Hasstirade gegen Bayreuther Festspiele

Jonathan Meese in München: Wutausbruch und Hitlergruß

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München - Der geschasste „Parsifal“-Regisseur Jonathan Meese brüllte und wütete beim Münchner Literaturfest gegen die Bayreuther Festspiele. Manches von dem, was er schrie, kann man gar nicht wiederholen.

Schwarz, drohend und bis zum Anschlag geladen: Gleich einer Gewitterwolke kam Jonathan Meese übers Münchner Literaturfest. Zwar hatte sich der Künstler bereits nach seinem Rauswurf als Bayreuther „Parsifal“-Regisseur seinen Ärger von der Seele geredet (wir berichteten). Richtig entladen haben sich Frust, Enttäuschung und Zorn jedoch erst am Freitagabend in der Kesselhalle. Eine brachiale Wutrede peitschte der 44-Jährige da von der Bühne, laut, hektisch, provokant, kreativ, klug, wüst und abgedreht. Das (vorwiegend junge) Publikum in der sehr gut gefüllten Halle: belustigt, begeistert, genervt. Manche lachten, manche klatschten, manche brüllten „Aufhören!“ und gingen vorzeitig oder unterhielten sich einfach miteinander, während Meese vor und auf der Bühne den „Erzparsifal“ gab.

Dabei hatte der Abend recht simpel begonnen: Schriftsteller Clemens Meyer, der heuer das „forum:autoren“ beim Literaturfest kuratierte, hatte Meese, der zu „Eye of the Tiger“, dem Titellied von „Rocky III“, in die Halle marschierte, eigentlich nur gefragt, wie es ihm gehe.

Jonathan Meese bei seinem Auftritt in der Kesselhalle.

Es folgte der erste, etwas mehr als 45 Minuten lange Ausbruch des Künstlers. Einige seiner Vorwürfe an die Bayreuther Festspiele: Auf dem Grünen Hügel sei die „Radikalität“ eines Künstlers wie Richard Wagner nicht mehr erwünscht – „die wollen Wagner weichkochen“. Er selbst lehne dagegen „jede Verwässerung Richard Wagners kategorisch ab“. Deshalb habe er gehen müssen – sein Rausschmiss sei Folge einer Intrige von Staatskanzlei und Wagner-Verbänden. Letztere sind dem Geschassten besonderes Hassobjekt: „Die Typen in den Wagner-Verbänden lieben Wagner gar nicht. Die lieben ihren Status.“ Mehrfach trifft Meeses Zorn zudem Festspielleiterin Katharina Wagner: Die Urenkelin Richard Wagners wolle dessen Opern „durchoperettisieren und zu Musicals machen“, außerdem sei sie auf dem Hügel „immer an der Leine ihres Finanzchefs“. Unter den Festspielleiterinnen Cosima und Winifred Wagner wäre Katharina „hochkant“ aus dem Festspielhaus geflogen. Meese selbst kündigte an, zum „totalsten Albtraum von Katharina Wagner“ zu werden: „Sie hat sich den falschen Feind ausgesucht.“ Er sei nicht weg vom Hügel, so der Künstler: „Ich muss den ,Parsifal‘ nun in der Realität ausführen.“

Während seiner Tiraden war Meese die ganze Zeit in Bewegung, tigerte vor der Bühne auf und ab, nach einer dreiviertel Stunde wurde ihm eine Dose „Red Bull“ gereicht. Erstes Durchschnaufen, erste Pause. Clemens Meyer nutzte sie, um den Wütenden in ein Gespräch zu verwickeln. Es glückte nur bedingt.

Also weiter im Hass: Die Begründung der Festspielleitung, sein Konzept sei zu teuer, hält Meese für vorgeschoben: „Die haben mir fingierte Zahlen untergejubelt. Wenn ich gesagt hätte, die Sänger sollen nackt auftreten oder in ihren eigenen Klamotten, dann hätten die auch gesagt: ,Das ist zu teuer.‘“ Einzig die Techniker und den Chor der Bayreuther Festspiele trifft Meeses Zorn an diesem Abend nicht: Die hätten ihm signalisiert, dass sie sich auf ihn freuen – „die waren vollkommen in Ordnung“.

Manches, was Meese bei seinem Auftritt fluchte, brüllte, auskotzte, ist hier nicht druckbar. Ab und an zeigte er den Hitlergruß, der ihm schon ein paar Mal Ärger mit der Justiz eingebracht hatte – vergisst gegen Ende der Veranstaltung jedoch nicht, sich beim Publikum für die Teilnahme an dieser „Kunstperformance“ zu bedanken.

Einer der für Bayreuth und Katharina Wagner wohl schmerzhaftesten Sätze, den Meese an diesem Abend sagte, kam indes (fast) ohne Flüche und Kraftausdrücke aus: Uwe Eric Laufenberg, der nun an seiner Stelle 2016 den „Parsifal“ auf dem Grünen Hügel inszenieren wird, sei „eine Kameradenschweinesau“ und nur geholt worden, damit im Vergleich Katharina Wagners eigene Regiearbeiten nicht gar so schlecht wirken würden.

Michael Schleicher

Rubriklistenbild: © Michael Schleicher

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