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Sie wartet neugierig auf ihre Schriftsteller-Kollegen und das Publikum: Die Autorin Dagmar Leupold, die heuer das „forum:autoren“ im Rahmen des Münchner Literaturfests kuratiert. Das Motto der Reihe: „Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart“.

Dagmar Leupold im Interview

„Jetzt sind wir in Endspurtlaune“

München - Die Schriftstellerin Dagmar Leupold spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über das von ihr kuratierte „forum:autoren“ beim Münchner Literaturfest.

Dagmar Leupold, die gerade ihren jüngsten Roman, „Unter der Hand“ (Verlag Jung und Jung), vorgelegt hat, ist heuer die Kuratorin des „forum:autoren“. Dieser gewichtige Teil des Münchner Literaturfestes läuft vom 6. bis 16. November. Das Fest (wir berichteten), das noch die Bücherschau mit 300 Verlagen im Gasteig, Veranstaltungen im Literaturhaus etwa mit Martin Walser, Besuche in Schulen, eine Zusammenarbeit mit der Ludwig-Maximilians-Universität und insbesondere die Geschwister-Scholl-Preisverleihung umfasst, endet am 24. November. Leupold, Jahrgang 1955, hat sich für ihren Kollegen-Reigen das Motto „Stadt Land Fluss: Geschichten von der Gegenwart“ ausgesucht.

Das Motto klingt nach traditionellem Gesellschaftsspiel plus Aktualitätsanspruch.

„Stadt Land Fluss“ ruft das Spiel auf. Das ist schön, zumal es in der Kunst ja den Aspekt des Spiels gibt. Das ist die Raumachse, und die Zeitachse kommt über den zweiten Teil des Titels rein. Die ist mir sehr, sehr wichtig. Die Zeitgenossenschaft liegt mir am Herzen. Es gibt außerdem ein Podium mit Architekten, das den aktuellen Hang zu Patina erforscht. Das ist oft keine Entscheidung bloß für einen Einrichtungsstil, sondern auch eine konzeptionelle – zu einer oft stockkonservativen Lebensform. Wir mögen unsere Zeit als dürftig empfinden, aber wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Deswegen war es mir wichtig, Schriftsteller aus unfriedlichen Gegenden einzuladen. Ich will mit meinem Programm unterstreichen, dass man lesend Erfahrungen machen kann und nicht diese konfektionierten, simulierten, eigentlich synthetischen, wie sie uns täglich widerfahren... weil nichts mehr echt ist. Alles ist zuerst medial vorhanden, und wir verinnerlichen das und glauben, dass das echt wäre. An Literatur schätze ich diesen anarchischen Rest. Es ist wie bei einer wirklichen Begegnung mit Menschen, man muss sich für den anderen offenhalten.

Was hat Sie an den Autoren fasziniert, die Sie ausgesucht haben?

Dass sie tatsächlich diese Räume, um die es geht, also Lebensräume – ob Metropolen, Provinzen, Dörfer, Kriegsgebiete –, als Erfahrungsräume ästhetisch umsetzen. Das Buch „Narcopolis“ von dem indischen Autor Jeet Thayil spielt in Mumbai. Man bekommt dadurch einen tiefen Eindruck, wie es ist, in so einer strukturlosen, wuchernden, überbordenden Metropole zu leben. Das ist zentral für den Roman: Ich meine eben nicht Lebensräume als Kulissen für irgendetwas. Natürlich gibt es auch Figuren, die diese Örtlichkeiten beleben.

Wie sind Sie auf diese Schriftsteller gestoßen?

Zum Teil waren das Glücksfälle, dass mir jemand begeistert von seiner Lektüre erzählt hat, zum Teil systematische Suche auf der Leipziger Buchmesse und Vorschau aufs Herbstprogramm der Verlage. Dann noch einmal Durchforstung von allem. Mein eigenes Netzwerk habe ich ebenfalls benutzt: Kollegen, Agenten, Übersetzer, Lektoren.

Sind das nur Neuerscheinungen?

