Koketterie: Birgit Minichmayr als Buhlschaft und Nicholas Ofczarek als Jedermann. Der Künstler spielt in der kommenden Saison am Münchner Residenztheater in „Kasimir und Karoline“ und beide spielen im „Weibsteufel“. foto: dapd

Jedermannn" in Salzburg: Kawumm und Kapitalismus

Salzburg - Ja, es scheint, als habe sich Jean Ziegler von Christian Stückls „Jedermann" und der Gestaltung der Titelrolle durch Nicholas Ofczarek inspirieren lassen. Ziegler war UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und hätte am Mittwoch die 91. Salzburger Festspiele in der Felsenreitschule eröffnen sollen. Hätte. Eigentlich.

Von Michael Schleicher

Doch der Soziologe wurde ausgeladen (weil er über den Welthunger sprechen wollte?) und durch Joachim Gauck ersetzt (wir berichteten). Seine „ungehaltene Salzburger Rede“ hat der Schweizer trotzdem veröffentlicht, die Salzburger Grünen verteilten sie vorgestern bei einer Protestaktion. „Wunder könnten in Salzburg geschehen: das Erwachen der Herren der Welt“, - das wollte Ziegler sagen. Aber auch: „Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst.“

Ja, mit diesem letzten Satz sind wir bei Nicholas Ofczareks Jedermann: Was für einen Unsympathen, welch zynisches Großmaul und brutalen Großkotz, mächtig geworden durch sein Geld, zeigt er da am lauen Salzburger Sommerabend auf dem Domplatz! Der 40-jährige Wiener spielt die Titelrolle als politischen Kommentar auf Kapitalismus und Egomanie. Später wird dem Schauspieler der Wandel vom Prasser zur jammervoll flehenden Seele gelingen. Ja, dieses Breitbild-Weltentheater erlangt in den intimen Momenten der Zwiesprache Jedermanns mit seinem Schöpfer beinahe den Charakter eines Kammerspiels. Man schaut gebannt, was Stückl und sein Hauptdarsteller hier schufen. Am Ende feiert das Publikum beide. Der Intendant des Münchner Volkstheaters hat Hugo von Hofmannsthals „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ im vergangenen Jahr neu für Salzburg eingerichtet. Wie intelligent die Inszenierung ist, zeigt diese zufällig aufgeschnappte Frage eines Premierengasts: „Is der Sandler vom Nachmittag überbliebn?“ Nein, die abgerissene Gestalt, die vor Beginn auf den Stufen vor dem Dom sitzt, ist der Höchste. Dabei sieht Gott (Martin Reinke) aus wie der Geringste unter den Menschen.

Stückl verbindet geschickt Volkstheater und Mysterienspiel, in dem er seine Inszenierung von Kindern aus Riedering musikalisch und spielerisch sehr charmant rahmen lässt. Zudem bietet er reichlich Kawumm und Feuerzauber. Obendrein hat Marlene Poley Jedermanns Tischgesellschaft in schrille Kostüme gesteckt und Markus Zwink für süffige Musik gesorgt. Stückl arbeitet auch die religiöse Botschaft des Stoffs schön und konzentriert heraus: Gott ist Gnade. Der Glaube an diese rettet jeden Sünder, der bis zum Tod eine Wahlmöglichkeit hat. Das thematisierte an diesem Vormittag Joachim Gauck in seiner Rede: „Wir wissen, dass wir weder zum Tun des Bösen noch zum Leben des Nichtigen geboren sind. Auch wissen wir, dass wir hinreichend oft in unserem Leben eine Wahl haben - nicht immer nur zwischen Gut und Böse, oft aber zwischen Besser und Schlechter, selbst- oder fremdbestimmt. Und wir wissen, dass wir Hilfen brauchen, die Wahl zu treffen, die uns und anderen hilft, ein Mensch zu werden.“ Abends, vor dem Dom begreift Jedermann eben dies spät - und nur mit Unterstützung der Guten Werke.

Es geht zu Herzen, wie diese Allegorie, ein zartes, doch selbstbewusstes Mädchen, den Gefallenen auf den rechten Weg bringt. Lina Beckmann ist heuer die einzige Neubesetzung im „Jedermann“. Die Guten Werke sind ihr Salzburg-Debüt, für das sie bejubelt wird. Zu Recht, denn mit Chuzpe und Charme bietet sie Peter Jordans grausigem Teufel Paroli. In ihr findet Jedermann jene Liebe, die ihm seine Buhle versagte: Birgit Minichmayr zeigt kein lustvolles Wonneweib, sondern setzt Sex-Appeal, Keckheit und Koketterie stets berechnend ein. Kein Wunder, dass sie sich weigert, mit in den Tod zu gehen. Wie berichtet, wird Minichmayr zur neuen Spielzeit ebenso ans Münchner Residenztheater wechseln wie Nicholas Ofczarek: Nach dem „Jedermann“ beginnen für ihn die Proben zu Horváths „Kasimir und Karoline“ (Regie: Frank Castorf). Premiere ist am 30. Oktober. Wir dürfen uns heute schon darauf freuen.

Nächste Vorstellungen

am 2., 6., 9., 15., 16. August; Telefon 0043/ 662/ 8045-500.

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