Jedermanns Tochter

- "Auch wenn ich schlecht war, wollte man glauben, dass ich gut war." Ein Satz nur, kühl und klug, die scharfe Analyse der eigenen Karriere aus dem Mund von Geraldine Chaplin. Eine Stunde lang stellte sie sich gestern dem Münchner Publikum, tags zuvor hatte man die Darstellerin beim Filmfest geehrt, zum Auftakt der ihr gewidmeten Hommage.

<P>Frappierender Eindruck: Streng und dabei immer charmant und humorvoll wirkt sie, jünger als viele 58-jährige. Statuenhaft scheint sie durch viele Filme eher zu schreiten und zu gleiten, als zu gehen, immer irgendwie unbewegt und damit um so wirkungsvoller. So ganz anders erscheint sie jetzt im hellen Hemd, das mit bunten Farben wie lustig bekleckst wirkt, die Sonnenbrille keck im Haar. Vor allem ihre Augen ziehen den Blick an, ihr lebhaftes Lachen, ihr Gesicht, das dem berühmten Vater so verblüffend ähnelt.</P><P>Natürlich wird sie vor allem auf ihn angesprochen: Wie es denn sei, als Charlie Chaplins Tochter - wie oft wohl wurde sie das schon gefragt? "Er war vor allem mein Vater", antwortet sie höflich, "ein warmherziger, unglaublich witziger Mann; ich glaubte, dass er der berühmteste, genialste und geliebteste Mensch der Welt sei."</P><P>Es muss eine merkwürdige Jugend gewesen sein, verwöhnt im Goldenen Käfig von Hollywood und den reichen Villenvierteln am Genfer See, Berühmtheiten gingen ein und aus, und der allerberühmteste, der alte Vater - Chaplin war schon 55, als sie geboren wurde - blieb auch privat immer seiner Rolle als Komiker verhaftet.</P><P>Zuerst wich sie in die stille, strenge Arbeit des Balletttanzes aus, bevor sie mit 20 die zweite von bisher 89 Filmrollen - ihre allererste hatte sie wieder dem Vater zu verdanken: In "Limelight" hatte die Achtjährige einen Kurzauftritt - übernahm. Es war der Beginn einer erfolgreichen Befreiung aus dem Schatten des geliebten, übermächtigen Vaters.</P><P>"Durch ihn wurde ich jedermanns Tochter", sagt sie, alle liebten ihn, und darum projizierten sie ihre Liebe auch in mich". Bald wurde sie der Star des Autorenfilms, zuerst vor allem bei Rivette und Saura, mit dem sie lange liiert war, später dann immer wieder in den USA. Mehrfach drehte sie mit Robert Altman und Alan Rudolph, und bis heute hält sie die 70-er für ihre beste Zeit: "In der Epoche der starken Autoren-Regisseure waren die Filme besser", meint sie. Auch darin ist sie ungewöhnlich: "Ich liebe Regisseure, ich will geformt, gelenkt und getrieben werden!" Heute reizt sie Martin Scorsese: "In 'Age of Innocence' hatte ich nur eine Nebenrolle." Gern würde sie bei ihm einen großen Part bekommen."</P><P>An den folgenden Tagen zeigt das Filmfest einige Glanzlichter aus Chaplins Karriere, unter anderem Altmans "Nashville" (5.7.) und Sauras "Züchte Raben" (3.7.). Heute um 18 Uhr und am 5.7. um 17.15 läuft auch die phänomenale Chaplin-Dokumentation des US-Kritikers Richard Schickel (jeweils im Maxx).<BR><BR></P>

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