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Jörg Hube als Kabarettist in seiner Herzkasperl-Aufmachung

„Jörg Hube verkörpert Bayern“

München - Da ist das Karussellpferdchen ja in bester Gesellschaft: In der Schatzkammer der Münchner Monacensia - Literaturarchiv und Bibliothek steht es keine zwei Meter entfernt von Schreibtisch und Stuhl Frank Wedekinds.

Dieser bedeutende Dramatiker war nebenbei der Urvater aller Münchner Brettlkünstler, weil er im „Simplicissimus“ gerne eigene Lieder zur Klampfe sang. Und der nostalgische Holzgaul, der jetzt in die Nachbarschaft der Wedekind-Reliquien getrabt ist, gehörte einem anderen Brettl-Virtuosen: keinem Geringeren als Jörg Hube (1943 bis 2009).

Den Nachlass dieses viel zu früh verstorbenen Kabarettisten, Volksschauspielers und Charakterdarstellers, der in der TV-Serie „Löwengrube“ genauso glänzte wie in Edgar Reitz’ „Heimat“, konnte die Monacensia kürzlich als Schenkung übernehmen, worüber sich Elisabeth Tworek unbandig freut: „Er hat immer so leicht ironisch ,Frau Doktooor‘ zu mir gesagt“, erinnert sich die Monacensia-Chefin, die Hube seit vielen Jahren kannte und oft als Rezitator für Veranstaltungen ihres Hauses gewinnen konnte. „Jörg Hube verkörpert für mich Bayern, gerade in seiner ganzen Widersprüchlichkeit und auch Verzweiflung an dem, was ist. Er konnte grantig und charmant sein“, sagt Elisabeth Tworek. Aber mit diesem wahrhaftigeren Bild eines Bayern abseits der Klischees habe dieser Schauspieler den Menschen in Bayern Orientierung gegeben.

Elisabeth Tworek, Chefin der Monacensia, lehnt hier auf einem Karussellpferd, das Jörg Hube besaß.

Der Hube-Nachlass ist für die Archivleiterin „eine ganz, ganz wichtige Bereicherung, weil Kabarett- und Brettlkultur unbedingt zu unserem Sammlungsgebiet gehören“. Immerhin besitzt die Monacensia schon die Nachlässe von Liesl Karlstadt, Bally Prell, dem Roider Jackl, Ruth Drechsel und anderen Vertretern einer „typischen münchnerisch-katholischen Tradition von Spektakel, von Lust am Spiel und Derblecken“, die eine charakteristische Facette des bayerischen Kulturlebens darstelle, meint Tworek. Neben dreidimesionalen Hinterlassenschaften wie dem Karussellpferd, etlichen Orden, der geschwungenen Metallplastik des Bayerischen Kabarettpreises oder Requisiten aus den kabarettistischen „Herzkasperl“-Programmen, die Hube 35 Jahre lang spielte, gehören zum Nachlass Fotos, Filme und Tonbänder. Aber natürlich waren in den zehn prall gefüllten Umzugskartons mit dem Hube-Nachlass auch Manuskripte - von Briefen bis hin zu Schulheften oder einem Terminbüchlein mit den „Herzkasperl“-Auftritten, wo sich auf jeder Seite die Notiz „Ausverkauft“ findet.

„Was wir hier bewahren, ist das Bild eines Menschen, und das ergibt sich erst aus all den verschiedenen Hinterlassenschaften“, sagt die Monacensia-Chefin. Die unschätzbaren Dokumente stehen nicht nur Forschern zur Verfügung, sondern sollen ab November in einer Ausstellung zu Leben und Werk Hubes für einige Zeit der Öffentlichkeit präsentiert werden. Diese Form der Kultur-Vermittlung, zu der auch Lesungen, Führungen und Vorträge gehören, ist eine der vier „Säulen“ der Monacensia - neben der Präsenzbibliothek mit 140 000 Bänden zum Thema München, neben der Zusammenarbeit mit Universitäten und Schulen. Und neben dem Archiv natürlich, das rund 300 Nachlässe Münchner Schriftsteller bewahrt, von Annette Kolb über Thoma und Ganghofer bis hin zu Klaus und Erika Mann. Aber auch von Thomas Mann, dem alles überstrahlenden Zentralgestirn des literarischen Münchens, besitzt die Monacensia etwa 800 Briefe. Somit ist das Münchner Literaturarchiv, das stilvoll in der Gründerzeitvilla des Künstlerfürsten Adolf von Hildebrand (1847-1921) am Isar-Hochufer residiert, eine der wichtigen Anlaufstellen für Literaturwissenschaftler oder Volkskundler aus Bayern und dem Rest der Welt. Auch dank der zügig vorangetriebenen Digitalisierung: 70 Prozent der Archivbestände sind mittlerweile bereits im Internet recherchierbar.

Dass die Monacensia inzwischen als Literaturarchiv internationales Renommee genießt, ist vor allem das Verdienst von Elisabeth Tworek. Als die aus Murnau stammende Literaturwissenschaftlerin das Haus vor 17 Jahren übernahm, dämmerte es als verstaubte, kaum wahrgenommene Institution im Dornröschenschlaf dahin. Heute hingegen ist die Monacensia, dem Rang ihrer Schätze gemäß, als eine der wichtigsten städtischen Kultureinrichtungen präsent und durch Kooperationen mit der Staatsbibliothek oder dem berühmten Marbacher Literaturarchiv bestens vernetzt. Mit dem Ansehen des Archivs stieg aber auch die Bereitschaft bedeutender Autoren, ihre Nachlässe schon zu Lebzeiten zu übergeben - so wie es Herbert Achternbusch oder kürzlich etwa Herbert Rosendorfer getan haben. „Kontakt ist alles“, erklärt Elisabeth Tworek, wenn sie ihre Tätigkeit beschreibt, „man muss Vertrauen und Verbindungen aufbauen“.

Dass ihr das glänzend gelingt, beweist neben dem Hube-Nachlass noch ein anderer Neuzugang im Archiv: Die Preziosen von Lena Christ wurden von deren Enkelin kürzlich der Monacensia übergeben. Folglich ist für 2012 schon eine große Lena-Christ-Ausstellung geplant - aber das wäre wieder eine andere Geschichte aus dem quicklebendigen Märchenschloss Monacensia...

Alexander Altmann

Informationen

Adresse: Maria-Theresia-Str. 23, Öffnungszeiten: Mo.-Mi., Fr. 10.30-18 Uhr, Do. 10.30-19 Uhr; Telefon: 089/ 41 94 720; Veröffentlichungen: edition monacensia beim Münchner Allitera Verlag.

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