Jedes Rascheln ein Ereignis

- "Gewähltes Profil: Lautlos" - das signalisieren ausgerechnet Handys, die allgegenwärtigen akustischen Störenfriede. Lautlos, diesen unerreichbaren Idealzustand kann selbst der leise Ruedi Häusermann nicht erschaffen. Doch ihm gelingt etwas anderes. Auch in seinem jüngsten Beitrag zum Programm "Festspiel + " im Rahmen der Münchner Opernfestspiele (Residenztheater) sensibilisiert er die Zuhörer und -schauer wieder aufs Äußerste.

Die Flüstertüten, mit denen seine Akteure (Musiker, Schauspieler, Soundspezialisten) die Szenentitel ins Publikum schicken, weisen den Weg: Jeder lauscht konzentriert und staunt, was er plötzlich alles wahrnimmt. Nicht nur die Musik, die Klänge und Geräusche, die von der Bühne kommen, sondern auch die Laute im Zuschauerraum: Jedes Rascheln, jedes Räuspern, jedes Niesen wird zum Ereignis _ irritiert und rundet doch das Hörbild, mit dem Häusermann den Abgestumpften verstören will. Den ganz normalen akustischen Wahnsinn kickt er in eine andere Wahrnehmungsbahn.

Diesmal geschieht das auf ungewohnt trüber, spröder Basis. Verwöhnt von Häusermanns früheren Münchner Kult-Abenden, erwartete mancher Fan wieder eine fette Portion vom skurrilen Schweizer Witz und der aberwitzigen Komik, mit denen er seine absurden Klangerkundungen bisher ausstaffierte. Durch "Gewähltes Profil: Lautlos" hingegen sprühten kaum dadaistische Funken. Da dehnten sich die Repetitionen, gerann die Langsamkeit mancher Aktionen zum zähen Nervenzerrer - ermüdend, im ärgsten Moment gar langweilend.

Mini-Seilbahn aus Kassettenrekordern

Obwohl der Abend zunächst Neugier weckte: Als das Streichquartett mit Häusermanns minimalistischen Klängen die Ohren des Publikums spitzte, als das Entstehen dieser Klänge sichtbar gemacht wurde, indem im Schattenbild auf weißer Papierbahn die flinken Finger der Streicher vorbeihuschten. Als in einer Tonsetzerei graue Menschen an kleinen Tischen buchhalterisch ihre Geigen-Töne notierten. Das Wechselspiel von fragilen Streichertönen, surrenden Stahlseilen, metallischem oder dumpfem Blechtonnen-Sound und einer Klang- und Sprach-Melange aus Kassettenrekordern, die schließlich wie Mini-Seilbahnen durch den Theaterraum schwebten, krönte eine deftige Blasmusik.

Jahrmarktstimmung hinterm Zelt aus weißen Papierbahnen verbreitete auch die jaulende Karrussell-Ansagerin, die zur schaukelnden Schattenfahrt lud, bevor ein Unwetter - von vielen Tonnen herbeigewittert - zum Einholen der Papier-Segel zwang.

Immer wieder freudig begrüßt wurden drei Schlagzeug-Schlägel, die wie Mini-Männchen einen riesigen (Schweizer) Schattenberg bestiegen und am Gipfel ein Kreuz errichteten - eine naive Spielerei mit Charme. Mehr davon hätte dem knapp zweistündigen, lahmenden Abend, den manche vorzeitig flohen, gut getan.

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