Jeder hat hier Bühnenreife

- 1952 wurden junge Künstler erstmals eingeladen, heute ist der ARD-Musikwettbewerb die international bedeutendste Ausscheidung ihrer Art. 206 Bewerber aus 39 Ländern sind 2004 dabei - heuer in den Sparten Querflöte, Bratsche, Harfe und Streichquartett, die Durchgänge starteten gestern. Seit 2001 leitet Christoph Poppen, zugleich Chef des Münchener Kammerorchesters, den Wettbewerb.

<P>Im letzten Jahr reichte das Preisgeld von 110 000 Euro nicht aus, die Summe belief sich plötzlich durch Mehrfachplatzierung auf 115 000 Euro, aber sie waren zuversichtlich die fehlenden 5000 Euro zusammenzubringen. War es schwierig?<BR><BR>Poppen (lacht): Solche Dinge vergesse ich immer gleich. Es ist natürlich gelungen, das Geld aufzutreiben, wir konnten das aus dem eigenen Haushalt ausgleichen. Aber ich bin sehr glücklich, dass dadurch hoffentlich etwas Grundsätzliches passiert ist, nämlich dass die jahrzehntelange Hemmung, Preise auszuschütten, überwunden wurde.<BR><BR>In diesem Jahr liegt die Gesamtsumme bei 180 000 Euro. Woher kommt die Steigerung?</P><P><BR>Poppen: Das hängt mit den Kategorien zusammen, durch das Streichquartett ist sie automatisch höher. Ich erinnere mich übrigens gut an meine eigene Zeit im Quartett (Poppen war Gründer und Primarius des Cherubini-Quartetts, die Red.), da hieß es immer: "Im Quartett ist die Mark nur 25 Pfennig wert." Das wollen wir hier nicht. Auch ein einzelner Quartettspieler soll einen namhaften Preis mit nach Hause nehmen können. Das wird noch ergänzt durch Stipendienangebote wie der Theodor-Rogler-Stiftung oder auch der Karl-Klingler-Stiftung für Streichquartett.<BR><BR>Seit 2001 haben sie einige Neuerungen eingeführt, beispielsweise die Publikumspreise. Wie haben die sich bewährt?<BR><BR>Poppen: Darauf gab es von Anfang an eine sehr positive Resonanz. In den meisten Fällen waren sie überraschenderweise mit den Jury-Entscheidungen identisch. Ich freue mich immer besonders, wenn Publikumspreise an Zweit- oder Drittplatzierte gehen, denn jeder, der hier den Wettbewerb überhaupt antritt, ist ein bühnenreifer Künstler. Wer zur letzten Runde durchdringt, hat das Potenzial für eine Karriere und insofern auch die Gunst der Zuhörer verdient. Auch hat die engagierte Teilnahme des Publikums zugenommen. Im letzten Jahr mussten wir sogar auf größere Säle vom BR in die Musikhochschule ausweichen.<BR><BR>Interessant ist, dass beispielsweise bei der Viola außerordentlich viele Kandidaten aus den USA kommen. Woran liegt das?<BR><BR>Poppen: Das liegt auch an der Werbung, die wir in anderen Ländern machen, und an unserer Präsenz in Fachzeitschriften. Beides haben wir in den letzten beiden Jahren deutlich erhöht. Es hängt aber auch damit zusammen, dass in den USA bedeutende Viola-Pädagogen lehren, etwa Kim Kashkashian. <BR>Auszuwerten, warum aus bestimmten Ländern mehr Instrumente kommen, ist allerdings sehr schwer. Es gibt immer wieder die Grundbeobachtung, dass Holzblasinstrumente verstärkt aus Frankreich kommen, einfach weil die französische Tradition da ungebrochen stark ist.<BR><BR>Wobei auffällt, dass Japan und Korea heuer weniger stark vertreten sind.<BR><BR>Poppen: Das spielen banale wirtschaftliche Problemen eine Rolle. Die Teilnehmer müssen ihre Reise selber zahlen, und wir wissen alle, dass auch in Japan die Wirtschaft nicht mehr so rosig ist. Viele Eltern, die ihren Kindern vor Jahren noch einen Trip nach Europa gestiftet haben, können das im Moment nicht.<BR><BR>Ihre Affinität zum Streichquartett ist bekannt. Hängt da beim Wettbewerb ihr Herz besonders dran?<BR><BR>Poppen: Ich habe über 20 Jahre Quartett gespielt, und natürlich bin ich in meinem Herzen nach wie vor Kammermusiker. Aber inzwischen bin ich Dirigent, und deswegen ist mir mittlerweile jedes Instrument nah.<BR><BR>Sonntagabend gingen in Athen die Olympischen Spiele zu Ende, gestern startete der ARD-Musikwettbewerb. In gewissem Sinne auch ein sportives Ereignis. Was erwarten Sie sich von diesem Wettbewerb 2004?<BR><BR>Poppen: Ich finde dieses zeitliche Zusammentreffen mit den Olympischen Spielen sehr schön, denn im ursprünglichen olympischen Geist wünsche ich mir, dass hier die Musiker zusammenkommen, um ihre Kräfte zu messen und dadurch wachsen. Es ist wichtig, dass wir das Ganze wie ein großes Festival erleben und nicht so sehr wie einen sportlichen Wettkampf, in dem der Schwächere sozusagen einfach wegfällt und vergessen wird. Unverzichtbar sind zudem die menschlichen und künstlerischen Begegnungen während dieser Zeit und dass sich ein junger Künstler selbst testen kann, wie weit er gekommen ist, gemessen an dem was man sich vorgenommen hat. Es ist die Situation, mit der wir als Künstler ein Leben lang konfrontiert sind.<BR></P><P>Das Gespräch führte Dorothea Hußlein<BR></P><P><BR> </P>

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