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Sprach zwei Monologe: Johannes Heesters brachte Poesie in die provinzielle Aufführung.

Heesters rettet Hochhuths plumpe „Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“

Berlin - „Und was ist mit mir?" So fragte vor einem halben Jahr bei einem Konzert im voigtländischen Bad Elster Johannes Heesters seinen jungen Pianisten Florian Fries. Der nämlich hatte ihm erzählt, dass er an einem Musical für Rolf Hochhuth arbeite.

„Eine kleine Vorbeigehrolle nur“, die habe sich daraufhin der unerschrockene Greis erbeten. Und sein Wunsch war Autor und Produzent Hochhuth Befehl. Der baute ihn mit ein in sein zum Musical erweitertes Stück „Inselkomödie oder Lysistrate und die Nato“(1974), das jetzt im Berliner Theater am Schiffbauerdamm Premiere hatte.

Was, mit einhundertsechseinhalb Jahren nimmersatt und nimmermüde nochmal eine Uraufführung spielen? Das mochte man im Vorfeld belächeln, es hochmütig abtun als eine in die Kategorie „Menschen, Tiere, Sensationen“ fallende zynische Zurschaustellung extremen Alters. Doch nach der Premiere muss gesagt werden: Besseres als Johannes Heesters konnte Rolf Hochhuth nicht passieren. Denn dieser Abend wäre nur plump, platt und provinziell, wenn hier nicht mit Heesters ein Moment von Großstadttheater, ein Anflug von Welt aufschimmern würden.

Er singt keinen einzigen Ton. Es sind zwei Monologe, die der hochbetagte Bonvivant zu absolvieren hat - im schwarzen Samtkostüm vor weißblauem Wolkenhimmel auf einem Thron sitzend. Den Prolog des Stücks hat Hochhuth ihm eigens geschrieben - sperrige Reime zum Thema Homer und die Frauen. Pseudopoesie, die dennoch staunen lässt. Nämlich darüber, wie der große Alte, der ewige Danilo, dessen zerfurchte Hände ganz ruhig auf den Armlehnen liegen und ihm durch das feine Gitter des Gazevorhangs etwas Echsenhaftes und auch Triumphales verleihen, - wie also dieser Operettengott aus dem vorigen Jahrhundert Hochhuths spröden, frei gesprochenen Versen Anmut gibt. Der zweite Monolog dann nach der Pause. Wieder thront Heesters auf dem reich verzierten Sessel. Jetzt erzählt er „seine“ Geschichte - vom Krieg, den es schon gab, als er noch ein kleiner Junge war, denn, so sagt er, „das alles veraltet nicht“. „Traurige Zeiten“ - Verse, die er seit seiner Kindheit kennt - und also rezitiert er sie in seiner Muttersprache, auf Holländisch. Und es ist, als würde einen Augenblick lang die Zeit den Atem anhalten. Das hat Poesie und immer auch noch gestalterischen Witz.

Ein Bühnentiger, ganz bei sich, dessen unglaubliche Souveränität alles überstrahlt. An der Rückenlehne des Throns hängt nachlässig eine Krone. Die gebührt nur einem, dem alten Heesters. Und man hätte sie ihm zum jubelnden Schlussbeifall ruhig aufsetzen dürfen. Aber vermutlich waren ihm die Küsse, die ihm jene Darstellerinnen auf die Wangen drückten, die ihn auf die Bühne führten, wesentlich wichtiger.

Alles andere, womit Rolf Hochhuth im Theater am Schiffbauerdamm, seinem eigenen, dem Berliner Ensemble dauervermieteten Haus, das Publikum sommerlich zu beglücken gedenkt, ist künstlerisch nicht besonderer Rede wert. Die antike Story des alten Aristophanes von Lysistrata und den Frauen Griechenlands, die in den Liebesstreik treten, um den Frieden zu erzwingen, hat Hochhuth in die 70er-Jahre verlegt, als die Amerikaner Kreta zum Nato-Stützpunkt ausbauen wollten. Mit der nun von Florian Fries flott hinzukomponierten Schlagermusik wird das Stück in der Regie von Heiko Stang auch nicht mehr, als es ist: eine billige und teils ordinäre Politklamotte. Die musicalgeschulten Darsteller, unter ihnen TV-Soap-Leuchte Caroline Beil in der Titelrolle und „Lindenstraßen“-Wirt Kostas Papanastasiou als Sirtaki tanzender Lysistrata-Papa, geben, wie man so schön sagt, ihr Bestes.

Von Sabine Dultz

Weitere Vorstellungen:

5., 6., 7., 8. August. Karten: 0170-733 46 29.

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