Jeder liebt für sich allein

- Wie die Fliegen kleben diese Menschen an den Scheiben. Wenn sie nicht wie irr durch die Flure einer unmenschlich durchdesignten Wohnung schwirren, blöde und hysterisch einen Ausweg anpeilen, um dann doch nur wieder gegeneinander zu klatschen und einander einzusperren in diesem Labyrinth aus Glasflächen, schweren, in Folie verpackten Ledermöbeln und betongrauen Bunkerwänden.

Jeder liebt für sich allein. Das ist die ernüchternde Bilanz einer Dreiecksbeziehung, in der jeder die beiden anderen zu lieben behauptet. Und das könnte auch die nicht besonders neue Botschaft sein, die Florian Boesch mit seiner Inszenierung von Goethes "Stella" im Residenztheater mitteilen wollte. Aber vielleicht ist sie auch nur das Resultat eines Missgeschicks in dieser Aufführung: Denn jeder spielt hier für sich allein. Und das ist nur eines von vielen Problemen.

Boesch muss dem 1775 entstandenen "Schauspiel für Liebende", das Goethe 1806 zum "Trauerspiel" umgeformt hat, und seinen rührenden, menschelnden oder poetischen Momenten sehr misstraut haben. Es scheint, als habe er den im Sturm und Drang zu Fleisch und Blut, Trieb und Gefühl gewordenen Theaterfiguren ihre vorherige Blutleere zurückgeben wollen, warum auch immer.

Die meisten Nebenfiguren sind gestrichen, kleine verbindende Szenen fallen weg, in denen die Charaktere abseits von großen Monologen auch durch Widersprüchlichkeiten hätten Kontur und Tiefenschärfe gewinnen können. Szenen außerdem, in denen Motivationen klar werden, ohne die der Handlungsgang an Logik und Plausibilität verliert. Übrig geblieben sind heftig gebärdete Statements von Fernando, seiner Geliebten und seiner Ehefrau zur aktuellen Lage ihrer Emotion. Und derart stark gekürzt, ist diese Aufführung doch nicht frei von Längen.

Edle, kühle Leinwand-Diva

Vor allem Marina Galic kämpft in ihren schmerzlich deklamierten Solopassagen vergeblich dagegen an. Ob sich Stella gerade vor Liebe oder vor Leid verzehrt, macht in dieser von wenigen Emphasen unterbrochenen Monotonie keinen Unterschied. Weshalb sie eine solche Zuneigung zu Cäcilie verspürt, weshalb sie den Verzicht Cäcilies auf Fernando nicht akzeptieren kann, man hört es nur und spürt es kaum. Sie scheint dies alles allein mit dem Kopf spielen zu wollen, aber nicht mit den ihr eigenen anderen Mitteln. Selbst zu der Fernando-Puppe, einem täuschend ähnlichen "Bildnis" Michael von Aus, die doch als Verherrlichung des Liebsten und Verlorenen in Stellas Wohnzimmer thront, entsteht keine Beziehung.

Steht Fernando endlich selbst neben der Puppe, ist zu sehen, was man ohnehin schon weiß: Er ist ein ewig Zwiespältiger, was Wunder. Aber von Au nimmt Fernando nie ernst, spielt durchweg die Parodie vom ertappten Ehebrecher. Und man würde schon gerne wissen, was an dieser Witzfigur dran ist, dass Stella und Cäcilie ihr mit Haut und Haar verfallen.

Allein Barbara Melzl glänzt als betrogene Ehefrau, nicht nur, weil sie im Stile edler, kühler Leinwand-Diven in schlichter, makelloser Couture triumphiert. Sondern weil sie ihre Figur im Rahmen des noch Möglichen entwickelt, ihr Würde und Selbstironie, Schwäche, Lieblichkeit und raubtierhaften Instinkt, alles zugleich und in brisanter Mischung, verleiht. So spielt jeder der drei einen anderen Stil, das Beziehungsgefüge zerfällt schon dadurch in Einzelteile. Fast logisch, dass Boesch die Inszenierung mit dem Märchen einer Dreiecksbeziehung beendet, noch bevor es zur Mé´nage à` trois oder den später von Goethe eingesetzten Selbstmorden kommen kann. Ein Liebesstürmchen hinter Plexiglas, das niemanden abseits der Bühne, nicht einmal auf ihr, wegfegt.

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