Nein. Natürlich kann man so ein Fest nicht machen ohne Neuerscheinungen. Trotzdem wollte ich ältere Bücher aufnehmen. Es wird zum Beispiel ein Podium geben mit dem Titel „Lost in Galizien“ mit Karl-Markus Gauß, Martin Pollack und Olaf Kühl, bei dem es um etwas ältere Texte geht. Das fand ich sehr schön, dass man als Kuratorin die Freiheit hat zu sagen: Das ist thematisch so wichtig, das will ich.

Sie sind als Dozentin engagiert an der Universität Tübingen, sind beim Literaturfonds, sind nicht zuletzt Schriftstellerin, Hausfrau, Mutter...

Meine Kinder sind groß und flügge – das bedeutet nicht zwingend, dass sie keine Sorgen mehr bereiten... Die Arbeit am Buch war abgeschlossen, das war gutes Timing. Es ist viel, aber ich bin gut organisiert – allerdings habe ich manchmal gedacht, dass all das nicht zu stemmen ist. Das Team ist jedoch großartig: ob im Kulturreferat oder im Literaturhaus. Das war eine wunderbare Kooperationserfahrung für mich, als Autorin arbeitet man ja immer allein. Jetzt sind wir in Endspurtlaune.

Sind Sie bei jeder Veranstaltung dabei?

Ich werde immer die Begrüßung machen. Nicht als Grüß-August, sondern ich stelle jeden spezifisch vor. Ich habe die Bücher derer gelesen, die anreisen. Die Moderatoren habe ich ebenfalls ausgesucht. Eine Veranstaltung, die Klassikmatinee, moderiere ich selbst. Die Lyrikprogramme – sie gehören zum Stichwort „Fluss“ – haben stets mit Musik zu tun. Die beiden anderen, „Stadt“ und „Land“, beschäftigen sich überwiegend mit Romanen und auch mal mit Essays. Es ist mir wichtig, in der Matinee aufzuzeigen, dass es für „Stadt“ und „Land“ Traditionslinien gibt: Udo Wachtveitl liest zum Beispiel Dos Passos’ „Manhatten Transfer“, Uwe Timm aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ oder Axel Milberg aus Adalbert Stifters „Nachsommer“.

Warum sind bestimmte Räume, vom Kämmerchen bis zur Wüste, so wichtig für den Bau eines literarischen Textes – ob Roman oder Gedicht?

Der Raum hinterlässt Spuren in den gestalterischen Entscheidungen. Man reagiert darauf. Wenn das ein Kammerspiel ist in der Nonnenzelle, funktioniert es anders, als wenn Sie das Chaos von Lagos, das täglich auf einen einpeitscht, beschreiben. Sie entscheiden sich für eine andere Form, für eine andere Sprache. Der Raum zeichnet sich extrem ab in der ästhetischen Umsetzung. Der wird nicht einfach so abgeschildert.

Sie haben außerdem Stadtplaner und Architekten eingeladen. Hat man sich wirklich etwas zu sagen – vor allem in der Richtung von Dichter zu Architekt?

Die Architekten bleiben unter sich. Ich mache das für die Zuschauer und hoffe, dass sie die Verbindung zur Literatur herstellen. Es wird übrigens Diébédo Francis Kéré dabei sein, der für Christoph Schlingensief das Operndorf in Burkina Faso erbaut. Für den Zuhörer sollen sich dadurch neue Räume eröffnen.

In Ihrem neuen Roman spielen verschiedene Stadtviertel von München neben Abstechern in die Toskana und nach Berlin die entscheidende Rolle. Entscheidet man sich erst für die Geschichte und sucht dann, wo man sie ansiedelt?

Mich beschäftigen – durchgehend durch mein Werk – zwischenmenschliche Beziehungen und Geschichte. Dass ich über solche nicht nachdenken kann, ohne eine Verbindung herzustellen, wo und wann sie stattfinden, ist klar. Deswegen kann ich das nicht trennen. Deswegen ist der neue Roman neben Märchen und Schelmenroman auch ein gesellschaftskritischer Roman. Und in München, in dieser Stadt im Zentrum Europas liebt und lebt es sich anders als in einer Region, in der es um elementare Nöte geht. Formal wollte ich ein bisschen herumspielen.

Das Gespräch führte Simone Dattenberger.

Weitere Informationen

unter www.literaturfest-muenchen.de; Karten unter 089/ 54 81 81 81 oder auf www.muenchenticket.de.

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