Die Band Blumfeld, von links: Jochen Distelmeyer, Michael Mühlhaus und Andre Rattay.
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Deutschlands beste Band: Jochen Distelmeyer (v. li.), Michael Mühlhaus und Andre Rattay.

Alte Alben wieder im Handel

Warum Blumfeld die beste Band Deutschlands waren

  • Johannes Löhr
    vonJohannes Löhr
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Die Band Blumfeld hatte von 1991 bis 2007 den besten Sound und die intelligentesten Texte, die man in Deutschland finden konnte. Ihren Fans muteten sie dennoch einiges zu. Jetzt sind die legendären Alben wieder auf Vinyl zu haben - und haben uns gerade in der Pandemie einiges zu sagen.

  • Von Anfang an buhlt die Band Blumfeld um offene Ohren - ihre Musik wird über die Jahre immer zugänglicher.
  • Blumfeld gelten als Speerspitze der sogenannten Hamburger Schule, Sänger Jochen Distelmeyer als hochbegabter Texter.
  • Die sechs Alben der Band Blumfeld hören sich in Zeiten der Pandemie erstaunlich aktuell an.

Schon die erste Begegnung mit Blumfeld irritiert. Im Herbst 1994 plärren in Bayerns Kleinstadtdiscos hauptsächlich flanellhemdsärmelige Grunge-Rocker aus den Boxen. Doch auf einmal sticht aus dem Einheitsbrei eine helle, freundliche, fast knabenhafte Stimme heraus. Eine deutsche Stimme. Zu Schrammel-Gitarren und einem geraden Schlagzeug-Beat spricht Jochen Distelmeyer mehr, als dass er singt: „Merkst du, was ich merke, wenn ich den Output verstärke? Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg.“

Im Song „Verstärker“ scheint sich der Text selbstständig zu machen

„Verstärker“ heißt das Lied. Seine Wucht speist sich aus scheinbar unvereinbaren Komponenten: Krach und Tanzbarkeit – aber insbesondere aus dem sanft-nüchternen Nachrichtensprech Distelmeyers und daraus, dass hier einer erstaunlich offen ist. Aber das ist eben nicht pseudo-authentisch der Sänger. Vielmehr scheint sich der Text selbstständig zu machen und buhlt um offene Ohren, um fast erotischen Austausch mit dem Gegenüber: „Falls Du mich liest und darauf stehst. Dich von mir berühren lässt und mich berührst.“

Deutscher Rock mit literarischem Anspruch? Das macht Blumfeld zu Lieblingen der Feuilletons. Sie bleiben es bis zu ihrer Auflösung im Jahr 2007. In dieser Zeit sind sie die beste Band des Landes, Klassensprecher der sogenannten Hamburger Schule um Gruppen wie die Sterne oder Tocotronic. Sie werden stilbildend – gerade weil sie ihren Fans einiges zumuten.

Jetzt sind die sechs Alben in vorbildlichen Pressungen und Klappcovern als Vinyl-Ausgaben wiederveröffentlicht worden. Es zeigt sich: Die Blumfeld-Musik ist hervorragend gealtert, denn sie stellt zeitlose Fragen. Die simpelste und schwierigste: Wer bin ich eigentlich? Was habe ich in dieser Welt verloren, und wie wirkt sie auf mich?

Die Band hat sich nach einer Figur von Franz Kafka benannt

1992 tritt die Band mit dem Debüt-Album „Ich-Maschine“ auf den Plan. Distelmeyer, ein blasser Bielefelder im Exil, der aussieht, als habe man ihn gerade aus dem Bett geboxt, hat seine Band nach einem Erzählfragment von Franz Kafka benannt. Und so wie Kafkas Figuren in die Welt geworfen sind wie in den falschen Film, fühlt sich auch die Musik von Blumfeld, der Band, an. Welt- und Selbstekel in wütenden Zeilen: „Die andern oder Du, das ist es, was Dich in zwei Hälften teilt. Die eine schreit ,Rache!‘, die andere ,Scheiße! Dass gerade ich so aussehen muss, wie ich heiße!‘“ Es geht um die (unmögliche) Kommunikation zwischen Menschen, um Macht, Ohnmacht, Sexualität. Kaskadenartig, atemlos ergießt sich der Wortschwall des Dichters. „Einen Texter von seinem Rang sucht man in Deutschland lange“, schreibt der Pop-Theoretiker Diedrich Diederichsen und vergleicht Distelmeyers Stil mit dem von Rappern.

Das gilt erst recht für das zweite Album „L’État et moi“, auf dem das Persönliche politisch wird und Blumfeld mit den chauvinistischen Tendenzen im einig Vaterland hadern. Sogar in den USA wird man auf die Band aufmerksam, denn nicht nur mit „Verstärker“ scheint die Entscheidung gefallen, ob man nun Subkultur sein will – inklusive schroffem Gitarren-Brett –, oder im Radio gespielt werden möchte. Letzteres!

Trotzdem erwischt die Band viele eiskalt, als sie 1999 mit „Old Nobody“ zurückkommt. Am Anfang der LP steht ein sechsminütiges, gesprochenes Gedicht, dann kommt eine Schlagerballade. Es ist der härteste Punch ins Gesicht alter Fans, seit Dylan 1965 die E-Gitarre einstöpselte. Im Video zu „Tausend Tränen Tief“ tritt Helmut Berger auf, Distelmeyer zitiert fröhlich die Münchener Freiheit und Klaus und Klaus („Da steht ein Pferd auf dem Flur“), simuliert House-Music und gießt seine Kritik an der Warenwelt und stupidem Alltagstrott in einfache Zeilen. Darf man das als Indie-Band? Als Antwort lassen Blumfeld einen Kinderchor skandieren: „Mein System kennt keine Grenzen!“

Am Ende verliert Sänger und Texter Jochen Distelmeyer seine Unerbittlichkeit, nicht aber sein Selbstbewusstsein

Auf „Testament der Angst“ geht es 2001 noch weiter. „Arbeit, Fernsehen, Schlafengehen: So macht das Leben keinen Sinn.“ Simpel und wahr ist das. Der Album-Titel passt in die Zeit nach 9/11 – doch hätte die Platte genauso gut in unserem klaustrophobischen Corona-Klima entstanden sein können. „Er hat Angst davor, wie’s weitergeht, und vorm Alleinesein“, trällern Background-Sängerinnen in „Anders als glücklich“. Unbehagen und Schönklang gehen hier Hand in Hand. „Wellen der Liebe“, der perfekteste Popsong der Band, sorgt für Erleichterung.

Der Entwicklungsroman, den Blumfeld mit ihrer Karriere schreiben, geht mit „Jenseits von Jedem“ (2003) und „Verbotene Früchte“ (2006) zu Ende. Distelmeyer preist die Freuden des einfachen Lebens, die Utopie „Wir sind frei“ bleibt freundlich unradikal. Und in „Der Apfelmann“ zieht er sich zu guter Letzt ganz in die Gartenlaube zurück. Der Schwärmer Distelmeyer hat seine Unerbittlichkeit verloren – nicht aber sein Selbstbewusstsein. In „Die Welt ist schön“ hat er sogar mit dem Allmächtigen Mitleid: „Und Gott schwebt durch die Galaxien. Er ist so einsam und allein. An manchen Tagen scheint er zu sagen: Ich bin okay. Die Welt ist schön, ich lebe gern.“ Welch ein Trost: Wenn er das kann, können wir das auch.

Blumfeld:

Die sechs Vinyl-LPs sind auf dem bandeigenen Label wiedererschienen; CD-Versionen und Streams sind ebenfalls erhältlich.

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