Johann Sebastian Bach – ein Antisemit?

München - Der Berliner Staats- und Domchor wollte ganz korrekt sein: Für seine Aufführung der Johannes-Passion ließ er neue Arien-Texte erstellen. Eine alte Diskussion kocht da wieder hoch: Sind Johann Sebastian Bachs Passionen antisemitisch? Eine Spurensuche.

„Wir dürfen niemand töten“ ist eine dieser Stellen. In heulender Chromatik schrauben sich da geifernde Volksmassen die Tonskalen hinauf. Höhnisch wird in der Johannes-Passion der Schwarze Peter um die Bestrafung Jesu an die Römer weitergereicht. Effektvolle Musik schrieb dazu Bach: der jüdische Mob mit Schaum vor dem Mund. Alles nur Klangtheater? Oder doch bösartige Karikatur, also musikalischer Antisemitismus? Für Daniel Barenboim, den großen Versöhner (und Fan des Antisemiten Wagner), ist das keine Frage: Die Johannes-Passion wolle er nicht dirigieren.

Der Berliner Domchor hat sich aus solchen Bedenken heraus gerade an eine Entschärfung gemacht. Neun von zehn Arien ließ er von zwei jüdischen Philosophinnen und einem Komponisten umdichten. Worte wie „Barmherzigkeit“, „übergroße Liebe“ oder „Langmuth“ finden sich nun, eine alles umarmende Botschaft ist das Ziel, dort wo das Stück – angeblich – eine scharfe Grenze zwischen Juden und Nicht-Juden zieht. Nur: Ausgerechnet die problematischen Passagen der Turbae, der wilden Volkschöre also, blieben unangetastet.

Ob Bach Antisemit war, lässt sich mangels schriftlicher Zeugnisse nicht belegen. Einziger Ausweg ist ein Rückschluss vom Werk aufs Denken, ein Indizienbeweis also. Ist eine drastische musikalische Schilderung des (jüdischen) Volkszorns demnach automatisch Antisemitismus? Eine angreifbare Argumentation. Allerdings: Bach war Kind seiner Zeit. Einer Zeit, in der antijüdische Tendenzen als ein mal mehr, mal weniger starkes „Grundrauschen“ das Denken und Urteilen bestimmten. Und er war Lutheraner, also Anhänger eines Kirchenmannes, der im vorgerückten Alter zur Vernichtung der „Gottesmörder“ aufrief.

„Als Christen müssen wir bekennen, dass wir jahrhundertelang eine Judenfeindschaft zugelassen haben, die mit der wahren biblischen Botschaft nichts zu tun hat“, meint Susanne Breit-Keßler, Evangelische Regionalbischöfin. Bach freilich gesteht sie die Rolle des Verkünders zu: „Er beherrschte die Kunst, das Lob Gottes musikalisch umzusetzen und emotional nachvollziehbar zu machen.“

Gerade dieses Emotionale unterscheidet ihn von allen Kollegen vor ihm. Bachs Passionen bedeuten einen Quantensprung in der Bibel-Vertonung im Vergleich zum betrachtenden Gestus eines Johann Kuhnau oder Heinrich Schütz. Die dramatischen Szenen nutzte Bach nur zu gern, trieb sie mit singulärer Kompositionskraft auf die Spitze, besonders in Passagen, die vom aufgebrachten Volk berichten. Jeder nur halbwegs reflektierende Interpret steht damit vor der Frage: Heißt das, dass solche Stellen durch expressive Aufführungen erst recht in die giftige Karikatur getrieben werden?

„Das Übertreiben der Musik finde ich nicht schlimm“, sagt Hansjörg Albrecht, Chef des Münchener Bach-Chores und nicht gerade für zurückhaltende Dirigate bekannt. „Die Drastik der Interpretation beinhaltet ja auch eine Botschaft. Außerdem ist sie in Sälen wie in der Philharmonie notwendig.“ Neue Arientexte für die Johannes-Passion hält er für unglücklich, zumal diese oft mit der Musik nicht zusammengingen. Dann lieber das Werk unterbrechen und kommentierende Stücke einfügen, etwa Schönbergs „Ein Überlebender aus Warschau“.

