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Fremde unter Fremden: Lucy (Brigitte Hobmeier) als Weiße unter lauter Schwarzen (Schaufensterpuppen).

Theaterkritik

Coetzees "Schande": Im Netz der Macht

München - John M. Coetzees "Schande" hatte unter der Regie von Luk Perceval an den Münchner Kammerspielen Premiere. Eine Kritik:

Nichts ist hier einfach, und doch erscheint alles simpel. Klar und deutlich liegt das Geschehen vor unseren Augen, und trotzdem bleiben am Ende Fragen. Eine Stärke dieses Stoffs ist seine Uneindeutigkeit – die letztlich nur jeder für sich in Eindeutigkeit verwandeln kann. Luk Perceval hat an den Münchner Kammerspielen „Schande“ inszeniert, Josse De Pauws Bühnenfassung des 1999 mit dem Booker-Preis ausgezeichneten Romans von John M. Coetzee. Dabei ist es dem Regisseur gelungen, den Stil des Südafrikaners in die Sprache des Theaters zu übersetzen. Denn auch das Buch, das Steve Jacobs mit John Malkovich in der Hauptrolle 2008 verfilmte, scheint eine einfache Geschichte zu erzählen. In oft kurzen Hauptsätzen berichtet Coetzee von David Lurie, der Universität und Kapstadt verlässt: Eine Affäre, die der Professor so leidenschafts- wie bedenkenlos mit einer Studentin begonnen hat, wurde zum Skandal. Lurie kommt bei seiner lesbischen Tochter Lucy unter, die auf dem Land eine Farm und Hundepension betreibt – umgeben von Schwarzen, die im Südafrika der Post-Apartheid ihre eigenen Herren geworden sind. Es kommt zur Katastrophe, natürlich. Lucy wird von drei Männern vergewaltigt.

Doch Coetzee – und das macht die Stärke des Romans und dessen Wirkung aus – verhandelt mehr als dieses singuläre Verbrechen: Dem Literaturnobelpreisträger von 2003 geht es um Machtverhältnisse – zwischen Weißen und Schwarzen, Männern und Frauen, Menschen und Tieren. Ein Gefühl von „Liebe“ wird Lurie tatsächlich erstmals erfahren, als er Bev, einer Bekannten seiner Tochter, beim Töten streunender Hunde hilft. In seiner etwas mehr als zwei Stunden langen Inszenierung, die am Freitag im Schauspielhaus Premiere feierte, entfaltet Perceval einiges von der Substanz dieses Buchs auf der Bühne. Freilich, der Abend braucht etwas (zu viel) Zeit, um in die Spur zu kommen. Gerade dem Auftakt, als es um Luries Verfehlungen an der Universität geht, hätte eine Straffung gutgetan.

Den Blick auf das Machtverhältnis zwischen Schwarzen und Weißen etabliert von Beginn an das kluge Bühnenbild: Katrin Brack hat dunkelhäutige Schaufensterpuppen locker zusammengestellt. Ausgestellt im wahren Wortsinn blicken diese Kinder, Männer und Frauen stumm und starr ins Publikum. Eine Parallelgesellschaft, zwischen deren Mitgliedern sich das Leben der Weißen abspielt. An drei Beispielen zeigt sich, wie unmenschlich der Kontakt zwischen beiden Gruppen auch nach der Apartheid ist: In Kapstadt war David Lurie Kunde einer afrikanischen Nutte. Dieses ungleiche Machtverhältnis wird durch das der Hautfarbe potenziert – und ausgehebelt, als der Professor die Frau privat aufsucht und von ihr abgewiesen wird. Lucy wiederum wird sich später weigern, ihre Vergewaltigung anzuzeigen: „Wenn das der Preis dafür ist, bleiben zu dürfen?“, fragt sie zur Begründung ihrer Entscheidung.

Schließlich ist da noch Petrus, der für Lucy arbeitet. Auch er eine bis zum Ende undurchsichtige Figur. Was wusste er von dem Übergriff? In welchem Verhältnis steht er zu den potenziellen Tätern? Petrus wird Lucy anbieten, seine dritte (!) Ehefrau zu werden – und dadurch unter den Schutzschirm seiner Familie zu kommen. Im Gegenzug will er ihr Land. Die junge Frau wird darauf eingehen, weil sie hofft, bleiben zu dürfen an einem Ort, an dem sie eigentlich nichts verloren hat. „Ohne Papiere, ohne Waffen, ohne Besitz, ohne Rechte, ohne Würde“ – das könnte eine „gute Ausgangsbasis für einen Neuanfang“ sein, resümiert Lucy verbittert. Sie akzeptiert die Gesetze der Lebenswirklichkeit, für die sie sich entschieden hat. Zum Unverständnis ihres Vaters, der stur an seiner rechtsphilosophischen Auffassung von Verbrechen, Schuld, Strafe festhält – und damit scheitert. „Ich handle nicht nach abstrakten Begriffen“, sagt Lucy.

Im Gegensatz zu den Themen sind Inszenierung wie auch Roman beinahe provozierend unaufgeregt. Zurückgenommen wird auf der Bühne agiert, die Konzentration des Publikums somit ganz auf den Subtext gelenkt. Einem Schauspieler wie Stephan Bissmeier liegt das besonders: David Lurie scheint bei ihm stets leise erstaunt zu sein über die (männliche) Arroganz und (intellektuelle) Überheblichkeit, die er an sich selbst bemerkt. So entzieht Bissmeier den Professor geschickt einer eindeutigen Be- oder gar Verurteilung. Derart in der Schwebe hält Brigitte Hobmeier auch ihre Lucy: Zupackend und geerdet zeigt sie diese Frau, sodass deren spätere Weigerung, Konsequenzen aus dem Verbrechen zu ziehen, nicht mit Naivität begründet werden kann. Eine eindeutige Antwort gibt es also auch in diesem Fall nicht. Fragen wirken schließlich oft länger. Großer Applaus.

Nächste Vorstellungen am 28. Dezember sowie am 2., 12. und 21. Januar; Telefon 089/ 233 966 00.

Von Michael Schleicher

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