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E-Musik als Massenphänomen: Über 20 000 Fans lockte „Oper für alle“ im vergangenen Jahr auf den Münchner Max-Joseph-Platz

Freiluft-Spektakel auf dem Max-Joseph-Platz: Jonas für alle

München - Spitzenkunst gratis, und dies auf einem der schönsten Plätze Münchens - das bietet „Oper für alle". Erstmals ist heuer unsere Zeitung Medienpartner. Am Samstag spielt das Bayerische Staatsorchester vor dem Nationaltheater, tags zuvor wird Beethovens „Fidelio" nach draußen übertragen. Im Mittelpunkt: Star-Tenor Jonas Kaufmann.

Langsam aber sicher könnte man diese Festspiel-Aktion guten Gewissens in „Jonas für alle“ umbenennen. Wenn die Staatsoper nämlich an diesem Freitag „Fidelio“ auf die Großleinwand überträgt, ist es bereits das dritte Mal in Folge, dass Münchens Tenor-Liebling die Besetzungsliste anführt. Dass die ursprünglich für Placido Domingo ins Leben gerufene Aktion jedes Jahr Tausende anlockt, ist für Jonas Kaufmann der schlagkräftige Beweis, dass die sogenannte E-Musik doch massentauglicher ist, als es uns Schwarzseher und Kulturpessimisten glauben machen wollen.

„Letztes Jahr konnten wir sogar dem Fußball Paroli bieten“, sagt Kaufmann. „2500 Leute waren beim Public Viewing im Olympiapark, bei uns waren es angeblich mehr als 20 000. Das macht einen schon stolz.“ Zusätzlichen Druck durch die auf ihn gerichteten Kameras verspürt er nicht. Als „alter“ Perfektionist strebt der 42-Jährige bei jeder Vorstellung nach 100 Prozent. „Für mich macht es letztlich keinen Unterschied. Vor allem, weil ich gar nicht weiß, ob gerade ich in einer Großaufnahme zu sehen bin. Man spielt einfach seine Rolle und empfindet das, was man immer empfindet. Und mit etwas Glück singt man dazu hoffentlich so gut, wie man sonst immer singt. Dann funktioniert das schon.“

Jonas Kaufmann steht im Mittelpunkt von Beethovens „Fidelio“.

Eine Vorstellung wie jede andere ist „Oper für alle“ aber doch nicht. Selbst wenn die Sänger drinnen auf der Bühne kaum etwas von den Massen vor der Tür mitbekommen. „Wenn man sich danach draußen seinen Applaus abholt, ist das schon ein unglaubliches Gefühl“, sagt Kaufmann. „Im vergangenen Jahr war es besonders rührend, weil es genau an meinem Geburtstag war und mir Karita Mattila mit dem Publikum ein Ständchen gesungen hat. Das sind Momente, die man im Leben nicht vergisst.“

Ebenso wenig vergessen dürfte Kaufmann auch seinen umjubelten Siegmund an der New Yorker Met, den die bayerischen Fans dank der Wunder der modernen Technik zumindest live im Kino miterleben konnten. Ob er damit auch in München auf die Bühne gehen wird, steht momentan noch in den Sternen. „Ich bin insofern konservativ, dass ich solche Grenzpartien vorläufig immer nur einmal in den Kalender aufnehme. Erst danach wird entschieden, ob und wann ich das wieder mache. Es kann sein, dass ich süchtig danach werde. Was gerade bei Wagner leicht passiert. Es kann aber auch sein, dass ich froh bin, noch etwas Zeit verstreichen zu lassen.“ Nicht zuletzt, weil es neben den großen Wagner-Kalibern, für die man ihn immer wieder anfragt, noch zahlreiche andere Dinge gibt, die ihn reizen.

Weil der Name Kaufmann immer für ein volles Haus garantiert, legen ihm die Intendanten kaum noch Steine in den Weg. Jonas Kaufmann nennt das Phase drei: „Erst klopft man überall an und fragt, ob einen die Theater wollen. Dann kommt der Schritt, wo die Häuser auf einen zukommen und man sich die Rosinen rauspickt. Richtig Spaß macht es aber in Phase drei - wenn man selber vorschlägt.“ Kaufmann kennt allerdings Kollegen, die das überhaupt nicht so sehen. Frei nach dem Motto: Ich habe Arbeit, was soll ich mich da noch als Dramaturg betätigen? „Aber gerade die aktive Karriere-Gestaltung finde ich sehr wichtig. Dass man selber überlegt, was stimmlich interessant wäre und meiner Entwicklung guttut.“

Eine dieser Herzensangelegenheiten ist Umberto Giordanos „Andrea Chenier“, den er sich für München gut vorstellen könnte. „Das ist so ein Stück, bei dem es mir vollkommen unbegreiflich ist, dass das nicht im Spielplan ist. Aber da arbeite ich schon fleißig dran.“ Neben solchen Verismo-Raritäten fällt im Gespräch aber immer wieder auch der Name Giuseppe Verdi. Mit festem Blick auf den Otello, der am Horizont wartet. „Das ist eben auch so eine Traumrolle von mir. Aber eine, die noch Zeit hat.“

Zuvor sind bei Jonas Kaufmann erst einmal die anderen großen Verdis wie „Maskenball“ oder „Troubadour“ anvisiert. Was über kurz oder lang wohl den Abschied von Mozart bedeutet: „Viele liebgewordene Dinge müssen zwangsläufig immer mehr hintenanstehen. Die Passionen zum Beispiel. Der ganze Bach, den ich früher gesungen haben. Da würde ich mich sehr freuen, wenn sich mal wieder ein Dirigent erbarmen würde.“

Tobias Hell

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