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Die Klagemauer in Jerusalem ist eine der wichtigsten Stätten des Judentums.

Jesus-Darsteller: Anschauungsunterricht in Jerusalem

Jerusalem - Seit dem vergangenen Sonntag reisen mehr als 50 Mitwirkende der Passionsspiele Oberammergau um Spielleiter Christian Stückl auf den Spuren Jesu durch Israel. Das Interview:

Wir erreichten Andreas Richter und Frederik Mayet, die im kommenden Jahr (Premiere: 15. Mai 2010) Jesus spielen werden, in Jerusalem.

Sie sind seit beinahe einer Woche im Heiligen Land. Was hat Sie bisher am meisten beeindruckt?

Richter: Der Besuch des Tempelbergs in Jerusalem. Der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee sind mit die wichtigsten Heiligtümer im Islam, direkt daneben ist die Klagemauer. Hier vertrieb auch Jesus die Händler aus dem Tempel. Und so ist dieser Ort für rund drei Milliarden Menschen einer der wichtigsten auf der Welt.

Mayet: Für mich war eine Situation in der Nähe des Bergs der Seligpreisungen am spannendsten: Alle Hauptdarsteller saßen an einem Hang unter einem Busch in der brennenden Sonne, und wir diskutierten intensiv über die Speisung der 5000 und anderes. Da habe ich sofort gedacht: So ähnlich muss es wohl auch vor 2000 Jahren ausgesehen haben.

Sie sind ja nicht als Touristen in Israel und auch nicht als Pilger. Wie würden Sie Ihre Reise beschreiben?

Mayet: Das stimmt, allein schon vom Altersdurchschnitt setzen wir uns von anderen Pilgergruppen ab, die sind doch deutlich älter als wir. Die Reise ist eine Art Studienfahrt, bei der wir uns auf jeden Fall mit der Geschichte, die wir nächstes Jahr erzählen werden, intensiv auseinandersetzen – und das an den Originalschauplätzen. Das ist wirklich ein Geschenk.

Richter: Für mich ist das Thema „Einstimmung“ wahnsinnig wichtig: Wir sprechen hier schon sehr viel über Inhalte und die Texte und auf der anderen Seite ist das bessere Kennenlernen der Beteiligten auch ein wichtiger Aspekt: Wer ist das, mit dem ich nächstes Jahr auf der Bühne stehe?

Verändert der Besuch der authentischen Orte die eigene Einstellung zum Glauben oder Jesus?

Richter: Die Auseinandersetzung mit der Figur und Person Jesus an den Originalschauplätzen wird durch unsere Diskussionen angereichert und lebendig.

Mayet: Die Person Jesu wird auf jeden Fall plastischer und greifbarer, zum Beispiel beim Besuch der Synagoge in Kafarnaum denkt man sich: Hier hat er wirklich gelehrt und gesprochen und das drei Jahre lang! Keine 50 Meter weiter soll sich das Haus des Petrus befunden haben. Auf einmal schießen einem Bilder in den Kopf, und man fragt sich, wie das damals wohl alles war.

Wie wichtig ist es, die historischen Stätten im Heiligen Land besucht zu haben, um im nächsten Jahr in Oberammergau die Passion spielen zu können?

Richter: Es ist extrem wichtig, da wir hier eine Woche Zeit haben, über die Geschichte zu sprechen und zu lernen. Die Zeit nimmt man sich im Alltag sonst nicht. Alles hier ist sehr inspirierend.

Mayet: Dem kann ich nur zustimmen. Man hat, glaube ich, somit zum Probenbeginn im November eine Grundlage für Bilder in den Köpfen der Darsteller geschaffen. Wenn wir über eine Stelle im Text reden werden, etwa über den Ölberg, und Christian Stückl sagt: „Stellt euch vor, Jesus geht aus der Stadt raus und blickt auf den Tempel.“ – wissen alle, was gemeint ist. Wir kommen dann schneller auf einen Nenner. Das hoffe ich zumindest.

Ist die Inszenierung bereits ein Thema?

Richter: Ja, klar. Frederik erwähnte den Berg der Speisung der 5000. Dort diskutierten wir zudem über die Berufung der Jünger. Und es wurde ganz konkret über die Beziehung zwischen Judas und Jesus gesprochen: Wie war ihr Verhältnis und wie stellt man das auf der Bühne dar?

Mayet: Durch unsere theologischen Begleiter, Pfarrer Thomas Frauenlob und unsere Ortsgeistlichen, Pfarrer Lederer und Pfarrer Sachi, ist das extrem spannend zu diskutieren. Wie stellt man einen Jesus dar – jemand, der ganz Mensch und ganz Gott ist? Ich denke, wir können in Oberammergau nur den Menschen zeigen. Mit dem Versuch, das Göttliche zu zeigen, wird man nur scheitern.

Sie haben ja auch eine Synagoge besucht. Inwieweit ist das nicht immer einfache Verhältnis Judentum – Christentum gerade auch vor dem Hintergrund der „Passion“ ein Thema?

Richter: Da Jesus sich sein ganzes Leben als Jude verstanden hat, steht diese Frage ständig im Raum.

Mayet: Für Christian Stückl ist dieser Aspekt sehr bedeutend, bereits beim Passionsspiel 2000 stand die Menora (siebenarmiger Leuchter, ein wichtiges religiöses Symbol im Judentum; Anm. d. Red.) nicht mehr bei den Hohen Priestern, sondern beim Abendmahl zwischen den Jüngern, und es wurde Pessach gefeiert (wichtiges Fest im Judentum, bei dem die Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei gefeiert wird; Anm. d. Red.). Christian Stückl und unser zweiter Spielleiter Otto Huber führen bereits heute Gespräche mit amerikanisch-jüdischen Organisationen, um mögliche Antijudaismen aus den Texten zu entfernen.

Das Gespräch führte Michael Schleicher

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