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Szenisches Bling-Bling hat diese Aufführung nicht nötig: Szene aus Monteverdis „Il ritorno d‘Ulisse“ in Aix-en-Provence.

Zum 450. Geburtstag

Das trifft in Hirn, Herz und Bauch: Monteverdi mit Gardiner

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Aix-en-Provence - Seit einem halben Jahrhundert beschäftigt sich John Eliot Gardiner mit der Musik Claudio Monteverdis. Heuer wird der 450. Geburtstags dieses Komponisten gefeiert. Eine Würdigung des Mannes, der am Anfang der Gattung Oper steht - und ein Blick auf Gardiners Welttournee mit Monteverdi-Werken, die in Südfrankreich startete. 

Manchmal sind es nur Akkorde, auch einzelne Noten, die den Argwohn der Kirche wecken. Eine unaufgelöste Dissonanz, ein Abbiegen auf fremde harmonische Pfade: Der Ketzerverdacht keimt schnell, auch wenn nicht gleich der Scheiterhaufen droht. So gesehen, vor dem fest gefügten, in Zahlenverhältnissen geformten Weltbild der Religion, das sich in der Musik spiegeln sollte, war Claudio Monteverdi damals ein Abtrünniger. Einer, der aus Sicht der Priesterschaft Gottes perfekten Plan unterlief, infrage stellte – und ihn doch (der Blick nach vorn war noch nie Stärke des Klerus) auf eine unendlich aufregende Weise erfüllte.

„Der Vater der Oper“, diesen Orden wird Monteverdi, der heuer vor 450 Jahren in Cremona zur Welt kam, nicht mehr los. Dabei schlug mit „L’Orfeo“ gar nicht die Geburtsstunde der Gattung. Gesang auf der Bühne, klanglich untermalte Wort-Ausdeutung, seit den Schauspielmusiken der Antike gab es das. Nur nicht, und das macht Monteverdi zum Revolutionär, als fest gefügtes, als gedrucktes Werk. Und auch nicht als Äußerung einer Bühnenfigur, die zwar den Verstand des Zuhörers beschäftigte, ihn vor allem aber in Herz und Bauch traf. Monteverdis Gesänge sind pure Emotion, vom Ballast der Konstruktion und Lehre befreit, unverfälschte Äußerung eines lebendigen Ichs.

Auch das macht diesen Komponisten so modern und erklärt seine Popularität. Selbst der spätere Barock mit seinen Formeln, seinem Zierrat und seiner Theatereitelkeit fiel dahinter zurück, erst Mozart wandte sich wieder dem Menschen mit all seinen Brüchen zu. Vor allem aber: Für Monteverdis Überwältigung brauchte es keine Theatermaschinerie. Die ersten Aufführungen am Hof von Mantua, in einem Saal ohne technische Vorrichtungen, sogar ohne Bühne, waren folglich keine Kompromisse. Sie belustigten, bestürzten und beschäftigten die blaublütigen Intellektuellen gerade deshalb, weil kein szenisches Bling-Bling ablenkte.

„Il ritorno d‘Ulisse“ im Theater von Aix-en-Provence

So gesehen ist das größte Monteverdi-Projekt in diesem Jubiläumsjahr historisch korrekt. „Halbkonzertant“, die Einordnung gilt nur bei oberflächlichem Hinschauen. Das Orchester auf der Bühne, gerahmt vom Laufsteg, ein paar Lichtwechsel, die Solisten in Kostümen und mittendrin ein Hocker als Thron des Prinzipals: Für Sir John Eliot Gardiner, regierender Pontifex des Barock, ist dieser Komponist Lebensaufgabe und Gründungsmythos. Monteverdis Marienvesper markierte 1967 für seinen Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists (damals als Monteverdi Orchestra) den Durchbruch. Jetzt sitzt Gardiner auf der Bühne des Grand Théâtre in Aix-en-Provence und beginnt mit „Il ritorno d’Ulisse in Patria“ sein aktuelles Mammutprojekt, sein größtes nach der Aufführung aller Bach-Kantaten im Jahr 2000.

Von Südfrankreich aus startet eine Tournee mit den drei erhaltenen Monteverdi-Opern und der Marienvesper. Venedig, Luzern, Berlin, New York, nur einige Stationen sind das, auch Salzburg ist dabei. Wie weiland Karajan inszeniert Gardiner selbst, assistiert von Elsa Rooke. Wobei inszenieren: Es ist ein Arrangement, das da erstmals in Aix zu sehen ist, eine Aufführung, die Sänger angestachelt hat, auf dass sie – bei aller Präzision und minutiöser Vorbereitung – ihr Innerstes nach außen kehren. Selbst für den Höhepunkt braucht es kein Requisit. Der Bogen des Ulisse, den keiner seiner Rivalen spannen kann, ist Penelope selbst mit hoch erhobenem Arm.

Man muss sich etwas einhören, die kleine Besetzung ist nicht ganz ideal für den großen Saal. Doch was man dann erlebt, fesselt gerade in seiner Konzentration auf die Musik und auf diese außerordentlichen Solisten. Stimmen von der Stange, barocke Konfektionsware gibt es nicht. Dafür mit Lucile Richardot eine Penelope, die man nicht mehr vergisst. Eine große Tragödin ohne große Geste. Ein in allen Situationen gehorchender Mezzoklang, guttural, herb, der fast von einem Countertenor stammen könnte. Dazu passt wunderbar Furio Zanasi als Ulisse. In seine Stimme an der Grenze zwischen Tenor und Bariton haben sich Gerbstoffe gemischt, umso mehr nimmt man ihm den von Leben, Flucht und Wiederkehr Gezeichneten ab. Zanasis Gesang ist reinste Klangrhetorik, ein intelligentes Spiel mit Farben, Nuancen und Verzierungen.

Eine Wundertruppe wie vom anderen Stern

Auch die anderen – etwa Krystian Adam (Telemaco), Gianluca Buratto (Tempo, Nettuno, Antinoo), Hana Blaíková (Minerva, Fortuna) und Robert Burt (Iro) – bewegen sich auf diesem olympischen Niveau. Die English Baroque Soloists spielen ohnehin wie vom anderen Stern. Energie, Spannung, makellos Phrasiertes, kostbare Soli, all das liefern Gardiner und seine Wundertruppe über dreieinhalb nie durchhängende Stunden. Für zwei groß besetzte Madrigale gesellen sich zu den Solisten Mitglieder des Monteverdi Choirs. Momente, die in ihrer spielerischen Perfektion den Atem rauben.

Spätestens jetzt versteht man, warum dieser Komponist seinerzeit auch angefeindet wurde. Eine so unmittelbar wirkende Kunst war suspekt. Doch Monteverdi reagierte auf seine Weise – indem er die Kirche beschenkte, etwa mit seiner Marienvesper. Verehrung und Subversives paaren sich in dieser geistlichen Musik, die in vielen Momenten unverhohlene Erotik ist. Auch damit spiegelte dieser Mann also seine Zeit wider und eine Kirche, die sich muskelbepackte, nackte Statuen gönnte. Und damit Wollust als Heiligenverehrung tarnte.

Informationen:
Aufführungen bei den Salzburger Festspielen: 26. Juli „Orfeo“, 28. Juli „Ulisse“, 29. Juli „Poppea“; Telefon: 0043/ 662/ 8045-361; weitere Tourdaten unter www.monteverdi.co.uk.

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