„Man kann doch nicht politisch korrekt beim Dirigieren sein“, findet auch Christian Stückl. Dem Intendanten des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer sind Bedenken, wie „heikle“ Stellen realisiert werden dürfen, nicht fremd: Die Oberammergauer Massenszene mit dem „Kreuzige“-Geschrei treibt nicht nur ihm die Sorgenfalten auf die Stirn. In seiner Inszenierung löste Stückl das Problem auf (historisch korrekte) Weise: Das Jüdischsein Jesu wird überdeutlich herausgestellt – das Volk mordet also einen aus seiner Mitte. Und wie hält er’s mit Bach? Antijüdisches, so Stückl, habe er nie in dieser Musik gespürt. „Ich will mich von ihr einfach mitnehmen lassen. Es gibt schließlich auch keine katholische oder evangelische Musik.“ Er empfehle, sich um andere Künstler zu kümmern: „Interessanter wäre, über die Haltung von Richard Strauss oder Gerhart Hauptmann zum ,Dritten Reich‘ zu diskutieren.“

„Musikalisch, klanglich ist Bachs Werk beeindruckend, mitreißend und von ungeheurer Intensität“, meint auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Ob Bach antijüdische Klischees bedient habe, vermöge sie nicht zu beurteilen. Persönlich habe sie Probleme damit, Musik zu genießen, deren Konzeption eine antisemitische Basis hat. „Zu verurteilen ist aber nicht die Musik, sondern der Komponist, und es ist nicht ausgeschlossen, das Stück in einem neuen Zeitalter, von neuen Interpreten quasi neu zu erfinden.“ Die Texte der Berliner Johannes-Passion hält Knobloch für sehr gelungen. „Das wird die Welt und die Musikwelt aushalten.“

Gewiss: Bach hat die Bibel-Übersetzung Martin Luthers für seine Passionen verwendet. Doch aus liturgischen Gründen blieb ihm zur Ausgestaltung ja keine andere Wahl. Und der Vorwurf, er habe ein klangliches Äquivalent zum Antisemitismus Luthers geschaffen, ist letztlich kaum haltbar. Nicht die Karikatur war Bachs Intention, eher eine Art Kirchenoper. Eine (naturgemäß) drastische Ausmalung des Neuen Testaments, das die Hörer ebenso treffen sollte wie die packenden Gemälde barocker Maler.

Eine Botschaft, plastisch, überdeutlich und effektvoll verpackt – so fremd ist der Barock unserer Zeit gar nicht. Und womöglich sind dramatische Verkünder à la Bach notwendiger denn je: „Man müsste die Musik in ihren brutalen Passagen vielleicht noch mehr übertreiben, damit die Hörer zur Besinnung kommen“, sagt Dirigent Hansjörg Albrecht. „Wer weiß doch heute noch genau, was Ostern bedeutet? Hauptsache die Bäume blühen und die Sonne scheint...“

Bachs Problem und das seiner Passionen bleibt auch die Perspektive: Der Blick auf die inkriminierten, geifernden Passagen geschieht aus einer Zeit heraus, die die Jahre zwischen 1933 und 1945 hinter sich hat. Ein Los, das der Leipziger Meister mit dem Bayreuther Kollegen Wagner teilt. Worte wie „Juden“ im Passionstext und ihre musikalische Ausschmückung gelten sofort als Alarmzeichen. Das ist richtig, legitim und wichtig. Aber es könnte durchaus sein, dass es Johann Sebastian Bach im Grunde egal war, wer hier den geschundenen Messias verspottet. „Wer die Johannes-Passion aufmerksam hört, wird mit Haut und Haar spüren, dass es nicht um ,die Juden‘ geht, sondern um jeden Einzelnen von uns“, meint Bischöfin Susanne Breit-Keßler. „Jeder ist darauf angesprochen, Jesu Tod zu bedenken – damit jeder hoffnungsvoll begreift: Die Hölle ist im Letzten besiegt, das Grab ist leer. Und der Himmel steht offen."

von Markus Thiel

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