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Derzeitiger Stellvertreter Bachs auf Erden: Sir John Eliot Gardiner.

Konzertkritik

Gardiners Gastspiel: Die Außerirdischen

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München - John Eliot Gardiner, sein Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists gastieren mit weltmeisterlichen Bach-Deutungen in der Philharmonie 

Natürlich sind die Eck-Nummern von Bachs Magnificat zu schnell gespielt. Und tatsächlich gibt es Strauchelsekunden. Eine Winzigkeit nur, aber bei den weltbesten Ensembles für Alte Musik eben doch bezeichnend: Was andere als fernes Optimum nie erreichen, da fangen der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists erst an zu arbeiten.

Wieder, wie vor eineinhalb Jahren bei Bachs h-Moll-Messe, scheint es, als ob ein Ufo mit Außerirdischen in der Münchner Philharmonie gelandet ist. Sir John Eliot Gardiner, derzeit Herrscher im Barockimperium, setzt beim Magnificat auf eine extreme Kontrastdramaturgie: hier die überdrehten Tutti-Nummern, dort die weihnachtlichen Einlagesätze, die der Brite als kostbare, duftige Miniaturen begreift. Und dann gibt es noch die Arien, die (Ja, Bach hatte Humor) nicht nur Anbetung sind, sondern bis ins Frivole getrieben werden.

Dass die Es-Dur-Urfassung des Magnificat gespielt wird, die so höllisch schwer vor allem für die Trompeten ist, kümmert Gardiners Truppe kaum. Die Selbstverständlichkeit im Virtuosen, das nonchalante Spiel mit dem kaum Bewältigbaren, das ist es, was diese beiden Ensembles über alle anderen erhebt. Technisches Können ist freilich nie Selbstzweck, am eindrücklichsten in Bachs einleitender F-Dur-Messe. Die steht im Schwierigkeitsgrad auf einer Stufe mit der längeren h-Moll-Schwester, allein: Man spürt es bei Gardiner nicht. Das Stimmenastwerk von Kyrie und Gloria ist beides, rauschhafte Gottesverherrlichung und tiefenscharfe Analyse.

Nur wenige Momente bleiben für die Solisten, um aus dem Chor herauszutreten. Dass Gardiner auf klanglich sehr charakteristische bis eigenwillige Sänger setzt, also auf keine Barockstimmen von der Stange, ist weiteres Merkmal seiner Interpretationen. Nicht am Geglätteten, an der Politur ist ihm gelegen, das würde barocken Prinzipien schließlich auch in anderen Kunstrichtungen widersprechen. Und manchmal öffnen sich dabei auch Türen und man wird vom Unsagbaren aus anderen Dimensionen angeweht. Als etwa Sopranistin Angela Hicks und Flötistin Rachel Beckett die Einleitungsnummer zur Kantate „Süßer Trost, mein Jesus kömmt“ musizieren, sind alle Tempofragen vergessen. Da steht die Welt auf einmal still.

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