Und jetzt: Mein Leben

- "Ihr müsst steppen können, singen, dumme Grimassen ziehen, mich zu Tränen rühren, hochkomödiantisch sein und sehr sympathisch." Für die neue Produktion der Münchner Lach- und Schießgesellschaft, das Kabarett-Märchen "Jenseits von Oz" (Münchner Premiere: 21. Juni, 20 Uhr; Tel. 089/ 39 19 97), suchte Autor und Regisseur Michael Ehnert (36), Hiesigen bekannt durch das Bader-Ehnert-Kommando, echte "Hardcore-Schauspieler". Er fand Sonja Kling, Ecco Meineke, Michael Morgenstern und Thomas Wenke, vier künstlerische "Ausnahmeerscheinungen", zusammen ein "unschlagbares Team" - und für die Lach & Schieß wie ein revolutionärer Jungbrunnen.

<P>Das Programm heißt "Jenseits von Oz", nach dem bekannten Roman von L. Frank Baum. Ein Kindermärchen in der Lach & Schieß?<BR><BR>Ehnert: Die Form des Stückes ist anders als das, was normalerweise unter dem Label Lach & Schieß gelaufen ist - und möglicherweise sehr viel aktueller, als viele Leute glauben. Eine neue Form des Kabaretts muss sich auch mit Themen auseinander setzen, die ein bisschen weiter reichend sind als die tagespolitischen und auch weiter ausstrahlen. Das Märchen bietet sehr viele archetypische, schwarzweiße Figuren, ein Vokabular, das die meisten Menschen kennen. Auch wir beginnen mit diesen Archetypen, aber mit der Zeit kippen die Figuren: Aus gut wird böse, aus böse wird gut, und man muss sich nachher seine eigene Position suchen.<BR><BR>Baum hat seinen Roman vor hundert Jahren geschrieben. Wo liegt Oz heute?<BR><BR>Ehnert: Oz ist letztlich die westliche Hemisphäre, mal mehr Amerika, mal Deutschland. Es gibt da einen Möchtegern-Herrscher, einen Wirtschaftsmagnaten, eine steppende Vogelscheuche, die eine eigene Fernsehshow hat - man merkt schnell, wo man sich befindet. Um dieses Oz herum passieren in unserem Stück grausame Dinge: Man hört ständig irgendwo Hubschrauber, es werden Leute erschossen, es gibt Flüchtlingstrecks und so weiter. Das ist die Gefahr, die von außen kommt, jenseits von Oz. Gleichzeitig finden aber die Figuren aus Oz - Blechmann, Vogelscheuche, Löwe - selber gar keinen Zugang mehr zu ihrer Welt. Ich denke, auch das ist ein sehr aktuelles Problem, dass man den Eindruck hat: Wir haben das alles hier gebaut und geschaffen, aber irgendwie entgleitet es uns zunehmend. Geheimnisvoll.<BR><BR>Also ist da nichts "somewhere over the rainbow"?<BR><BR>Ehnert: Auch in unserem Stück ist Dorothy eine Suchende, ein Kind, das begreift: Irgendwie gehör' ich hier hin, aber ich möchte hier nicht sein, wie komm ich hier raus? Und zum Schluss kommt sie raus, und da verschwimmen die Grenzen zwischen Spielhandlung und Theaterrealität. Das hat in Hamburg dazu geführt, dass es für viele, die ein ganz klassisches Kabarettprogramm erwarteten, zu weit weg war, zu abstrakt. Aber Menschen, die unvorbelastet kommen, die haben 'nen guten Abend. Es ist eine ganz gute Mischung aus klassischem Politkabarett, Theater und Comedy. Ich glaube, dass diese reinen Formate und Genres nicht mehr funktionieren. Dass es, wenn man versucht, so ganz sauber und akkurat zu arbeiten, eher steril und langweilig wird. Der Unterschied liegt auch in der schauspielerischen Qualität.<BR><BR>In Flemings Film von 1939 wird die triste Schwarzweiß-Welt plötzlich in Technicolor-Farben getaucht. Auch Ihr Programm ist alles andere als schwarzweiß. Glauben Sie, dass Kabarett stärker wirkt, wenn man die Zuschauer in bunte, fantastische Welten entführt?<BR>Ehnert: Ich glaube, dass man beim Kabarett nicht immer mit den gleichen Mitteln kommen kann. Wobei diese Buntheit auf der Bühne hier auch eine zweischneidige ist: Das Mädchen Dorothy ist das ganze Stück über schwarzweiß. Und die Figuren aus Oz versuchen, durch knallbunte Accessoires mehr zu sein, als sie sind - auch ein Element, das im Moment sehr präsent ist. Dorothy dagegen hält die Farblosigkeit aus.<BR><BR>Aber am Ende gibt es kein Happy End für sie. Die Wirklichkeit ist auch durch Träume nicht zu ändern.<BR><BR>Ehnert: Ja, das Ende im Film ist bitter für ein Kind. Das finde ich ungut, die Leute mit so 'nem Gefühl nach Hause zu schicken.<BR><BR>Bei Ihnen also bessere Aussichten?<BR><BR>Ehnert: Natürlich wollen wir auch kein klassisches Weihnachtsmärchen erzählen, wo es hinterher heißt: Alles wird gut. Aber das Kind hat 'nen Entwicklungsschritt durchgemacht, weg von dem Mädchen, was nur hin und her geschubst wird. Was sie dann macht? Keine Ahnung, das passiert da draußen. Man kann eigentlich nur hoffen, dass die Zuschauer auch rausgehen und sagen: Oah, Licht, und jetzt: mein eigenes Leben!</P><P>Das Gespräch führte Teresa Grenzmann </P>

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