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Wilden, poetischen, fantasievollen 110 Minuten werden die Besucher im Haus der Kunst ausgesetzt.

Jephta’s Daughter

Der letzte Tanz

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München - Die Münchner Opernfestspiele zeigen im Haus der Kunst die Performance „Jephta’s Daughter“ von Saar Magal.

Zwei Monate noch zur Hinrichtung: Was man sich für diese Galgenfrist wohl vornimmt? Einmal dirigieren dürfen, am besten Beethovens Neunte, wie der Conférencier strahlend sagt. Oder eine Frau sein, wie der Kollege später vorschlägt. Dazu die Bitte ans Publikum: Augen zu, nachdenken. „Und Sie?“

Namenlos ist dieses biblische Mädchen, das mit Jephta einen Vater hat, der einen verhängnisvollen Schwur tat: Siegt er im Krieg, tötet er die erste Person, die ihm begegnet. Die dem Tod geweihte Tochter zieht sich vor der Hinrichtung mit Gefährtinnen in die Berge zurück. Was dort geschieht, worüber die Frauen nachdenken, wie sie der Zukunft begegnen und die grausame Realität meistern, darüber reflektiert die Performance „Jephta’s Daughter“ im Rahmen der Münchner Opernfestspiele. Weniger die biblische Handlung interessiert die israelische Choreografin Saar Magal und ihre grandiose Truppe, auch nicht Schuldzuweisungen an Jephta oder an einen grausamen Jehova, der das alles akzeptiert. Ergebnis ist vielmehr eine getanzte, gesungene, gesprochene Stofffetzensammlung, die sich im Haus der Kunst sehr hautnah ans Publikum wendet.

Nicht nur Taschen, auch Schuhe müssen draußen bleiben, auf einem vom Vorhangrund begrenzten Schauplatz verteilt man sich stehend. Aus einem einzigen gesummten Ton, unterbrochen von rhythmischen Atembewegungen, entwickelt sich das Folgende. Mit zunehmender Energie wird der Besucher einbezogen. Anfangs ist er Luft für die Performer, die ins Rempeln geraten. Nach Fallen des Vorhangs bekommt man ein Kissen aus Schaf-Fell in die Hand gedrückt, freundlich wird man zu einem anderen Platz gebeten. Endlich sitzen, in der „Fantasy-Lounge direkt überm P 1“, wie es in einer Ansage ironisch heißt.

Verfremdete Musiknummern von Carissimis „Jephta“-Oratorium über eine Gluck-Arie blitzen auf, auch Eigenkompositionen. Was sich für manchen als lästiges Mitmachtheater anbahnt, ist dann doch mehr: Poetischen, sehr körperhaften, humorvollen, wilden 110 Minuten ist man ausgesetzt. Die Panik von Jephtas Tochter wird spürbar, wenn hektisch Bruchstücke der Bibelgeschichte auf Wände geschrieben werden, auch ein wie entgrenztes Aufbäumen. Und da ist noch eine eigentümliche Lust, nicht nur aufs Leben, sondern auch auf das, was danach wartet. Unschlüssigkeit wird im Publikum bald zum Staunen, auch, weil man im Kreise der (konditions-)starken Sänger und Tänzer sich bald als Mitwerker an einer gemeinsamen Sache fühlt. Manches ist zu lang, kreist zu sehr um sich. Dieses Theater, das seinen Adressaten im Doppelsinn direkt anspringt, ihn herausfordert, macht unterm Strich dennoch Spaß. Vielleicht auch, weil das bei diesen Festspielen irgendwie der Ausnahmefall ist.

Weitere Vorstellungen:

10. und 11. Juli; Telefon 089/ 2185-1920.

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