Jenseits der versilberten Löffel

- Die Arme eng an den Körper angelegt, die Fersen dicht beieinander, die Fußspitzen gespreizt, weit abstehend die Segelohren - so steht der kleine Julius vor seiner Welt, schaut mit großen Augen und lauscht. Jedes Geräusch schwebt heran in einer Wolke aus Zuckerwatte, jedes Bild tänzelt vorüber in einer schillernden Seifenblase.

In der Hand verborgen hält dieser Junge eine spitze Nadel, manchmal holt er sie hervor. Dann stochert er vorsichtig, doch unnachgiebig in der Watte, bis unter dem seichten Geplätscher der Partyplauderei, kaum unterscheidbar vom Hauchen des Windes in den Bäumen, ein leises Stöhnen von der Cocktailgesellschaft zu hören ist. Oder er nimmt behutsam das Abbild sonnengebräunter Halbgötter auf die Spitze, deren Haupt sich für einen Augenblick zur Fratze verzerrt, bevor die Blase platzt und nur noch ein klebriger Film zwischen den Fingern herunterläuft.<BR><BR>Julius könnte auch Alfredo heißen, Alfredo Bryce Echenique, dessen Nadel die Schreibfeder ist. Mit ihr entfloh Bryce Echenique - 1939 in Lima in die Wohlstandswelt einer peruanisch-englischen Oberklassenfamilie geboren - dem goldenen Käfig. Jurastudium, Paris, Sorbonne - ein Leben, gedeckt durch die Schecks des Vaters, wies er zurück und verschrieb sich der Literatur.<BR><BR>1970 erscheint Echeniques erster Roman "Eine Welt für Julius". Erst jetzt ist er bei Suhrkamp in deutscher Übersetzung (von Matthias Strobel) erhältlich. Über 30 Jahre sind lang, doch nicht zu spät für einen Roman, der ein Sittengemälde seiner Zeit entwirft, es in brillanten Farben zum Leuchten bringt und seine dunklen Schatten zwar scharf, doch nicht mit dem Zeigefinger konturiert. Für eine Ironie, die trifft. Für eine Welt, wie sie sich dem unbestechlichen Blick und dem fragenden Tasten eines früh entwöhnten Kindes zeigt.<BR><BR>Die breit angelegte Geschichte, die in knappen Details das Entscheidende ent- und aufdeckt, begleitet den jüngsten Spross aus reichem Haus durchs erste Lebensjahrzehnt, durch Paläste und Country Clubs, bei frühen Verlusten (dem Tod der geliebten Schwester) und neuen Entdeckungen. Auf den sensiblen und aus der Art schlagenden Julius übt schon früh die Welt der Anderen, "der Dienstbotenbereich eine seltsame Faszination aus, die Faszination des ,Fass sie lieber nicht an, mein Schatz; dort hast du nichts verloren, Darling." <BR><BR>So schlängelt sich die Kindheit von Julius durch die verschiedenen Welten - Samt und Seide, Rolle und Takt(ik) hier, Fleisch und Blut, Herz und (Mit-) Leid dort.<BR>In fünf Kapiteln erzählt der Roman die Lehrjahre eines Jungen, der als Kunstgeschöpf und Marionette seiner Privilegien zur Welt kommt, vorwärts stolpert zu einer Wirklichkeit jenseits der versilberten Löffel und anfängt, unliebsame Fragen zu stellen. "Un mundo para Julius" wurde als einer der großen lateinamerikanischen Romane gefeiert. Dennoch schwimmt der Roman nicht im Kielwasser von Vargas Llosa oder Garcí´a Márquez, lässt sich nicht dem magischen Realismus zurechnen. Magisch sind in diesem Roman allenfalls die atemberaubende Dekadenz der Maden im Speck. Solche Magie bleibt durchlässige Maske der Realität, die da, im beschriebenen Peru, aus Oligarchie und Standesdünkel, aus Macht und Geld (der Jaguar in der passenden Farbe zum Jackett beim Stiefvater) besteht. Stets wird die Welt nach Herren und Diener eingeteilt.<BR><BR>Alfredo Bryce Echenique zeigt die zeithistorische Entwicklung und darin das scheinbar Zeitlose: Die toten Herren werden durch den prächtigen Haupteingang nach draußen getragen, die Diener müssen nach wie vor durch die Hintertür verschwinden. Gäbe es da nicht einen zehnjährigen Jungen.<BR>

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Kontrastprogramm zur Wiesn: Am Donnerstagabend hat Neil Diamond die Olympiahalle mit seiner Coolness beehrt. Eine Kritik.
Mega-Cooler Kultseniorenabend! Neil Diamond in der Oly-Halle
Der Mut-Lacher
Mit „Monsieur Claude und seine Töchter“ gelang Philippe de Chauveron ein Riesenerfolg. Nun setzt de Chauveron einen drauf: In „Hereinspaziert!“ übernimmt Christian …
Der Mut-Lacher
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Sting hat in seinem Musikerleben Songs geschrieben, die heute noch so gut funktionieren wie 1983 oder 1995. Davon macht er in der Olympiahalle Gebrauch - und seine Fans …
Nachtkritik: Sting macht in der Olympiahalle sein Ding
Im Lenbachhaus geht der Punk ab
Das Münchner Lenbachhaus zeigt in der Ausstellung „Normalzustand“ deutsche Undergroundfilme, die zwischen 1979 und den frühen Neunzigerjahren entstanden sind. 
Im Lenbachhaus geht der Punk ab

Kommentare