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Joe Cockers große Stärke waren seine Konzerte.

Nachruf auf den verstorbenen Sänger

Joe Cocker: Die Wahnsinns-Stimme

München - Trauer um den Rocksänger Joe Cocker, der am Montag Abend im Alter von 70 Jahren an Krebs gestorben ist. Ein Nachruf.

Die Nachricht kommt ohne jede Vorwarnung, und jeder wird Trauer tragen, der eine Schwäche für den wunderbaren Krach hat, den wir Rock’n’Roll nennen, und wenigstens einen Funken Seele im Leib: Die schwärzeste weiße Blues-Stimme ist verstummt; Joe Cocker ist gestern Abend im Alter von 70 Jahren gestorben.

Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich hat einmal geschrieben, dass derjenige ein wahrer Künstler sei, der erkannt habe, was er gut kann und alles andere bleiben lässt. So gesehen, war Cocker ein vollkommener Künstler. Was er konnte, war, die Lieder anderer aufregend neu zu interpretieren und mit Leben zu füllen. Seine Stärke waren Live-Konzerte, in denen er unverstellt in Songs eintauchen konnte. Bis zuletzt begeisterte er auf der Bühne sein Publikum. Erst im vergangenen Jahr absolvierte er eine Welttournee, und wie immer kramte er diese Töne aus seinen Lungen, die klangen, als würde er mit Scherben gurgeln.

Es war unfassbar, wie es ihm über die Jahre immer wieder gelang, bei seiner Paradenummer „With A Little Help From My Friends“ diesen Urschrei aus seinem Körper zu zerren, der jeden anderen Sänger sofort hätte verstummen lassen. Es war genau dieser eine Augenblick, der Cockers Weltruhm begründete. Beim sagenumwobenen Festival von Woodstock 1969 trat der damals vergleichsweise obskure britische Sänger auf und wurde mit genau diesem herzzerreißenden Schrei über Nacht berühmt.

Cocker war damals 25 und blickte auf eine eher durchwachsene Karriere als Pubsänger zurück. Der Ruhm, die Drogen, der Alkohol und die Regeln des Showgeschäfts wuchsen dem gelernten Klempner schnell über den Kopf. Trotz weltweiter Hits, millionenfach verkaufter Platten und triumphaler Tourneen torkelte Cocker auf den Abgrund zu. Weil er sich – sympathischerweise – kein bisschen für das Geschäft interessierte und sich generell ein bisschen gehen ließ, sah es in den späten Siebzigerjahren so aus, als würde er eine der vielen schönen Leichen des Rock’n’Roll werden. Aber so erledigt Cocker auch war, der Musiker aus dem nordenglischen Sheffield war aus dem Stoff, aus dem Helden geschnitzt sind: Egal, wie oft er fiel, und er fiel oft, er stand immer wieder auf. Sein Kampf gegen die eigenen Dämonen währte über ein Jahrzehnt. Einem Welterfolg wie „Up Where We Belong“ (1982) folgte der totale Absturz, als Cocker 1984 in einem österreichischen Gefängnis landete: Er war zu betrunken, um das Konzert zu bestreiten, und der Veranstalter klagte auf Vertragsbruch.

Die Rettung war wie immer eine Frau. Im Jahr 1987 heiratete er die amerikanische Erzieherin Pam Baker, zog auf eine abgelegene Farm im US-Bundesstaat Colorado und startete noch einmal durch. Die Randy-Newman-Nummer „You Can Leave Your Hat On“ katapultierte ihn wieder an die Spitze der Charts. Es folgte eine sensationelle Interpretation des Klassikers „Unchain My Heart“. Cocker hatte Glück: Es war der Beginn der Renaissance der Soul- und Bluesmusik. Mittlerweile trocken, holte er mit seiner unvergleichlichen Bühnenpräsenz sein Publikum zurück.

Oft wurde er belächelt, manchmal verspottet für seine exzentrische Körpersprache und kritisiert dafür, keine relevanten eigenen Lieder schreiben zu können. Jetzt, da wir sein Luftgitarrenspiel nie mehr bewundern können und es niemanden mehr gibt, der aus vermeintlich verstaubten Klassikern live unwiderstehliche Monster macht, werden die Spötter schweigen.

Der einzige Sänger, der einen Beatles-Titel besser sang als die Beatles selbst, ist verstummt. Wir werden ihn vermissen, diesen Wahnsinnskünstler, der mehr Gefühl in jede Silbe legen konnte als die meisten anderen. Vor allem wird fehlen: Dieser unglaubliche Schrei bei „With A Little Help From My Friends“, der einem jedes Mal durch Mark und Bein ging.

Zoran Gojic

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