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Führen die Seewirtschaft durch die Zeitläufte: Pankraz (Josef Bierbichler) und seine Theres (Martina Gedeck).

Zum Kinostart von „Zwei Herren im Anzug“

Josef Bierbichler erzählt von Schuld und Sühne

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Der Schauspieler und Schriftsteller Josef Bierbichler hat den Kinofilm „Zwei Herren im Anzug“ nach Motiven seines Romans „Mittelreich“ inszeniert. Herausgekommen ist ein wuchtiges, sehenswertes Heimat-Epos. Lesen Sie hier unsere Kritik:

Sätze können Monster sein. Einer wie Josef Bierbichler weiß das natürlich. Zeitlebens arbeitet er mit Sätzen, als Schauspieler, als Schriftsteller und nun auch als Regisseur. Er dreht und wendet sie, schiebt sie hier- und dorthin, bis ein jeder Satz an der richtigen Stelle steht – und seine Wahrhaftigkeit, die ganze Brutalität wie aus dem Nichts entfalten kann. Dieser hier etwa: „Wenn du etwas angefasst hast, wasch’ dir die Hände.“ Ein Satz, den die Mutter zum Buben beim Abschied sagt. Ein Satz, wie viele Kinder ihn zu hören bekommen, weil Kinder eben gerne nach dem Spielen gleich zum Essen greifen.

Rechnet mit den Eltern ab: Semi, gespielt von Josef Bierbichlers Sohn Simon Donatz.

Eine Allerweltsaufforderung also. Im Film „Zwei Herren im Anzug“ richtet sie Theres an Semi, als ihr Sohn zurück ins Internat gebracht wird. Einige Einstellungen später – und das zeigt Bierbichlers große Könnerschaft im Umgang mit Worten, Sätzen und ihrer Platzierung – wird diese scheinbar liebevoll-besorgte mütterliche Ermahnung eine Wucht offenbaren, die den Zuschauer schlucken lässt. Denn der Bub wird von einem Lehrer im Internat sexuell missbraucht; in den Ferien hat er sich wohl der Mutter anvertraut. Die kann oder will ihm nicht glauben – und schickt ihn zurück.

Das Gespräch zwischen Mama und Kind muss Bierbichler gar nicht vorführen: All das wird jedem klar, der den Satz vom Händewaschen mit dem danach Gezeigten in Beziehung setzt. Natürlich ahnt Theres, dass ihr Sohn Recht hat, deshalb soll er sich hinterher zumindest die Hände waschen. Zugleich spielt diese Szene virtuos mit dem Grundmotiv von „Zwei Herren im Anzug“: Bierbichler hat einen kraftvollen Film über das Schweigen innerhalb einer Familie gedreht. Ein Schweigen, das Schmerzgrenzen ignoriert.

Bierbichlers Roman „Mittelreich“ erschien 2011

Es ist ein beeindruckendes Regiedebüt: ein Film wie das Leben – überbordend, maßlos, mal unerträglich, mal komisch, immer jedoch mit großer Intensität inszeniert. Bierbichler hat dafür auf Motive seines unbedingt lesenswerten Romans „Mittelreich“ (2011) zurückgegriffen, in dem die Geschichte einer Seewirts-Familie in Bayern über drei Generationen berichtet und en passant das Panorama deutscher Geschichte entfaltet wird. Dagegen sind in der Leinwandadaption der Seewirt Pankraz (Bierbichler) und dessen Filius Semi (Bierbichlers Sohn Simon Donatz) die Erzähler: Die beiden hocken 1984 im Wirtshaus der Familie zusammen, wo gerade der Leichenschmaus zu Ehren der verstorbenen Frau und Mutter zu Ende gegangen ist. Viel hätten die beiden sich zu sagen – doch langsam nur tasten sie sich an Worte, Sätze, Fragen und Vorwürfe heran. Die Trauer und der Alkohol (vielleicht auch in umgekehrter Reihung) lassen sie die erzwungene Gemeinschaft aushalten. In ihrer Unterhaltung, die ein Streit ist, geht’s um Erinnerungen, um die Familie und die Zeitläufte vom Ersten Weltkrieg bis zu Theres’ Tod.

Starke Ensembleleistung

Bierbichler hat für seine Roman-Adaption nicht nur eine stimmige und spannende Dramaturgie gefunden, die auch Fantasie und Volksglaube elegant spielerisch integriert. Zusammen mit seinem umsichtigen Kameramann Tom Fährmann hat der Regisseur eine kluge Bildgestaltung für die Geschichte entwickelt: Immer wieder werden die Räume eng und klein gemacht, werden Türen geschlossen, um Figuren draußen zu halten. So vermittelt sich über die Inszenierung die Sprachlosigkeit und Geheimniskrämerei, die in der Familie des Seewirts herrschen. Die Rahmenhandlung, die Aussprache von Vater und Sohn, findet dagegen im einstigen Tanzsaal des Gasthofs statt – einem weiten Raum mit offenen Zugängen.

Gastauftritt des ehemaligen Kammerspiele-Intendanten

„Zwei Herren im Anzug“ ist detailbewusst ausgestattet und sehr gut besetzt – auch deshalb entwickelt dieser Film trotz einer Laufzeit von mehr als zwei Stunden eine derartige Sogwirkung. Bierbichler konnte selbst für kleinste Rollen auf tolle Schauspieler zurückgreifen. Mithilfe des pointierten Skripts gelingt es denen, selbst in den wenigen Minuten ihres Auftritts Menschen zu formen, die glaubwürdig erscheinen und eine Lebensgeschichte haben. Andreas Giebel etwa als Storch, einem Schlachter mit großem Herzen im Dauersuff; oder Michael Tregor, der bei der wilden Faschingssause ein so hinreißendes wie tragisches Porträt des Leo Probst zeichnet. Bei dieser Wahnsinnsfeier in der Seewirtschaft hat auch die wunderbare Catrin Striebeck einen bitter-schrägen Auftritt als Frau Meinrad, die sich als Hitler verkleidet; Irm Hermann als biestige Seewirts-Schwester nicht zu vergessen, ein Weib, das einem Angst machen kann.

Getragen wird der Film freilich von Bierbichler und seinem Sohn Simon, die sich auch mit wenigen Worten ein heftiges Duell liefern. Was es mit den zwei Herren im Anzug auf sich hat, die dem Drama seinen Titel geben, die Heiner Müller zitieren und dem alten Pankraz Seelenpein bereiten, sei nicht verraten. Peter Brombacher und Johan Simons, der ehemalige Intendant der Münchner Kammerspiele, geben sie mit distinguierter Freundlichkeit, die jedoch so abgründig ist wie der See, aus dem sie kommen – und in den sie wieder verschwinden.

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