Jörg Hube zum 65.

Anarchischer Dickschädel

Ob kleines Brettl oder große Opernbühne: Jörg Hube, der im Sprechtheater zu Hause ist, macht vor nichts Halt. Morgen wird der bei Theater, Film und Fernsehen gleichermaßen viel gefragte und beim Publikum äußerst beliebte Schauspieler 65 Jahre alt.

Bordellbesitzer und Puntila. Herzkasperl und Karl Grandauer. Sugardaddy und Marokkanischer Prinz. Der alte Miller und Fortunatus Wurzel. Pompejus Sterz und der „Fledermaus“-Frosch. Und immer auch ein wunderbarer Vorleser. Oskar Maria Graf, Lion Feuchtwanger: Besser als von Jörg Hube vorgetragen, kann man sich diese Literatur nicht vorstellen. Am Samstag wird der Schauspieler 65. Aber er ist kein bisschen zahmer geworden.

Sein Spott ist gefürchtet; seine Franz-Josef-Strauß-Parodie ein Ereignis; sein Engagement in gesellschaftspolitischen Fragen hoch geachtet. Bis heute hat der im Theater und im Fernsehen viel beschäftigte Schauspieler die Satire nicht aufgegeben. Nach wie vor schlägt er, wenn er’s für richtig hält, kabarettistisch zu. Ein Hochgenuss.

Wird ein Künstler wie er 65, ist seine Karriere nicht beendet. Im Gegenteil, die Patina der Jahre wird zum Pfund, mit dem er wuchern kann. Jörg Hube war als Schauspieler offenbar nicht gemacht für die jugendlichen Helden und klassischen Liebhaber, wenngleich er in seinem Anfängerjahr am Theater in Trier Kleists Homburg spielte. Doch Rollen wie Schillers Ferdinand oder Goethes Fiesko fehlen in seiner Sammlung. Zu ihm passte schon immer besser der Klosterbruder als der Tempelherr.

Hube ist aus anderem Holz geschnitzt. In jungen Jahren schon war er der kongeniale Protagonist der Stücke von Franz Xaver Kroetz; jener wütenden, exzessiven, wahrheitssuchenden Realitätsdramen, in denen der Schauspieler sein radikales Menschenforschertum bis zur Entblößung einbringen konnte. „Kroetz hat mich mit Texten konfrontiert, die meine eigene Verzweiflung analysiert haben“, sagte Hube einmal.

Das bezog sich auf die Münchner Kammerspiele, denen Hube, mit Unterbrechungen, 25 Jahre lang angehörte. Heute spielt er, wenn er Theater spielt und nicht dreht oder selbst inszeniert, am Bayerischen Staatsschauspiel. Ein freier Künstler, dessen Devise lautet: „Ich möchte gelassen alles lassen können.“ Und: „Lieber ein Spatz in der Freiheit, als ein Pfau im Zoo.“

Diese Freiheit im Denken schafft Unabhängigkeit im Arbeiten – im Spielen, im Schreiben, im Inszenieren. Etwas, das sich dem Publikum mitteilt und es von eigenen Denkschablonen befreit. Hubes Kunst – ob auf kleinen Kabarettbrettern wie Fraunhofer beziehungsweise TamS oder auf der großen Staatsschauspielbühne – macht die Zuschauer auf vergnügliche, sinnliche, ungeheuer komödiantische und manchmal auf erschreckend ungeschützte Weise ein Stückchen klüger.

Hube, der im Residenztheater unter anderem in der französischen Komödien-Doppelrolle als Hausmeister Poche sowie als Bourgeois Chandebise zu sehen ist („Floh im Ohr“), ist natürlich ein bayerischer Schauspieler. Nicht in erster Linie, weil er sprachlich als Münchner zu erkennen ist. Sondern weil er jene anarchische Dickschädeligkeit ausstrahlt, immer schön gepaart mit der Möglichkeit zu bezwingender barocker Eleganz und Liebenswürdigkeit.

Georg Ringsgwandl, als Kabarettist ein Bruder im Geiste, porträtierte nach gemeinsamen Bühnenerfahrungen Jörg Hube als den „entfesselten Kohlhaas des deutschen Theaters“: „Der Griesgram Hube läuft warm. Dann brechen in einer Serie von Eruptionen Einfälle aus ihm hervor, von denen der Normale nicht einmal träumt, dann ist es für den Regisseur wie in einer guten Konditorei: die Auslage voller Torten, man braucht sich nur das Beste auszusuchen.“

Sabine Dultz

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