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„Bach war ein geläuterter Rowdy“, findet John Eliot Gardiner.

Star-Dirigent schreibt über Bach

Rebell zur Ehre Gottes

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Leipzig/ München - Als Barock-Dirigent ist Sir John Eliot Gardiner die Nummer eins, nun hat er ein großartiges Buch über Johann Sebastian Bach vorgelegt

Üppiges Doppelkinn, leicht gerötete Wangen, ein prüfender, etwas unwirscher Blick, der den Betrachter fixiert, und eine fleischige rechte Hand, die ein Notenblatt mit einem Kanon hält: Wie muss sich der Bub gefühlt haben, als er sich Tag für Tag im Elternhaus am Bildnis Johann Sebastian Bachs vorbeidrückte? „Jeden Abend versuchte ich auf dem Weg ins Bett, seinem furchteinflößenden Blick auszuweichen“, schreibt Sir John Eliot Gardiner. Seine Eltern bewahrten damals eines der beiden berühmten Gemälde von Elias Gottlob Haußmann auf. Der Besitz war ein Fingerzeig von wem auch immer: Nach dem Tod Nikolaus Harnoncourts ist Gardiner endgültig zur Nummer eins der Barock-Interpreten aufgerückt.

Dabei ist Dirigieren lediglich das Eine. Gardiner ist nicht nur Bio-Bauer im Südwesten Englands, sondern auch spitzfindiger Intellektueller, Archivgräber und Reflexionskünstler in Sachen Bach. Die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit dem Komponisten mündete in ein großartiges Buch. Vor drei Jahren kam es in Großbritannien heraus, nun liegt der dicke Band endlich auf Deutsch vor. Keine späte Traumabewältigung eines inzwischen 73-Jährigen ist das, auch keine klassische Biografie. Wer ist dieser Bach? Was war er für ein Mensch? Gardiner ist bei seinen Zentralfragen weniger an anbetender Denkmalpflege interessiert. Er zielt auf – gleichwohl respektvolle – Entzauberung.

Pointenreiche Analyse von Kantaten und Passionen

Also: Bach war ein Rebell, ein „geläuterter Rowdy“, ein unbequemer bis verletzender Kämpfer für seine Kunst. Nicht nur in Briefen an die Obrigkeit spiegelt sich das wider, auch in den Kantaten. Es ist amüsant zu lesen, wie Gardiners Analysen belegen, dass Bach immer wieder Subversives komponierte. Uns heute mag das entgehen, damals dürfte es in der Leipziger Thomaskirche manch hochgezogene Augenbraue der Honoratioren gegeben haben. Als zum Beispiel das Niveau der Thomaner auf Talfahrt ging, weil Kinder ohne Gesangsprüfung in die Schule aufgenommen wurden, ließ Bach am Sonntag eine Kantate mit einem hochkomplexen, grandiosen Eingangssatz erklingen – rein instrumental, ohne Chor.

Gardiner, dessen feiner Humor das Buch durchzieht und der sicher auch bei der Übersetzung mitredete, breitet so etwas genüsslich aus. „Bach. Musik für die Himmelsburg“ ist vor allem das Werk eines Ausführenden, der seine Erfahrungen in die Analyse einfließen lässt, etwas also, das Gardiner der Wissenschaft voraus hat. Gewiss ist vor allem das letzte Drittel des Bandes, wenn Biografisches übergeht in eine Besprechung vieler Kantaten, der beiden großen Passionen und der h-Moll-Messe, nichts für Anfänger. Und doch dürften auch diese gebannt sein von den fast romanhaften, pointenreichen, zuweilen blumigen, immer emphatischen Analysen. Die sind mehr wissende „Nacherzählung“ der Partitur denn dröge Harmonie- und Affektenlehre und stecken zum Nachhören an.

Der Komponist als Mann der Zeitenwende

Dabei wagt sich Gardiner auf vermintes Gelände. Kann man von den Werken auf Biografisches schließen? Hallt der Charakter des Meisters in den Stücken wider? Der Brite meint ja, führt dazu einige Stellen aus Bachs Œuvre an – und räumt zugleich ein, wie heikel all dies ist. Nicht minder spannend ist es, wie Gardiner den Komponisten als Mann der Zeitenwende porträtiert. Nach den Wirren und dem Massensterben des Dreißigjährigen Kriegs schrieb Bach für ein Publikum, das alles Irdische als aus den Fugen geraten erlebte und sich auch deshalb nach dem Jenseits sehnte. Zugleich dämmerte die Aufklärung herauf, die Religiosität infrage stellte und damit auch die wichtigste von Bachs Kunstquellen. „Soli Deo Gloria“, allein zur Ehre Gottes: Nicht nur er schrieb das unter seine Partituren.

Auch aus einem weiteren Grund lebte und wirkte Bach in einer Umbruchsituation, Gardiner dröselt das schlüssig auf. Es war die Zeit, als die Musik allmählich „den vorsprachlichen Bereich der Psyche“ erkundete. Als Klänge auf einmal mehr und manchmal anderes sagten, als der gesungene Text verhieß. Die Musik wurde zum Kommentator des Worts – ein (nicht ungefährlicher) Quantensprung auch für das geistliche Werk. Viel hat das mit der Entwicklung der Oper zu tun. Gardiner ist überzeugt: Mit seinen überlegenen Mitteln, die neue Stile mühelos integrierten, geht Bach weiter als seine damaligen Opernkollegen. Und war dabei ein genialer, jedoch immer volksnaher Missionar: „Bachs Ansatz ist kein moralisches Fitnessprogramm. Das Entscheidende ist vielmehr die Art und Weise, wie Bach uns vermittelt, was es seinem Verständnis nach bedeutet, ein Mensch zu sein – mit all unseren Ängsten und Schwächen.“

John Eliot Gardiner: „Bach. Musik für die Himmelsburg“. Aus dem Englischen von Richard Barth. Hanser Verlag, München, 734 Seiten; 34 Euro. Am 6. Dezember gastieren Gardiner, sein Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists im Gasteig mit einem Bachprogramm; Telefon 089/ 54 81 81 81.

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