Jeder sieht seinen eigenen Riesen

- Cervantes sitzt im Gefängnis. Die anderen Knastologen bedrohen ihn und sein berühmtes Werk. Er spielt ihnen die Geschichte um Don Quixote und Sancho vor, um mit dem Roman zu überleben. Dale Wasserman (Text) und Mitch Leigh (Musik) schildern diese Turbulenzen in dem Musical "Der Mann von La Mancha", das am 27. Juni in der Inszenierung von Bruno Jonas am Münchner Gärtnerplatztheater Premiere hat. Der Kabarettist spielt im Wechsel mit Torsten Frisch die Hauptrolle Cervantes/ Don Quixote. Die musikalische Leitung hat Andreas Kowalewitz.

<P>Gratulation zum Merkur-Theaterpreis. <BR><BR>Jonas: Die Anerkennung vom Publikum ist eine besondere Auszeichnung. Ich freue mich immer, wenn ich für das, was ich mache, gelobt - und nicht beschimpft werden. <BR><BR>Ein gutes Omen für den "Mann von La Mancha"?<BR><BR>Jonas: Ich hoffe, dass alles ein gutes Omen ist. Die Zeichen stehen günstig, die Sterne auch . . . Was ich jetzt so sehen kann auf der Probe, da glaube ich: Es wird eine schöne Inszenierung. Ich habe ausgewiesene Könner um mich, die mir viel gegeben haben. Es war sehr befruchtend. Das ist am Musiktheater toll, dass so viele Menschen auf einen Punkt hinarbeiten. Auch diejenigen hinter der Bühne, die Werkstätten - mit welcher Begeisterung die mitgehen!<BR><BR>Sie kannten das Musical schon. Wie ändert sich die Perspektive, wenn man es als Regisseur und Schauspieler anpacken muss? Hatten Sie Angst?<BR><BR>Jonas: Ich habe 30-mal im "Don Giovanni" beim Südostbayerischen Städtetheater gespielt - und viele andere kleine Rollen. Ich kenne den Betrieb. Im "Mann von La Mancha" war ich damals in den 70ern der Maultiertreiber Pedro. Es ist das Stück, das mich fürs Theater gefangen hat. Zwischendurch, bei der Vorbereitung, ist man manchmal schon ziemlich deprimiert. Vieles funktioniert nicht wie gedacht. Beim Prozess von der Idee bis zur Realisierung geht man durch Höhen und Tiefen. <BR><BR>Für ein Musical hat der "Mann von la Mancha" verzwickte Erzähl- und Realitätsebenen. Wie bringt man die gut verständlich, dazu flott und witzig auf die Bühne?<BR><BR>Jonas: Es ist ein Abenteuer. Ich klopfe alle Texte auf ihren Subtext hin ab: Wenn ich so oder so spreche, was heißt das dann? Und ich will keine Pointe auslassen, wenn eine da ist. Na ja, deswegen hat mich Intendant Klaus Schultz geholt. Ich habe das Stück bearbeitet, Gags neigschriebn - und schon wieder nausgschmissen, weil sie mir nimmer gfallen habn. Was ich mir vorher überlegt habe, habe ich meinem Team erzählt, zum Beispiel, dass der Kerker ein Sinnbild für eingeschränktes Denken ist. Der Bühnenbildner Heinz Hauser hat daraufhin viele Einfälle entwickelt. Auf der Bühne wird es keinen Naturalismus geben. Wir müssen eine Zeichensprache finden, die den Kern des Stücks aufschließt. <BR><BR>Was ist der Kern?<BR><BR>Jonas: Das ist die Metapher der Windmühlen. Und da sind zwei scheinbar völlig verschiedene Menschen. Es geht um Wahrnehmung von Wirklichkeit und die Überschreitung der Wirklichkeit hin zur fantastischen Welt. Es ist nicht die Frage, wie verrückt ist Don Quixote, sondern wie verrückt sind die Dinge, mit denen er zu tun hat. Die Welt erscheint uns nur so, sie könnte auch ganz anders sein. Da ist der kleine Dicke. Könnte doch sein, dass Don Quixote sich den nur ausgedacht hat - und umgekehrt. Dann hat man eine ganz zynische Weltsicht.