Die Jelinek stellt die Frauenfrage

Münchner Kammerspiele: - Da haben wir den Salat. Immer wieder mischt ihn die Mutter/Großmutter in der großen Schüssel. Aber keiner will ihn. Nicht der Vater/Großvater, nicht die halbwüchsigen Enkel/ Sohn und Tochter. Als gutbürgerliche Familie, die Alten als die schicken Rebellen von einst, sitzen sie um den reich gedeckten Tisch. Wein, ein Berg von Garnelen.

Momentweise riecht das ganze Theater nach Fisch. In den Münchner Kammerspielen hatte "Ulrike Maria Stuart" Premiere, ein Stück von Elfriede Jelinek.

Jossi Wieler, der Spezialist für bürgerliche Befindlichkeiten, hat aus dem, wie‘s bei Jelinek heißt, "Chor der Greise" ein Generationen übergreifendes Spießer-Quartett gemacht, wo die Kinder im ironisierten Märchenton fragen: "Sag uns, ist die Mutter tot?" Und der Papa antwortet: "Nein, sie ist heimgesucht."

Das zieht sich in der Münchner Aufführung eine gute Weile so hin. Fragen nach den Legenden der RAF, Verklärung inbegriffen, und Antworten, die keine sind. Die Geschichte ist ein Supermarkt, jeder nimmt sich aus den Regalen, was ihm gerade passt. "Was ist jetzt daran wahr, was nicht? Das weiß wohl keiner hier im Laden." So oder so ähnlich heißt es jedenfalls im nicht frei verfügbaren Text, den die Literatur-Nobelpreisträgerin aus spleenigem Grund als Lesestoff strikt gesperrt hat.

Na und? Spannender wird die Sache nicht dadurch. Die erste halbe Stunde: gepflegte Langeweile. Da taucht wie ein bebrilltes Gespenst aus Nebelschwaden die Titelfigur auf: Ulrike Maria Meinhof lässt in trauriger Insistenz ein paar ideologische Pamphlete los, schön gesetzt in edle Sprache, schlägt mit dem Kopf an die Wand, stilisiert sich zur Medea und bleibt schließlich erschrocken an der Rampe stehen, als Gudrun Elisabeth Ensslin mit einigem Karacho auftritt: weiß geschminktes Gesicht, ein kokettes Gespenst aus ferner Zeit. Mit einem Ruck reißt sie das Tischtuch runter, knallt die Pistole auf die Platte. Dann die Erinnerungssuada auf den lächerlichen Umstand ihrer einstigen Verhaftung: beim Pulloverkauf in einer Hamburger Boutique.

Die Alten und die Jungen sind erschreckt, weichen zurück, sondern aus berühmten Zitaten konstruierten Sprechblasensalat ab wie: "Aus der Freiheit hat noch keiner geschafft, eine Notwendigkeit zu machen." Oder: "Das Volk schläft nie.", was man von dem Premierenpublikum allerdings nicht so genau weiß. Und: "Es ist doch alles schlecht, so wie es ist."

Was nun auch wieder nicht stimmt. Bleibt zwar die Inszenierung bis dahin ziemlich fad und im Zwielicht der Gegenwart, wird sie in dem Moment erhellt, wenn‘s um die Vergangenheit geht; wenn der Gefängnistrakt von oben herunterfährt. Ein tolles Bühnenbild, das Treppenhaus von Stammheim, über dessen Stufen und an den Geländern entlang sich körperlich schwerfällig Gudrun Elisabeth quält.

Endlich der Hauptteil des Stücks, die Paraphrase auf jene Szene aus Schillers Drama "Maria Stuart", in der sich die beiden Königinnen das erste und einzige Mal begegnen. Bei Jelinek gibt es kein Streitgespräch, keinen Dialog, eigentlich nur Monologe, aber so aneinandergefügt, dass sie doch ebenso spannend sind wie der Klassiker. Und behauptet die Autorin im Programmheft, nichts von der Welt, nichts vom Leben, nichts von den Figuren zu wissen und zu verstehen, so hat sie doch in Wieler auch hier wieder den Regisseur gefunden, der einbringt, was ihr fehlt: die Psychologie.

Großartig die Schauspielerinnen, die in dieser Szene mit der typischen Halskrause der elisabethanischen Zeit versehen sind. Brigitte Hobmeier ist die kalte, kokette, eitle Frau, Gudrun Ensslin und Königin Elisabeth zusammen, aber auch die sich die Blut befleckten Hände reibende Lady Macbeth, die schamlose Buhlerin um Mann und Macht. Aus der Gosse der Geschichte, aus der Versenkung der Bühne krallt sich die andere herauf, die hier für Maria Stuart und Ulrike Meinhof steht. Bettina Stucky, erstmals in München zu sehen, spielt in ihrer körperlichen Massigkeit diese Rolle mit bezwingender, stiller Intensität. Sie ist die intellektuell Überlegene, in Liebesdingen Unterlegene. Sie ist die von den so affigen wie gefährlichen Selbstbespieglern unter den Terroristen wie Ensslin und Andreas Baader (eine glänzend gebotene Parodie: Sebastian Rudolph) Ausgeschlossene, Gemobbte, in den Selbstmord Getriebene.

Was aber will Elfriede Jelinek mit diesem Stück? Anhand der mörderischen Revolte der ideologisch durchgeknallten und zu Terroristinnen verkommenen Achtundsechzigerinnen stellt sie die Frauenfrage. Dazu dient ihr Schillers Drama als Muster. Sind Frauen von ihrer angeblich spezifischen Gefühlslage her geeignet für politische Machtausübung? Werden sie im Falle des Herrschens über Leben und Tod Popanze ihres Geschlechts? Nein, opportun sind solche Fragen nicht. Sie sind absolut altmodisch, völlig überholt, passen nicht ins emanzipatorische Bild. Darum umso mutiger gestellt.

Doch alles ist hier so schrecklich moderat. Man fragt sich am Ende, ob die Inszenierung Jossi Wielers nicht ein bisschen Grellheit und Panoptikum gebraucht hätte. Etwas von der verzweifelten Lächerlichkeit dieser zweifelhaften Geschichts-Ikonen, die, welch Zufall, durch die gegenwärtige Diskussion um Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar eine Extra-Aktualität erfahren haben.

Die Handlung

Der "Chor der Greise" wird heimgesucht von einer Untoten namens Ulrike Maria. Außerdem bricht ein aus dem Jenseits ins Heute Gudrun Elisabeth. Die Gesellschaft flieht erschrocken. In Königinnenart à la Schiller bekriegen sich zwei Flintenweiber um die Macht und den Mann.

Die Besetzung

Regie: Jossi Wieler. Bühne: Jens Kilian. Kostüme: Anja Rabes. Musik: Wolfgang Siuda. Darsteller: Bettina Stucky (Ulrike Maria); Hildegard Schmahl, Werner Rehm, Katharina Schubert, Sebastian Rudolph (Chor der Greise); Brigitte Hobmeier (Gudrun Elisabeth).

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