ab", konstatierte sie und handelte. Berühmt wurde die Schwarzkopf fortan als Pädagogin - und berüchtigt. So hart, wie sie zu sich selbst war, so unerbittlich ging sie mit ihren Schülern um. Die Meisterkurse wurden zu Demonstrationen ihrer klugen Erkenntnisse und zu Stahlbädern für den Nachwuchs. Wer die überstand, hatte garantiert Nerven für die große Karriere. Christian Gerhaher oder Thomas Hampson dürften das bestätigen.

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