<BR><BR>Wie macht man so etwas auf der Bühne deutlich?<BR><BR>Jonas: Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Dr. Carrasco sagt zu Quixote, dass es seit Jahrhunderten keine Riesen mehr gibt. Dabei lasse ich hinter ihm einen riesigen Ritter erscheinen. Der Doktor dreht sich um und kriegt einen Wahnsinnsschrecken. Don Quixote aber nicht - denn er hat diesen bestimmten Riesen gar nicht gesehen . . .<BR><BR>Es gibt für fast alle Rollen doppelte Besetzungen. Sie selbst wechseln sich mit Torsten Frisch ab. Besteht nicht die Gefahr, dass die Besucher enttäuscht sind, die "ihren" Jonas sehen wollen?<BR><BR>Jonas: Ich würde ja den ganzen Juli spielen, aber die Repertoire-Planung des Theaters lässt das nicht zu. Die ersten vier Probenwochen habe ich gar nicht gespielt: I kann mi ja net zreißn. Ich wollte erst sehen, was passiert. Die Rolle des Cervantes ist für mich relativ günstig, weil er als Erzähler die Geschichte vorantreibt. Schön war es zu sehen, wie Torsten die Figur für sich erfindet. Er kommt von der Musik - ich fordere viel Dialog. Er formt die Rolle anders als ich und versucht nicht, mich nachzuahmen. Der Torsten macht das hervorragend. Die Doppelbesetzung ist ein Riesenvorteil und ein Riesennachteil zugleich. Die Probenzeit war für mich als Schauspieler eben nur vier Wochen. Aber ich habe nur noch zwei Hänger - und eine tolle Souffleuse.<BR><BR>Sie sind berühmt für Ihre Hänger. Haben Sie ein besonderes Arrangement mit der Souffleuse getroffen? Kriegt sie eine Erschwerniszulage?<BR><BR>Jonas: Hänger finde ich nicht so schlimm. S' könnt' mir schon passieren . . . die Rolle lässt es zu. <BR><BR>Hat das Gärtnerplatztheater das Projekt an Sie herangetragen?<BR><BR>Jonas: Vor vielen Jahren habe ich Schultz getroffen, i glaub' sogar am Nockherberg. Wir sind Rücken an Rücken gesessen, und er hat gmeint: "Wir sollten uns mal unterhalten." Meine Liebe zum Musiktheater habe ich nie ganz weglassen können. Schultz und ich redeten damals auch über den "Mann von La Mancha": Falls er ihn mal in München herausbringt, würde ich gerne die Hauptrolle spielen. Vier Jahre sind ins Land gegangen. Dann meine Frau: "Das Gärtnerplatztheater hat angerufen. Es ist dringend." Beim Gespräch schließlich habe ich gemerkt: Schultz spricht so, als sollte ich auch inszenieren . . . Dafür habe ich ein komplettes Gastspiel in Berlin abgesagt.<BR><BR>Ein Schriftsteller, der vor recht schwierigem Publikum sein Werk spielen muss, um es zu retten: Ist das nicht eine gute Definition für "Kabarettist"?<BR><BR>Jonas: Die Parallele fällt mir nicht auf den ersten Blick auf. "Der Regisseur" ist sicher nicht Kabarettist, eher "der Schauspieler". Wichtig ist mir der Gedanke, dass Cervantes sein Stück durchs Spielen am Leben erhält.</P><P>Das Gespräch führte Simone Dattenberger<BR><BR></P>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Beim Münchner Krimi-Herbst des Internationalen Krimifestivals München lesen hochkarätige Krimi- und Thriller-Autoren aus aller Welt aus ihren Büchern.
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache
„Gscheid gfreid“ hat sich Martina Schwarzmann am Sonntag. Die Kabarettistin erhielt die „Bairische Sprachwurzel“. Damit wurde ihr Einsatz zur Rettung der Dialektvielfalt …
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache

Kommentare