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Der Musiker Jesper Munk in einer Szene des Dokumentarfilms „For in my Way it lies“, der jetzt beim Münchner Dok.fest läuft.

„For in my Way it lies“ läuft beim Münchner Dok.fest

Jesper Munk ist jetzt Kinoheld

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In München ist das Dok.fest gestartet. Bis 13. Mai laufen 154 Dokumentarfilme – einer davon ist „For in my Way it lies“. Für seine Produktion begleitete Regisseur Lukas von Stein den Blues- und Soulmusiker Jesper Munk. 

Dokumentarfilme fand Lukas von Stein früher furchtbar langweilig. „Ich verband mit dem Wort so ein Bild à la ,spröde‘, ,läuft im Fernsehen‘, ,kann man sich schon mal anschauen, eine Tierdokumentation vielleicht‘“, gibt der 24-Jährige zu. Und heute? Ist er selbst Dokumentarfilmer. Sein erstes Werk, zugleich  die Abschlussarbeit seines  Kamerastudiums an der Macromedia Fachhochschule, ist einer der 154 Filme, die bis zum 13. Mai beim 33. Internationalen Dokumentarfilmfest München gezeigt werden. Und noch dazu nicht „nur“ im City (9. Mai, 21.30 Uhr), im Atelier (11. Mai, 19.30 Uhr) und im Neuen Maxim (12. Mai, 20.30 Uhr), sondern zudem auf extragroßer Leinwand in der neuen Reihe „Ganz großes Kino“ im Deutschen Theater (5. Mai, 22 Uhr). Dann ist auch ein Ehrengast dabei, Münchens Blues- und Soul-Talent Jesper Munk. Schließlich ist er der Star des Films. Und wird im Anschluss an die Vorführung spielen. Songs seines neuen Albums.

Regisseur Lukas von Stein

Wer wissen möchte, wie es entstanden ist, sollte sich von Steins „For in my Way it lies“ anschauen. Ganz bewusst hat der junge Regisseur (Foto: privat) keinen Konzertfilm gedreht. „Ich wollte nicht bloß ein verlängertes Musikvideo machen; ich wollte nicht erzählen, wie geil es ist, ein Musiker zu sein, sondern fragen: Was muss man für ein Mensch sein, um den Schritt, professioneller Musiker zu werden, zu wagen?“ Ja, was muss man für ein Mensch sein? Hat er Antworten gefunden? Von Stein lächelt. „Da gibt es nicht die eine Antwort, ich glaube aber schon, gewisse Wesenszüge festgestellt zu haben, die vielleicht eine Bedingung für ein Künstlerleben sind.“ Zum Beispiel das Bedürfnis, sich auszudrücken. Jesper sei einer, dem der Ausdruck über die Musik am leichtesten falle. „Ich glaube, da fühlt er sich am wohlsten“, mutmaßt der Dokumentarfilmer und betont dabei immer wieder, dass das ja nur seine Sichtweise sei. Denn – dieses Credo hat er verinnerlicht – eine Dokumentation kommt der Wahrheit näher als ein Spielfilm, die Bewertung der Bilder bleibt aber Interpretation des Zuschauers.

Für einen, der mit Dokus zuvor so gar nichts am Hut hatte, ging der Nachwuchsregisseur dann umso akribischer ans Werk. Sein Ideal: den ganzen Film im Stil des Direct Cinema zu drehen, eine Bewegung der Sechzigerjahre, nach der man als Filmemacher überhaupt nicht ins Geschehen eingreifen sollte. „Für gewöhnlich ist es ja auch beim Dokumentarfilm so, dass man sich zumindest zu einem gewissen Teil die Dinge holt, die man braucht. Und sei es nur, den Protagonisten zu bitten, eine Bewegung zu wiederholen, weil man verpasst hatte, sie zu filmen“, erklärt von Stein. „Anregung“ ist das euphemistische Wort für diese Form des Eingriffs, der Inszenierung. Darauf hat der Münchner gänzlich verzichtet.

90 Stunden Film wurde gedreht

Er und ein Mann für den Ton, das kleinstmögliche Team, waren bei Jesper und haben beobachtet – „wie zwei Möbelstücke, als wären wir gar nicht da“. Eineinhalb Jahre lang saßen sie immer wieder bei den Proben, bei Munk in der Wohnung, wenn er an den Songs feilte, backstage bei Konzerten. 90 Stunden Material kamen so zusammen. Klar hätte von Stein das hübsch aneinanderreihen können, Zeitsprünge durch Kommentare aus dem Off erklären, Unklarheiten durch Interviewsequenzen mit dem Musiker aufheben.  Aber nein, das wäre zu einfach gewesen. „Wir haben keine Voice-overs, keine Kommentare, keine Erklärungen. Dinge, die ganz oft notwendig sind, um die komplexen Sachverhalte zu erklären, die man nicht live einfangen kann. Wir haben uns aber eingebildet, dass wir das doch live einfangen können, wenn wir nur lang genug dabei sind und genau genug hinschauen“, erinnert sich von Stein – und lächelt gequält. „Zugegeben, ich weiß nicht, ob ich es heute wieder so machen würde.“

Der Aufwand hat sich gelohnt. Noch einmal eineinhalb Jahre im Schneideraum später ist ein Film entstanden, der uns eine Ahnung davon gibt, wie dieser Mensch, den wir da betrachten dürfen, tickt – ohne dass er sich explizit erklärt. „Genau das hatte ich erhofft: dass die Leute sich die Zeit nehmen, sich auf diesen Menschen einzulassen, zu beobachten und zu schauen, was sie über ihn herausfinden können? Einfach nur, indem sie dabei sind.“

Der Dokumentarfilm hat einen besonderen Zauber

Spielfilme seien toll, und ja, natürlich wolle er selbst in seiner weiteren Laufbahn für jedes Genre offen bleiben. Doch der Zauber des Dokumentarfilms sei schon ein ganz besonderer. „Weil dieser Realität unheimlich viel Kraft innewohnt. Wenn ich das Glück habe, einen Dialog zu filmen, der wirklich stattfindet, dann ist der echt. Das gibt dem eine enorme Kraft.“ Deshalb haben er und sein Kollege während des Drehs auch nie die Räume ausgeleuchtet, sondern sich allein auf ihre Kameras verlassen. Wieder um sich möglichst im Hintergrund zu halten. „Wir haben uns gesagt: Wenn es dunkel ist, dann ist es halt dunkel. Lieber haben wir das echte Gespräch im Dunkeln als das vorsichtige Oh,- der-hat-gerade-das-Licht-angemacht-Gespräch im Hellen.“ Pause. „Na ja, das denkt man sich davor, im Schnittraum denkt man: Mist, was soll ich jetzt mit dem schwarzen Bild?“, sagt von Stein lachend. Und als Zuschauer denkt man sich: Was für ein Debüt! Große Empfehlung. 

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