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Im großartigen Bühnenbild von Olaf Altmann, das einem Mäusebau gleicht, beobachten die Zuschauer in den Kammerspielen Ibsens Figuren: John Gabriel Borkman (André Jung), Ella Rentheim (Wiebke Puls) und Gunhild Borkman (Cristin König, v.li.).

„John Gabriel Borkman“ an den Kammerspielen: Premierenkritik

München - Kennen Sie diesen Trick aus den Naturdokumentationen im Fernsehen? Um das Treiben im unterirdischen Höhlensystem eines, sagen wir, Mäusebaus mit der Kamera einfangen zu können, graben sich die Tierfilmer ins Erdreich und setzen eine Glasscheibe ein, hinter der sich dann wunderbar die Nager beobachten lassen, wie sie durch ihre Röhren kriechen.

Diese Idee hat Bühnenbildner Olaf Altmann für Henrik Ibsens „John Gabriel Borkman“ in die Münchner Kammerspiele übertragen. Er hat Regisseur Armin Petras unmittelbar hinter die Bühnenrampe im Schauspielhaus ein Gänge- und Höhlensystem gebaut. Es nimmt die gesamte Breite und Höhe der Bühne ein. So können die Zuschauer Ibsens Figuren wie in einem Dokumentarfilm beim Scheitern zuschauen. Gewiss, Altmann hat einen verdammt ungemütlichen und auch gefährlichen Raum für die sieben Schauspieler gebaut. Doch welche Wirkung, welche Symbolkraft entfaltete dieser bei der Premiere am Freitag!

Die Besetzung

Regie: Armin Petras.

Bühne: Olaf Altmann.

Kostüme: Katja Strohschneider.

Darsteller: André Jung (John Gabriel Borkman), Cristin König (Gunhild Borkman, seine Frau), Lasse Myhr (Erhart Borkman, ihr Sohn), Wiebke Puls (Ella Rentheim, Frau Borkmans Zwillingsschwester), Hildegard Schmahl (Fanny Wilton), Michael Tregor (Wilhelm Foldal, Hilfsschreiber), Hanna Plaß (Frieda Foldal, seine Tochter).

Hier leben die Borkmans eher neben- als miteinander. John Gabriel Borkman war einst ein mächtiger Napoleon der Finanzwelt. Bis er sein Geld und das seiner Kunden verzockt hatte. Seit der Entlassung aus dem Gefängnis vor acht Jahren vegetiert er im oberen Stock des Hauses, ohne Kontakt zu seiner Frau im Erdgeschoss. Bei Armin Petras, der eine eigene, modernisierte und sprachlich sehr zwingende Fassung von Ibsens Stück aus dem Jahr 1896 inszenierte, steht Borkmans Schreibtisch links oben unter der Bühnendecke in einem derart abschüssigen Gang, dass die Schauspieler sich anseilen müssen. Gewiss, es gibt auch eine Aufstiegsmöglichkeit, einen Gang der zwar ins Ungewisse, aber immerhin nach oben führt. Allein er bleibt Behauptung für Borkman. André Jung wird in der Rolle des ehemaligen Bankdirektors im Lauf der knapp drei Stunden nie einen Weg gehen, der ansteigt. Borkman fantasiert zwar von seinem Wiederaufstieg. Allein dieses großartige Bühnenbild macht klar, dass es für ihn nur weiter abwärts gehen kann.

Petras, der zuletzt an den Kammerspielen eine kluge Interpretation von Kleists „Hermannsschlacht“ auf die Bühne brachte, arbeitete in Ibsens Stück geschickt die tragischen und traurigen Momente ebenso heraus wie die komischen. Dabei ist er klug genug, die Vorlage nicht als direkten Kommentar zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise zu inszenieren.

Die Handlung

Ibsens Stück spielt an einem Winterabend: Der einstige Bankdirektor John Gabriel Borkman saß wegen Veruntreuung fünf Jahre im Gefängnis und hat weitere acht Jahre zurückgezogen auf seine zweite Chance gewartet. Da bekommt seine Frau Gunhild Besuch von ihrer Schwester Ella, einst Borkmans große Liebe, die gern ihren Neffen Erhart als Sterbebegleiter hätte. Doch auch die Eltern haben Pläne mit dem Burschen.

Vielmehr interessiert den Regisseur, was der Ruin mit den Menschen macht, wie sie mit ihrem Machtverlust umgegen. Petras zeigt, wie die alte Generation den Studenten Erhart zum Werkzeug ihrer Wünsche machen will: Seine Tante Ella wünscht ihn als Sterbebegleiter, seine Mutter Gunhild als Vollstrecker ihrer Rache am Gatten, und John Gabriel selbst will mit Hilfe seines Sohns den Sprung zurück an die Spitze der Finanzelite verwirklichen. Doch Erhart gelingt der Ausbruch: „Ich kann mein Leben nicht mit Euren Problemen versauen“, knallt er den Alten vor den Latz – und haut mit seinem „Glück“ Fanny Wilton, die seine Großmutter sein könnte, nach Italien ab. Zuvor zieht er sich noch ein Superman-Kostüm an. Wahre Heldentaten sind von diesem Typen allerdings nicht zu erwarten, den Lasse Myhr als sympathischen, aber harmlosen Schwätzer zeigt.

Alle Schauspieler bringen ihre Figuren bis an den Rand der Lächerlichkeit, gönnen ihnen aber auch berührende Momente. Michael Tregors Hilfsschreiber Foldal mag als Mann und Autor ein Loser sein. Herzzerreißend jedoch, wie glücklich dieser Typ ist, als er erfährt, dass seine Tochter sich Wilton und Erhart angeschlossen hat. Da interessiert es ihn nicht, dass er von deren Schlitten beinahe totgefahren wurde. Wiebke Puls und Cristin König als Zwillingsschwestern Ella und Gunhild necken sich und tratschen, um sich gleich darauf einen hässlichen Kampf um Erhart zu liefern. André Jung zeigt dessen Vater als gebrochenen Mann, dem es immer schwerer gelingt, sein Scheitern (vor sich selbst) zu erklären und (sich selbst) Mut zu machen. Jung führt uns Borkmans Niedergang bis zum bitteren Ende vor, bis er sich völlig gaga im Container über die Bühne fahren lässt. Großartig findet der Schauspieler jedoch auch immer wieder Momente, in denen wir Borkman glauben (wollen). Vielleicht lag er mit seinen wirtschaftlichen Prognosen doch nicht so falsch?

Zu Beginn dieses eindrucksvollen Abends hatte Hanna Plaß am Flügel eine eigenwillig-schöne Version des Klassikers „Wir müssen hier raus“ von Ton Steine Scherben gespielt. Petras hat seinen Figuren zumindest diesen Wunsch erfüllt: Nach der Pause verschwindet das klaustrophobe Gangsystem und gibt den Blick auf die Bühne frei. Auch diese Freiheit bleibt letztlich Behauptung. Am Ende singt Plaß: „Zauberland ist abgebrannt“.

Michael Schleicher

Nächste Vorstellungen am 23. und 29. Februar;

Telefon 089/ 233 966 00.

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