Jenseits des Todesstreifens

- München - Die Geschichte liest sich wie ein hoch spannender Spionageroman: Ein streng geheim gehaltenes Elitekommando der Bundeswehr wird Anfang der 70er-Jahre darauf spezialisiert, in der DDR Sabotageakte zu verüben und Überläufer "rüberzuholen". Ausgebildet wurde die neun Mann starke Truppe über zwei Jahre bei den amerikanischen Marines, wo die in Hinblick auf ihre zukünftigen Aufgaben zunächst ahnungslosen Jungs zu einer Art "Ersatzfamilie" zusammenwachsen.

<P>Nicht zuletzt dieser menschliche Zusammenhalt gibt ihnen die Kraft für ein höchst anstrengendes Doppelleben, denn nicht einmal die eigenen Ehefrauen dürfen von den oft lebensgefährlichen Einsätzen ihrer Männer das Geringste ahnen.</P><P>Dreizehn Jahre nach Erfüllung ihrer Aufgabe und Auflösung des Kommandos hat sich dessen Anführer unter dem Namen Thomas Sanders nun entschlossen, das Geheimnis zu lüften und unter dem Titel "Todeszone" (so nannte die Truppe ihren für Trainingszwecke fingierten Todesstreifen) zu publizieren. Über die positive Resonanz der Verlage sei er durchaus überrascht gewesen, erklärt Sanders im Gespräch mit unserer Zeitung, über die Reaktion der Politiker dagegen nicht. "Alles Lüge", sagen die damals Verantwortlichen, und in öffentlich-rechtlichen Fernsehmagazinen ist schon von einem zweiten Kujau die Rede, jenem fantasievollen Schreiber, der einst die Hitlertagebücher verfasste.</P><P>In der Tat spricht einiges dafür, dass es sich bei Thomas Sanders um einen talentierten Romancier handelt. Äußerst anschaulich beschreibt er die Einsätze hinter dem Eisernen Vorhang, aber auch den oft von nervtötendem Warten geprägten Alltag in der Bundeswehrkaserne. Gekonnt lässt er die kontroversen Charaktere der einzelnen Kommandomitglieder lebendig werden, schildert ihr schwieriges Privatleben und ihre besondere Männerfreundschaft, womit ein perfekter Spannungsbogen zwischen den menschlichen und politischen Entwicklungen entsteht. Angesichts dieser äußerst mitreißenden Lektüre gerät leicht in Vergessenheit, dass es sich nicht um den neuesten Grisham, sondern um einen Tatsachenbericht handelt. Als solcher lässt Sanders' Buch aber einige Fragen offen.</P><P>Zunächst ist man vor allem enttäuscht, dass das Buch Anfang der 80er-Jahre mit dem Hinweis endet, das Kommando habe weitergearbeitet, "um die Sache zu Ende zu bringen". Eine potenzielle Fortsetzung will Sanders von den Verkaufszahlen abhängig machen. Sehr viel dringender als die Frage, wie es denn nun zu Ende gebracht wurde, erscheint die nach den eigentlichen Drahtziehern. In äußerst zaghaften Andeutungen nennt Sanders den BND, die CIA und deren Interesse, "das DDR-System zu destabilisieren". Doch sowohl der damalige BND-Chef Klaus Kinkel als auch Hans Apel, seinerzeit als Verteidigungsminister für die Bundeswehr verantwortlich, dementieren die Existenz eines solchen Kommandos, für dessen insgesamt 23 Sabotageakte und rund 50 Fluchthilfen jeder Beweis fehlt.</P><P>"Fiktive Einschübe<BR>eines kreativen Autors"</P><P>Das liege wiederum in der Natur von Geheimdienstaktionen, sagt Thomas Sanders, die sich, wenn sie gut sind, einfach nicht beweisen ließen. Er selbst sei damals letztendlich Soldat und damit Befehlsempfänger gewesen, "da wurde nicht nachgefragt".<BR>Der Heyne-Verlag, bei dem die deutsche Ausgabe des in Sanders' Wahlheimat England geschriebenen und zuerst verkauften Buches erscheint, hat immerhin noch einen Gutachter hinzugezogen, dessen Bedenken aber offenbar ignoriert. Herrmann-Josef Rupieper, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Halle, erklärte gegenüber "Report Mainz", er habe den Verlag auf einige "fiktive Einschübe" des "sehr kreativen" Autors hingewiesen.</P><P>Auch in der aktuellen Diskussion sieht Heyne keinen Grund, die Glaubwürdigkeit seines Autors anzuzweifeln oder das Buch vom Markt zu nehmen. Immerhin kletterte "Todeszone" im ersten Monat seines Erscheinens bereits auf Platz 20 der Bestsellerliste.<BR>Thomas Sanders: Todeszone, Heyne, 432 Seiten, 22 Euro.</P><P> </P><P> </P>

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