Mailänder mit Sinn für deutsche Symphonik: Riccardo Chailly, bis 2016 Chef des Gewandhausorchesters. foto: jan woitas/ dpa

Interviewbuch mit Riccardo Chailly

Jetzt fehlt noch die Biografie

München - Hübsche Anekdoten, auch interessante Einblicke in den Arbeitsalltag finden sich in dem neu erschienenen Interviewbuch "Das Geheimnis liegt in der Stille" zu Riccardo Chailly.

Ein Erkalten, eine nurmehr geschäftsmäßige Emotion, das mögen manche (zu Unrecht?) bei den jüngsten Konzerten festgestellt haben. Seit ein paar Tagen ist der Grund heraus: Riccardo Chailly verlässt 2016 das Leipziger Gewandhausorchester. Plötzlich, wie es scheint – obgleich der Maestro in diesem Buch vom nahenden Ende spricht. Eine gute Dekade an der Spitze eines Ensembles, das ist, auch dies schimmert zwischen den Zeilen durch, für den 62-Jährigen genug. Immerhin lockt die Heimat: die Mailänder Scala, an der Vater Luciano künstlerischer Direktor war und an der Jung-Riccardo als Assistent Claudio Abbados ins kalte Dirigierwasser geworfen wurde.

Abbado, das ist ein Fixstern in Chaillys Karriere, zumal es Wahlverwandtschaften gibt. Wie das Vorbild so fand auch Riccardo Chailly über die deutsche Symphonik und die Moderne zum künstlerischen Selbstverständnis, ohne dabei die Leidenschaft für Rossini und Verdi aufzugeben. Wie sich mediterranes Temperament und analytische Tiefenbohrungen befruchten, vielleicht sogar bedingen, wie ein solcher Wanderer zwischen den Welten reift und wächst, das wäre ein spannendes Thema gewesen. Eines freilich, über das es hier fast nichts zu lesen gibt. „Das Geheimnis liegt in der Stille“ ist einer jener Gesprächsbände, die statt biografische Analyse schnell Abgefragtes zum Buch bündeln. Anfangs steht Interviewer Enrico Girardi der Sinn nach Diskurs, wenn es um das Prinzip der Stille geht. Doch bald driftet der Band ins Abhaken bekannter Topoi. Lieblingsdirigenten, Lieblingskomponisten, die Wichtigkeit von intensivem Partiturstudium und so weiter.

Das ist schade, weil bei Chaillys Antworten schon anklingt, dass vertiefende Auseinandersetzungen möglich gewesen wären. Die Verehrung für Bach („Er spornt dich an, ihm näher zu kommen, aber die Distanz zu ihm verringert sich nie“), die Befreiung „aus dem Käfig der Befangenheit“ als Interpret, die Auseinandersetzung mit Karajan, das bewusste Ignorieren von Partiturvorschriften bei Beethoven und Verdi, um weiterzukommen mit diesen Stücken und frei zu werden vom Klammergriff der dirigentischen Tradition – alles Punkte, die ein weiteres Einhaken vertragen hätten.

Dirigent, diesen Beruf konnte sich der Vater anfangs überhaupt nicht für den kleinen Riccardo vorstellen. Als der Sohn darauf beharrte, gab es einen Crashkurs, der unter viel Schweiß und Angst bestanden wurde. Bruno Bartoletti riskierte mit dem blutjungen Kollegen eine Opernproduktion in Chicago, bald winkte die Chefstelle beim damaligen Radio-Symphonie-Orchester Berlin und seinem Intendanten Peter Ruzicka. Dieser führte Chailly an Mahler und Bruckner heran – Voraussetzungen dafür, dass später das Concertgebouw Orchestra Amsterdam und das Gewandhausorchester auf den Mailänder vertrauten.

Hübsche Anekdoten, auch interessante Einblicke in den Arbeitsalltag finden sich in diesem Interviewbuch, das einem aber den Menschen Chailly kaum näher bringt. Einmal erzählt der Maestro, wie er und seine Frau Gabriella beschlossen hätten, trotz des Berliner Engagements die Kinder in der vertrauten italienischen Umgebung zu belassen. Ob bei den Großeltern oder im Internat, das ist dann wieder eines dieser (nicht unwichtigen) Details, über die hinwegparliert wird. Was bleibt, sind Schlaglichter einer großen Karriere – und die Gewissheit: Eine echte, umfassende Biografie hat Riccardo Chailly mehr als verdient.

Markus Thiel

Riccardo Chailly:

„Das Geheimnis liegt in der Stille“. Aus dem Italienischen von Michael Horst. Henschel Verlag, Leipzig, 192 Seiten; 22,95 Euro.

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