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„Es gibt noch Dinosaurier unter meinen Kollegen, die die historische Aufführungspraxis ablehnen“: Dirigent Sir John Eliot Gardiner (72) ist morgen und am Freitag im Münchner Herkulessaal zu erleben.

Interview zum Konzert

"Berlioz war irgendwie bekloppt"

München - John Eliot Gardiner spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über vegetarische Interpretationen, Perfektion und sein Programm beim BR-Symphonieorchester

Wenn er am Pult steht, kommen die Orchester besonders ins Schwitzen. Sir John Eliot Gardiner, britischer Stardirigent mit Wurzeln in der Alte-Musik-Szene und Nebenerwerbsbauer, verlangt viel. Die grandiosen Ergebnisse sprechen für sich. Morgen und am Freitag ist er wieder zu Gast beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Der 72-Jährige dirigiert im Herkulessaal „Harold in Italien“ von Hector Berlioz und die große C-Dur-Symphonie von Franz Schubert.

Was haben die beiden Werke des Programms gemeinsam?

Nichts. Bis auf eine Sache: Sie bedeuteten damals Avantgarde-Kunst, sie waren radikal zeitgenössisch. Im Gegensatz zu Schubert war Berlioz allerdings irgendwie bekloppt. Ein Extremist.

„Harold in Italien“ bezieht sich auf ein Vers-Epos von Byron. Ein junger Mann hat das Luxusleben satt und sucht Zerstreuung und Sinn auf einer Reise in fremde Länder. Wie viel ist im Berlioz-Werk Byron, wie viel autobiografisch?

Es ist viel mehr autobiografisch. Berlioz’ eigene Italien-Erinnerungen spielen eine sehr große Rolle, auch welche Instrumente und Melodien er dort kennengelernt hat.

Einer Ihrer Kollegen sagte einmal, ihm seien Komponisten wie Strauss oder Berlioz verdächtig, die zu oft „Ich“ sagen in ihren Werken...

Bei Berlioz würde ich das nicht so ausdrücken. Er war nicht so egozentrisch in seinen Werken oder so eitel, wie es scheint. Was toll ist bei ihm: Alles, was in seinem Kopf herumspukt, was ihn bewegt, hat er auf unvergleichliche Weise in der Musik zum Ausdruck gebracht. Entscheidend ist bei ihm der Fantasiereichtum. „Das habe ich gemacht, das bin ich“, ein solches Statement ist eher bei Wagner herauszuhören.

Manche Interpreten schrecken vor Schuberts großer C-Dur-Symphonie zurück und heben sie sich für später auf. Verstehen Sie diese Scheu?

Nein. Seit meinem 21. Lebensjahr beschäftige ich mich intensiv mit dem Stück, zunächst war das noch als Geiger. Ich wollte sie immer dirigieren. Später habe ich die Symphonie zweimal aufgenommen – ich bin total begeistert von ihr. Und mit einem solchen Orchester wie dem vom BR ist es ein Genuss.

Muss man noch gegen eingefahrene Aufführungstraditionen auch bei diesem Werk kämpfen?

Sicher. Doch wenn ein Orchester Lust hat, neue Wege zu gehen und Dinge auszuprobieren, ist es kein Problem. Es kann danach gern wieder zurückkehren zur altmodischen Praxis. (Lacht.) Ich komme ja nicht mit einer Blaupause zu den Proben nach dem Motto: So muss es klingen. Es geht mir vielmehr um eine Zusammenarbeit. Wichtig ist mir nicht das Pädagogische, sondern die große Lust zu musizieren.

Fühlen Sie sich als Trainer, der zu den klassischen Symphonieorchestern geholt wird, wenn die eine Frischzellenkur, einen Knotenlöser in Sachen Aufführungspraxis brauchen?

Wir leben in einer Zeit, in der sich die konventionellen Symphonieorchester fragen, in welche Richtung es eigentlich gehen soll. Weg von all dem, was mit Alter Musik und Originalinstrumenten zu tun hat? Oder sollen wir uns dem in gewisser Weise annähern? Wenn die großen Orchester eine Zukunft haben wollen, dann müssen sie ein Verhältnis auch zu historischen Instrumenten finden. Beim London Symphony Orchestra, mit dem ich oft arbeite, gibt es diese Neugierde, ebenfalls beim BR. Vor zehn, zwanzig Jahren war das undenkbar. Als ich 1987 meine English Baroque Soloists gegründet habe, da wurde in den klassischen Symphonieorchestern darüber gelacht. Alles sei unsauber, irgendwie vegetarisch, wenn nicht sogar vegan. Mitterweile gibt es Respekt. Mit den Londonern habe ich einen Beethoven-Zyklus gemacht, jetzt folgt gerade ein Mendelssohn-Zyklus, auch auf CD. Mendelssohns Fünfte ist gerade erschienen. Ich sagte damals zu den Londonern, als sie an mich herantraten: Sie werden weinen, klagen, sorgen, zagen, wie es in der Bach-Kantate heißt. Einige haben das auch getan, aber alles hat sich gelohnt.

Die Zeit der Dogmen, der parallel existierenden Aufführungstraditionen ist doch vorbei.

Das würde ich nicht so sagen. Es gibt noch Dinosaurier, auch unter den Dirigenten meiner Generation, die sagen: „Es stinkt, es ist pfui.“ Ich nenne jetzt keine Namen. Das ist doch genau so, als wenn ich sagen würde: „Zeitgenössische Musik ist uninteressant und Dreck.“ Als Musiker ist man gezwungen, die Ohren offen zu halten und die Möglichkeit einzuräumen, sich überraschen zu lassen.

Was bedeutet für Sie Perfektion?

Puh. Etwas, das immer ein Stück weiter von dem entfernt ist, was ich gerade mache.

Nun haben Sie aber zwei Ensembles, den Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists, die bekannt dafür sind, dass sie das Ideal erreicht haben.

Auf keinen Fall, wir sind nie dort! Wir versuchen es. Nehmen Sie unsere jüngste Aufführung von Bachs h-Moll-Messe in München. Das war das erste Konzert einer Tournee. Überhaupt nicht perfekt, aber auf einem guten Weg. Am Ende der Reise, in Paris am Karfreitag, war es nicht schlecht. Und dann haben wir eine CD gemacht.

Mit ihren Ensembles haben Sie im Jahr 2000 alle 200 Bach-Kantaten aufgeführt. Beschleicht einen das Gefühl, das könnte der Karrierehöhepunkt gewesen sein – und was kommt nun?

Es war unglaublich anstrengend damals, aber überhaupt nicht schwer, sich danach für Neues zu motivieren. Weil es so erfrischend war. Ein ganzes Jahr mit dem größten Komponisten von allen zu verbringen: Eine Epiphanie war das für uns, eine Erleuchtung.

Bei welchen Komponisten sagen Sie: Die sagen mir nichts, da finde ich keine Verbindung?

Mir geht es so bei Belcanto-Komponisten wie Donizetti und Bellini. Und was schwerwiegender ist: auch bei Wagner. Aber vielleicht gibt es die Chance, dass ich am Ende meines Lebens doch noch ein Werk von ihm dirigiere.

Das Gespräch führte Markus Thiel.

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