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Feierten die Premiere von "Lucia di Lammermoor" in der Staasoper (v.l.): Pavol Breslik (Tenor), Diana Damrau und Nikolas Bachler.

Premierenkritik

Jenseits von edel: Lucia di Lammermoor in der Staatsoper

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James Dean trifft Belcanto: "Lucia di Lammermoor" wird in einer packenden Neuproduktion an der Bayerischen Staatsoper aufgeführt.

Ein Massaker wäre das geworden. Der Pater, der Bruder, die getreue Freundin, die Festgäste, alle hingestreckt per Pistole, genauso wie Minuten zuvor der im Hochzeitsbett verröchelnde Gatte. Wenn da nicht diese Töne wären, diese irrlichternden, ungreif- und unfassbaren Klänge, die in ihrem Hirn spuken, die nur sie hört und die – Glasharmonika sei Dank – den Amoklauf verhindern. „Wahnsinnsszene“, der Ausdruck umschreibt ja nur klischeehaft, was Gaetano Donizetti im vorletzten Bild seiner „Lucia di Lammermoor“ als Divenfutter komponiert. Wo sonst also die gefallene Heldin vom Umfeld als Bizarrerie bestaunt wird (eine ziemliche Männerfantasie), wird sie hier zur furchteinflößenden Täterin.

So wie bei dieser Premiere an der Bayerischen Staatsoper hat man diese Szene wohl tatsächlich noch nicht erlebt – obgleich Knarrengefuchtel oft und gern billiges Regiemittel ist. Doch eine Diana Damrau im Glitzerfummel als Jackie-Kennedy-Marilyn-Monster, die alle in Schach hält, die schließlich zum Mikro greift und Verzierungen als schleichendes Gift und Waffe einsetzt, ist vor allem eines: glaubhafter, als wenn hier ein Star seine Vokal-Perlen Parkett und Rängen entgegenstreckt.

Ausdruckswut droht ins Exaltierte zu kippen

Das Beste an dieser Neuproduktion von Regisseurin Barbara Wysocka ist also nicht unbedingt das Konzept, das sind vielmehr die Maßanfertigungen fürs Personal. Bei Diana Damrau droht ohnehin ständig Ausdruckswut ins Exaltierte zu kippen. Hier wird das benutzt. Ihre Lucia hat dieselben Rachegene wie Bruder Enrico. Die Hochzeit mit dem ungeliebten Arturo passiert mit voller Absicht: Wo Geld und Wut dominieren, muss eben mal die Liebe zurückstecken. Und da passt es, dass diese großartige, hemmungslos agierende Sängerin nicht unbedingt ebenmäßigen Schöngesang bietet. Gut, da sind die Momente lyrischer Süße, die hauchfein gleitenden Mezzavoce-Passagen, die Filigrantüfteleien im oberen Register. Aber da gibt es auch anderes, Unstetes, heftig Herausgeschleudertes, in der Tiefe mit Druck Erkauftes. Belcanto als Charakterkunst, weniger als Spiel mit polierten Tönen.

Wenn man so will, ist das der „moderne“ Blick auf die Figur. Ohnehin hat die Regisseurin das Geschehen per Kino-Kniff herangerückt. Ein schimmeliger, bröseliger Saal irgendwo in den USA, bevölkert von einer mafiösen Sippe. Penibel wird von Barbara Hanicka (Bühne) und Julia Kornacka (Kostüme) das Fassadenhafte, Engstirnige der Sechzigerjahre nachbuchstabiert. Zum Vorspiel bewegt sich ein Trauerzug durchs Bild, davor (die später immer wieder auftauchende) Lucia als Mädchen. Ein frühkindliches Trauma wird fortan das Leben der Titelheldin bestimmen, auch wenn Barbara Wysocka das wie manch anderes nur als losen Regiefaden aus der Aufführung hängen lässt. Lucias Freund Edgardo kreuzt mit dem Chrysler-Cabrio auf, James Dean trifft Belcanto – einen solchen Luftikus, das wird schnell klar, kann Familie Ashton nicht brauchen.

