Für jedermann

München - In der Münchner Pinakothek der Moderne ist die Schau „Ich bin ein Sender. Multiples von Joseph Beuys“ zu sehen.

Na, ein bissl mehr Platz hätte die Pinakothek der Moderne schon für Joseph Beuys freiräumen dürfen. Die Sammlung Moderne Kunst hat sich zwar jetzt zu der kompakten, informativen und amüsanten Ausstellung „Ich bin ein Sender. Multiples von Joseph Beuys“ aufgerafft, dafür andere Objekte der Künstler-Legende ins Depot gegeben. Diese Schau macht zu allererst eines klar: Die Beuys-Säle müssen von Grund auf umkonzipiert werden. Hier die monumentale Basalt-Installation „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ (1983) in einen zu engen Raum gequetscht. Dort – auch noch im Abstand! – die kleineren Arbeiten in architektonischen Restl-Kabinetten. Dieses kleinliche Gezipfle fällt noch unangenehmer auf, da das neue Lenbachhaus in einem Trakt der Villa „seinen“ Beuys als einen Wurf präsentieren kann.

Wäre die Pinakothek der Moderne großzügiger, hätte das Münchner Museumsareal insgesamt ein außergewöhnliches, weil vielfältiges, feinnerviges Panorama eines großen Teils von Joseph Beuys’ Schaffen zu bieten gehabt. Der Verzicht ist insofern unverständlich, da die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sich sogar zu einer wissenschaftlichen Tiefenschürfung entschlossen hatten. Zusammengearbeitet hat man dabei mit dem Busch-Reisinger Museum, Harvard Art Museum im US-amerikanischen Cambridge. Das Augenmerk richtete sich auf die wohl 557 Multiples (fast 300 besitzen die Staatsgemäldesammlungen), die der Meister aus dem Rheinland von 1965 an bis in die 80er-Jahre hinein kontinuierlicher als andere entwickelte. Dabei definieren die Ausstellungskuratoren Multiples, die es seit Beginn der 60er gab, als „seriell hergestellte, meist kleinformatige Kunstwerke, die zu einem erschwinglichen Preis verkauft werden“.

So war etwa eine Beuys-Postkarte (erstaunlich unvergänglich diejenige mit dem Text: „Letzte Warnung an die Deutsche Bank – Beim nächstenmal werden Namen und Begriffe genannt“) für zwei Mark erhältlich. 1973 war das Auflagenobjekt des lebensgroßen Silberbesens und seines Bruders, des Besens ohne Haare – wir Bayern denken da gleich an Valentin –, für 7800 Mark zu haben; 1981 musste der Käufer schon 14 000 Mark hinlegen. Die transatlantische Wissenschaftler-Crew zeigt auch solch geschäftliche Details wie Angebotslisten der Herausgeber Klaus Staeck, René Block oder der Münchner Bernd Klüser und Jörg Schellmann. Wir lernen außerdem, dass diese Beuys-Freunde so manche Idee mit ihm zusammen „zeugten“.

Beuys mochte diese Anregungen – und vor allem, dass er mit dieser Form der Kunst in die Breite wirken und, wenn nötig, Geld für Projekte sammeln konnte. Deswegen begegnet dem Besucher in der Schau immer mal wieder die Abkürzung F.I.U., die für Free International University steht. 1973 gegründet, war dieses Menschen-Ziele-Gedanken-Gebäude durchaus pragmatisch angelegt. So prangt auf alltäglichen Alukannen nicht umsonst Federazione Italiana Ulivoculturali (FIU), denn Universität und Landwirtschaft schlossen sich bei Beuys nicht aus. Und mit den Einkünften aus Multiples unterstützte er zum Beispiel solche Vereinigungen wie die Fondazione per la rinascita dell’ agricultura (Abruzzen), die naturnahen, traditionellen Anbau förderte. Auch das 7000-Eichen-Projekt für die Kasseler Documenta 7 (1982) wurde teilfinanziert durch das großartige Multiple „Hasenstein“: Basaltstelen, wie sie in Kassel neben den Bäumen positioniert wurden, bekamen ein goldenes Häschen aufgesprüht. Eine Auflage von 200 Stück war geplant, 50 wurden realisiert, eine Skulptur ist in der Pinakothek der Moderne zu sehen – und müsste viel näher an der Basalt-Arbeit „Das Ende des 20 Jahrhunderts“ liegen. Bedauerlich, dass die Ausstellungsmacher Bezüge nicht herstellen.

Solche Mäkeleien vergehen einem aber in der „Sender“-Ausstellung schnell, denn Beuys (1921–1986) überzeugt halt wieder durch seine Mischung aus Humor, Kunst-Freiheit, politischem Zugriff, gesellschaftlicher Neugier – und bewusster Selbst-Inszenierung.

Humor in Form von brauner und bunt glasierter Keramik: Den sollte der Besucher im Raum für Norbert Prangenberg (1949–2012) keinesfalls versäumen (Saal 34). Schön erklärt die Kombination aus skurrilen Plastiken und Gemälden, wie der Künstler Gattungen, Materialien und Stilmittel zu einer, zu seiner Einheit verschmilzt.

Simone Dattenberger

Bis 11. Januar 2015,

täglich außer Mo.; Mi. freier Eintritt; Tel. 089/ 23 80 53 60.

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