Jeder Mensch ist letztlich ein Zufall

- Dreher hat er gelernt, als Heizer lange Jahre gearbeitet, aus dem "Zirkel schreibender Arbeiter" flog er hinaus. Weil er der einzige Arbeiter war unter "Lehrern, Studenten und Hausfrauen", der einzige, der nicht nur redete, sondern wirklich schrieb, und das nicht einmal mit den Phrasen des Sozialistischen Realismus, wie sie die DDR von ihren Autoren erwartete. Wolfgang Hilbig, 1941 in Meuselwitz bei Leipzig geboren, führt seit 1979 ein Schriftstellerleben, 1985 siedelte er in die Bundesrepublik über. In diesem Jahr erhielt er den Büchner-Preis.

<P>In der DDR sind Sie bis auf eine Ausnahme nicht veröffentlicht worden. Haben Sie also für sich selbst geschrieben? <BR><BR>Hilbig: Notgedrungen. Das ist keine gute Situation, weil man sich leicht verrennt. Texte brauchen ein Gegenüber. <BR><BR>Wann haben Sie mit dem Schreiben begonnen? <BR><BR>Hilbig: Ich habe schon als Kind geschrieben. Ich bin in einem Haushalt aufgewachsen, in dem alle zur Arbeit gingen. Ich war ein Schlüsselkind. Niemand hat gesagt, was ich lesen oder dass etwas aus mir werden soll. Da fängt man eben an, sich zu artikulieren. So genau weiß ich aber nicht mehr, wie es gewesen ist. Irgendwann habe ich Abenteuerhefte geschrieben, die von Mitschülern gelesen wurden. Und die wollten Nachschub. <BR><BR>Warum sind Schreiben und Leben für Sie Gegensätze? <BR><BR>Hilbig: Schreiben ist eine Tätigkeit, verbannt an einen Schreibtisch, in ein stilles Zimmer. Da findet das Leben auf dem Papier statt. Und ich bin den ganzen Tag mit Literatur beschäftigt. Eine Lesereise ist allerdings schon Leben. Hotel-Leben. Man verwahrlost auf Lesereisen. Sonst füllt mich die Literatur ganz aus. Ich warte dann auf den Moment, in dem mir etwas gelingt. Stapel von Anfängen habe ich herumliegen, die ich durchblättere und versuche, sie zu Ende zu bringen. Lyrik macht viel Arbeit, sie hat essenziellen Charakter. Bei Erzählungen kann man aufhören und wieder weiterschreiben. <BR><BR>Woher rührt Ihre Nähe zur Natur? <BR><BR>Hilbig: Die Landschaft meiner Kindheit war ein Braunkohlegebiet. Es gab dort sehr viel Wald. Die Braunkohletagebauer sind öfters abgesoffen, auf Wasseradern gestoßen. Außerdem gab es Abraumhalden, weiße Sandberge. Wald, Wasser, Wüste. Diese Landschaft hatte durchaus ihren Reiz. Die Idylle war es nicht. Eine Landschaft, die bearbeitet worden ist, die im Dauerumbruch war. <BR><BR>Wie konstruieren Sie Ihre kunstvollen Rhythmen? <BR><BR>Hilbig: Es handelt sich eher um ein Rhythmusgefühl. Die griechischen Metren, derer sich die deutsche Lyrik in der Klassik bedient hat, eigenen sich nicht für mich. Bei mir ist es der Rhythmus der Musik, die ich höre. Der Blues. Ich versuche auch, in der Prosa rhythmisch zu schreiben. <BR><BR>War Ihr Roman "Das Provisorium" über das Leben eines ostdeutschen Autors im Westen eine Abrechnung mit einem persönlichen Ost-West-Konflikt? <BR><BR>Hilbig: Nein. Es war ein Versuch zu beschreiben, was ich nicht richtig verstand. Bei mir ist das in der Regel der Anlass, dass ich etwas schreibe. Nicht dass ich es hernach besser verstehe. Aber es kommt zumindest ein Text heraus. Ich kam, mit einem einjährigen Visum in der Tasche, aus einer kleinen Industriestadt in die Bundesrepublik, also aus dem unangenehmsten Teil Thüringens in westdeutsche Metropolen. Ich bin ja auch im Westen geblieben, doch das war nicht mein Land. Aber die DDR war es auch nicht mehr. <BR><BR>Ist das Thema für Sie mit diesem Roman abgeschlossen? <BR><BR>Hilbig: Nein. Ich werde weiter darum kreisen. Gerade hatte ich eine Lesung in Merseburg. Da sieht es noch aus wie in der DDR. Das Leunawerk ist tiptop. Aber die Stadt ist heruntergekommen. <BR><BR>Wie geht es Ihnen, wenn Sie Ihre Heimat besuchen? <BR><BR>Hilbig: Ich stehe dem neutral gegenüber. Meuselwitz, wo ich herkomme, war Industriestandort, und es gab viele <BR>Maschinen- und Kohleverarbeitungsfabriken. Die sind alle dem Erdboden gleich gemacht worden. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 20 Prozent. Es herrscht eine Depression. <BR><BR>"Ich bin des Zufalls schiere Ungestalt", resümieren Sie in Ihrem "Gedicht zu meinem 60. Geburtstag". <BR><BR>Hilbig: Das ist ein philosophischer Gedanke, weniger ein Resümee. Jeder Mensch ist letztlich ein Zufall, was Fähigkeiten und Geschlecht betrifft. Heute ist das vielleicht anders, in meinem Geburtsjahr aber war es noch so. <BR><BR>Das Gespräch führte Christine Diller <BR></P>

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