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Jorge Semprún (87), Zeitzeuge der Verbrechen des Faschismus und Kommunismu

Jorge Semprún starb in Paris: Schreiben oder der Tod

Paris - Wer ist Federico Sanchez? Wer ist Agustin Larrea, wer Rafael Artigas oder Carlos Bustamonte - wer vor allem aber ist Jorge Semprún? Die Geheimpolizei des spanischen Caudillo Franco hat sich zwischen 1953 und 1963 immer wieder mit diesem Identitätsproblem herumgeschlagen.

Federico Sanchez - das zumindest wusste man: Das war der im Untergrund operierende Grand Chef. Und das war eben Jorge Semprún, ehemaliger Buchenwald-Häftling und jetzt in Franco-Spanien Mitglied im Politbüro der verbotenen Kommunistischen Partei. Als er gegen die Praktiken seiner Partei zu revoltieren begann, ließ man ihn fallen, enthüllte seine wahre Identität und zwang ihn zur Flucht ins französische Exil.

Aus dem Untergrundkämpfer wurde ein Schriftsteller, ein Romancier und Essayist, hochangesehen als Zeuge eines mörderischen Jahrhunderts. Vor 16 Jahren wurde er mit dem „Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“ geehrt. Als Sohn eines Ministers und Botschafters der von den Faschisten besiegten Zweiten Republik wuchs Semprún (Jahrgang 1923) zweisprachig auf. Seine Familie floh während des Bürgerkriegs nach Frankreich. In Paris besuchte er das Gymnasium und studierte an der Sorbonne. Und hier als Philosophiestudent las er Karl Marx im Original und trat der spanischen Exil-KP bei. Wichtiger aber: Nach der Kapitulation Frankreichs schloss er sich der Résistance an und wurde 1943 - da ist er gerade mal zwanzig - nach Buchenwald verschleppt. Damals nannte er sich Georges Sorel. Doch die Erfahrung von Haft und Folter, von den Jahren in Buchenwald, verarbeitete er erst in den 60er-Jahren. Zunächst in dem autobiografischen Roman „Die große Reise“ und später in „Was für ein schöner Sonntag“.

„L´écriture ou la mort“ - das Schreiben oder der Tod - lautete die entscheidende Frage, der sich Semprún nach der Rückkehr aus dem KZ und nach dem Ausschluss aus der KP gegenübersah. Er entschied sich für die Literatur und blieb bei ihr - mit kurzer Unterbrechung als Kulturminister im Kabinett von Félipe Gonzales. Nach Buchenwald rechnete Semprún in seiner „Autobiografie von Federico Sanchez“ mit den Kommunisten ab. Die Verbrechen der Stalinisten - das war seine zweite historische Erfahrung: „Für mich gibt es kein unschuldiges Gedächtnis mehr…“ Sein zentrales Thema: die blinde Gutgläubigkeit des Idealisten, der zum Mitschuldigen an den Verbrechen der Epoche wird. Semprún, der Konvertit, aber auch der Moralist, der den Ideologien abschwor und für die Demokratie plädierte, ein „Exorzismus der Erinnerung“. Der Dichter starb am Dienstag im Alter von 87 Jahren in Paris.

Wolf Scheller

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