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Wir haben die Dreharbeiten von „Mittelreich“ besucht - im Bild Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Josef Bierbichler (vorne).

Zu Besuch bei den Dreharbeiten am Chiemsee

Josef Bierbichler ist der Herrscher von „Mittelreich“

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Am Chiemsee verfilmt Josef Bierbichler seinen Roman „Mittelreich“. Es ist sein Debüt als Kino-Regisseur. Wir haben den Schauspieler bei den Dreharbeiten besucht. 

Prien – „Mittelreich“, sein erster Roman, war ein Volltreffer. Kritiker feierten Josef Bierbichlers bayerische Familien-Nachkriegs-Wirtschaftswunder-Saga 2011 als ganz großen Wurf, lobten die saftig-deftige Sprache des Schauspielers und die Hingabe, mit der er erzählte, wie aus (s)einer alteingesessenen Wirtsfamilie am Starnberger See samt Landwirtschaft und Fremdenzimmern „mittelreiche“ Bürger wurden. Bierbichler, latent grantig und von zu viel Anerkennung schnell genervt, reagierte gereizt: Er habe beim Schreiben nicht gewusst, wo es hingeht und wo es endet, so der 69-jährige Bühnenstar lapidar. Sechs Jahre später ist „Mittelreich“ auf dem besten Weg, ein Kinofilm zu werden. Das Drehbuch hat Bierbichler sicherheitshalber selbst geschrieben. Regie führt, zum ersten Mal in seinem Leben, ebenfalls Bierbichler, und die Rolle des alten Seewirts spielt, richtig, Bierbichler. Kurz: Er ist der König in „Mittelreich“, das am Chiemsee in Schafwaschen bei Prien liegt.

Aus dem „Seehof“ wurde ein wunderschönes Wirtshaus

Kein einfacher Herrscher, aber einer mit einem idyllischen Anwesen. Die Lage der historischen Kulisse ist atemberaubend. Aus dem etwas angeranzten Ausflugslokal „Seehof“ hat das Filmteam mit altem Holz und viel Liebe ein wunderschönes Wirtshaus gezimmert. Von der Terrasse öffnet sich der unverbaute Blick auf den See und ein beeindruckendes Bergpanorama. Ein Stall wurde eigens angebaut, frei laufende Hühner dressiert. „Eineinhalb Jahre haben wir nach diesem Ort gesucht“, sagt Produzent Stefan Arndt, der mit seiner Berliner Firma „X Filme“ Bierbichlers Jahrhundertroman Leben einhaucht. Am Starnberger See, wo die Geschichte im Buch eigentlich spielt, gebe es so ein unbebautes Fleckchen gar nicht mehr. „Wir reisen in unserer Erzählung von 1914 bis 1984 – da wird es für die Ausstatter schwierig, wenn links und rechts Häuser stehen“, erklärt Arndt.

Die Winterszenen entstanden in Thüringen

Es sind die letzten Drehtage für „Mittelreich“. Die Winterszenen, die wegen der Filmförderung in Thüringen gedreht wurden, sind längst im Kasten. Beim Sommerdreh belohnt der Chiemgau das Filmteam mit blauem Himmel und Sonnenschein. Optisch ein Traum, körperlich kräftezehrend. Bierbichler schwitzt bei 31 Grad in Leinenhemd und Wollhosen, pendelt mit unbewegter Miene zwischen der Terrassen-Szene mit seiner Ehefrau Theres (gespielt von Martina Gedeck) und dem Regiestuhl im Gasthaus. Er wirkt hochkonzentriert und irgendwie aus der Zeit gefallen – was nicht nur am historischen Kostüm liegt. In der Umbaupause, in der kurzbehoste Kollegen Witze reißen, tritt Bierbichler den Rückzug an. Gedankenverloren dreht er sich abseits eine Zigarette. Zeit für ein kurzes Interview? Eine Frage, die seine persönliche Assistentin mit einem Blick quittiert, als hätte man um eine Einladung zu Bierbichlers 70. Geburtstag im nächsten Jahr gebeten. „Gerade ist es schlecht“, sagt sie leicht gequält. Und später, morgen, zum Kinostart im kommenden Frühjahr? „Mal sehen. Der Sepp spricht nicht gern über seine Projekte.“

Bilder: Ein Set-Besuch bei „Mittelreich“

„Chill mal dein Gesicht“

Der Sepp, wie der Landwirtssohn aus Ambach genannt wird, scheint generell kein Freund vieler Worte zu sein. Regieassistent Jan Bernotat und Kameramann Tom Fährmann versorgt er an diesem heißen Tag mit knappen Anweisungen, auf freundliches Geplänkel zwecks Verbesserung des Arbeitsklimas verzichtet der Schauspieler ganz. „Chill mal dein Gesicht“ steht auf dem T-Shirt des Tontechnikers, der zu Bierbichlers Rechten sitzt. Ein Spruch, der allen ein Lächeln abringt – außer dem, der es am nötigsten hätte. Stattdessen rumpelt der Herrscher von „Mittelreich“ zwischen Scheinwerfern, Kameraschienen und Monitoren umher, quittiert den Pressebesuch mit einem festen Händedruck und einem knappen „Passt scho“.

Simon Donatz, Bierbichlers Sohn, spielt den jungen Seewirt

„Geht’s raus, und setzt den Ferdl in den Schatten. Des is a oider Mo“, fordert Bierbichler barsch. Der Schuster Ferdl, Haidhauser Kneipier („Nomiya“) und Münchner Original, schmort in der Terrassenszene unter einer Wolldecke im Rollstuhl. Er ist einer von vielen Laiendarstellern, die für den Film engagiert wurden. Ebenso wie Simon Donatz, Bierbichlers Sohn, der wegen der großen Ähnlichkeit zum Vater den jungen Seewirt spielt. Die Erwartungshaltung an dieses außergewöhnliche Filmprojekt, das vom Bayerischen Rundfunk koproduziert wird, ist groß. Josef Bierbichlers wuchtige Familienchronik wirft mächtige Schatten und die Frage auf, ob es gelungen ist, das 400 Seiten starke Werk in eine filmgerechte Form zu gießen. Produzent Stefan Arndt ist davon fest überzeugt. „Ich habe erste Szenen gesehen, da hatte ich Tränen in den Augen“, sagt er. Und was sagt Bierbichler? Nix.

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