Jetzt können wir aufdecken

- Athene, Alkmene, Andromache - und jetzt Agaue. Natürlich ist der Anfangsbuchstabe der antiken Figuren, die Sibylle Canonica in München gespielt hat, Zufall. Aber die Schauspielerin, darauf angesprochen, weiß dies sofort zusammenzufassen: "Man muss halt mit A beginnen." Agaue also heißt ihre neueste Rolle - die Mutter des Thebanerkönigs Pentheus, die wie die anderen Frauen des Landes durch den Gott Dionysos um den Verstand gebracht wurde und in bacchantischer Ekstase den Sohn tötet.

Mit der Premiere von Euripides' "Die Bakchen" eröffnet das Bayerische Staatsschauspiel am kommenden Dienstag die Saison. Regie: Dieter Dorn; Bühne: Stefan Hageneier; Musik: Robyn Schulkowsky. Rolf Boysen ist Dionysos, Jens Harzer der junge König. Gisela Stein führt den Chor der Frauen an. Die neue Übersetzung des alten Stücks besorgte Michael Wachsmann.

Für Sibylle Canonica eine Hauptfigur, aber eine, die erst gegen Schluss des Stücks auftritt. "Gerne mach' ich das nicht, so spät aufzutreten, man kann sich nicht einfädeln ins Spiel. Die Agaue kommt, und gleich ist sie mitten drin in der Handlung." Und das erfordert eine besondere Kraft? Canonica: "Jede gute Rolle, jedes gute Stück braucht Kraft. Es geht ja um das Ausloten der menschlichen Existenz. Auch wenn nur ein Ausschnitt einer Figur gezeigt wird, braucht es dennoch dieselbe Stärke." Die Agaue ist trotzdem etwas Besonderes: "Eine Frau, die mit dem abgeschlagenen Kopf ihres Sohnes in der Hand glaubt, die Trophäe für die Familie gewonnen zu haben, und die plötzlich, als falle ein Nebel von ihren Augen, realisiert, dass ja das ihr Kind ist. Dazu braucht man schon noch eine andere, eine archaische Kraft."

Anders dagegen sei es mit Figuren, die komisch oder ironisch sind. "Das Abgründige und Melancholische, das diese Figuren natürlich auch haben, stelle ich mir unter dem Text, unter der Oberfläche, quasi in einem unsichtbaren Raum vor. Denn die Komik entsteht erst im Bewusstsein der gesamten Persönlichkeit der Figur." Das bewahre einen vielleicht davor, in Typisierungen zu verfallen. Dass das nicht gerade zeitgemäß ist, weiß sie natürlich: "Heute wird alles verkürzt. Man erkennt sofort, weiß sofort, kann es sofort zuordnen." Doch was sie ihren unsichtbaren Raum nennt, dürften die meisten Beobachter ihrer Kunst als "doppelten Boden" bewundern. Damit hätte Sibylle Canonica erreicht, was sie will: "Dass man eben nicht alles zuordnen kann, dass immer noch ein unberechenbarer Teil übrig bleibt."

Sibylle Canonica: "Die besondere Problematik bei ,Die Bakchen’ ermöglicht mir die Auseinandersetzung mit verschiedenen Übersetzungen. Obwohl nicht immer einfach zu sprechen, gefällt mir die Übersetzung von Michael Wachsmann sehr gut. Gerne hätte ich den Text auch im Original gelesen. Aber leider kann ich kein Altgriechisch."

Die Frage, ob antike Figuren anders zu spielen seien als sozusagen bürgerliche, kann Sibylle Canonica höchstens mit einem Lachen beantworten. Denn: "Seit Jahren habe ich keine bürgerliche Figur gespielt. Ibsen, Strindberg, Tschechow - die sind an mir vorbeigerauscht. Fast jeder Schauspielerin in meinem Alter sind ein paar dieser Rollen untergekommen; bei mir aber klafft da ein Riesenloch." Kroetz, Strauß, Raimund, Racine, Shakespeare: "Die sind nicht bürgerlich in dem Sinn. Tschechow zum Beispiel bleibt natürlich immer eine Herausforderung."

Im Idealfall realisiert in der Zusammenarbeit mit Franz Xaver Kroetz. Immer wieder hat Sibylle Canonica in seinen Stücken und Inszenierungen gespielt und sich - zuletzt in "Bauer als Millionär" - als hinreißende Komödiantin präsentiert. "Dazu kommt's zurzeit leider nicht. Dank Dieter Dorn rase ich runter auf das tragische Fach, direkt ins Alter", lacht sie. Und erbringt damit doch gleich den schönen Beweis, dass Tragödie nur spielen kann, dem die ganze, reiche Palette der Komödie zur Verfügung steht - und umgekehrt.

In den "Bakchen" freilich haben die Zuschauer mit der Agaue nichts zu lachen. Aber ganz bestimmt ein bisschen an dem Stück zu knabbern. Denn über die Tragödie hinaus, die hier der Gott über die Königsfamilie Thebens verhängt, indem er sie in den Zustand rasenden Wahns versetzt, ist dieses Endzeitstück auch eines über den Anfang des Theaters. Bekanntermaßen gelten ja Dionysos und sein Kult als die Urzelle allen Spiels. Und in diesem seinem letzten Stück lässt Euripides den Gott quasi als Regisseur die Menschen wie Marionetten am Gängelband führen.

"Dank Dieter Dorn rase ich runter auf das tragische Fach."

Sibylle Canonica

Wie viel Wahn braucht einer heute, um als Schauspieler auf die Bühne zu gehen? "Natürlich braucht man was davon. Aber ich weiß nicht, was. Ich selber finde mich ziemlich brettlgrad' und normal. Nein, das hat nichts mit Wahn oder Verrücktheit zu tun. Die Schwierigkeit bei mir ist, mich von den hundert Sachen des Tages zu befreien - für die Hauptarbeit am Abend, das Spiel der Rolle. Dafür schaffe ich mir jeweils einen Raum, in dem ich Platz habe für das Stück. Als würde ich sagen: So, jetzt ist der Tisch frei, jetzt können wir aufdecken. Wenn mir das gelingt, kann ich mich auf der Bühne öffnen und nehme auch jeden Menschen unten wahr."

Aber eigentlich, räumt Sibylle Canonica ein, fahre man während einer Vorstellung doch mindestens fünfgleisig: "Der Kollege ist krank, man selber hat einen verknacksten Fuß, der Feuerwehrmann schläft, das Publikum niest - und dazwischen setzt man seine Figur, letztlich: wie ein kubistisches Bild." Wie sich das an anderen Theatern zusammensetzt, das interessiert Sibylle Canonica stets. So zeigt sie sich schon jetzt, vor ihrer eigenen "Bakchen"-Premiere, neugierig darauf, wie nur wenige Wochen später, am 19. November, Jossi Wieler an den Kammerspielen das gleiche Stück inszenieren wird: "Ich bin gespannt."

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