Für Pavol Breslik ist das ein Rollendebüt, ein weiterer, sehr entscheidender Schritt ins Belcantofach. Den Edgardo denkt er – ganz stimmgesund – aus dem Lyrischen heraus. Raum und Kraft bekommt er damit für Ausbrüche, bei denen sein Tenor in hellen Flammen steht. So natürlich phrasiert, so intelligent die Linien nachzeichnend rangiert sein Rollenporträt mindestens auf Augenhöhe mit dem der Damrau. Und endlich einmal ist Edgardos Final-Arie kein dramaturgisch widersinniges Nachklappen nach Lucias „Wahnsinnsszene“. Sie ist vielmehr, auch dank Kirill Petrenkos Aufdröseln, ein großer, nihilistischer Epilog, auf den alles zuzulaufen scheint.

Keine minutenlangen Arien-Orkane

Eine extreme Aufwertung erfährt in dieser Aufführung Lucias Erzieher Raimondo, hier eine zwielichtige Kirchen-Eminenz. Georg Zeppenfeld, sonst eher Belcanto-unverdächtig, singt das so vielschichtig, mit einer solchen Bass-Autorität, dass man ihm in München dringend als Verdis Philipp oder mit ähnlichem Kalibern wiederbegegnen möchte. Demgegenüber bleibt Dalibor Jenis als Enrico nur der Part des Klischee-Bösewichts. Imponierend, obwohl sein passend hohlwangiger Gesang sich in Anschlagsnähe bewegt. Dean Power (Normanno) ist fast überbesetzt, dem Staatsopern-Chor glückte eine seiner präzisesten Premieren der letzten Jahre.

Wie symptomatisch, dass diese Aufführung nicht von den üblichen minutenlangen Orkanen nach den Arien unterbrochen wird. Dafür ist das, was sich auf der Bühne abspielt, zu packend verdichtet. In den besten Momenten erinnert Barbara Wysockas Regie an die ihres Kollegen Christof Loy – so, als ob seinem „Roberto Devereux“ mit Edita Gruberova nun ein vielsagend ähnliches und doch so anderes Pendant mit Diana Damrau zur Seite gestellt wurde.

Unmengen an Details gibt es zu bestaunen

Wysocka, Oberflächenbetrachter mag das stören, bleibt auf Sichtweite der Konvention. Umso radikaler ist das, was sich im Graben abspielt. Alle Striche hat Kirill Petrenko aufgemacht, angefangen von den Wiederholungen in den Cabalettas bis zu einer kurzen Raimondo-Normanno-Szene vor dem Finale. Und manchmal scheint es, er habe im sonst immer gespielten „Rest“ mit dem Bayerischen Staatsorchester eine Unmenge neuer Noten entdeckt. Petrenko dirigiert eine der langsamsten „Lucias“ überhaupt, auch wenn er in den knalligen Schlüssen Zunder gibt. Es ist eine Anti-Klischee-Aktion.

Eine Unmenge von Details ist da zu bestaunen. Das fahle Streichermurmeln im Duett Lucia-Enrico, das Erkalten der Musik in der Szene Edgardo-Enrico, die peniblen Akzentsetzungen im großen Sextett, das boshafte Funkeln in Raimondos Arie, die immer wieder aus dem Tritt geratenen Dreivierteltakte, die kleinen Energiezufuhren im Leisen, nicht zuletzt die verstörend ausgebreitete „Wahnsinnsszene“ mit ihren schwarzen Löchern. Manches mag da, wie bei Petrenkos Münchner Mozart, ins Überkontrollierte driften. Eine werktreue Neubewertung des Stücks ist das trotzdem. Donizetti als Musikdrama. Belcanto als blutiger Ernst – die Handlung sagt das ja schon längst.

Weitere Vorstellungen

am 29.1. sowie am 1., 5., 8. und 11.2. – alle ausverkauft, Restkarten eventuell unter Telefon 089/ 2185-1920; Übertragung am 8.2. im Internet unter www.staatsoper.de/tv.

Markus Thiel

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