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Höhepunkt auch dieser Produktion ist das Ascot-Bild - in dem Eliza die feine Gesellschaft sprengt.

PREMIERENKRITIK

„My Fair Lady“ am Gärtnerplatz: Nachts im Museum

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„My Fair Lady“ ist zurück am Gärtnerplatz und könnte dort zum Dauerbrenner werden. Eine hochprofessionell getimte Aufführung - und ein liebevoll gemeinter Blick ins Musical-Museum.

München - Den Pfeffer im Pferdearsch gibt es noch immer. Nur soll der jetzt nicht dorthin gestreut, sondern geblasen werden. Die Wirkung von Elizas wilder Forderung bleibt freilich dieselbe, weniger auf den Tierhintern, sondern auf die blasierte Ascot-Renngesellschaft: Sie wird gesprengt. Auch sonst muss man ein bisserl umhören. Aus „Wart’s nur ab, Henry Higgins“ wird „Pass nur auf“. Und aus „Mit nem kleen Stückchen Glück“ nun „Mit am Fingahuad voll Glück“. Was eben so passiert, wenn beim Musical aller Musicals eine eingebaierte Neufassung gespielt wird – die sich hier freilich anhört wie ein Dialekt-Obazda aus Giesing und Josefstadt.

„My Fair Lady“, vor drei Dekaden als legendärer Longseller an Münchens Volksoper gespielt, ist also zurück am Gärtnerplatz. Auch dies wird nach der Premiere ungewöhnlich heftig gefeiert mit Standing Ovations und rhythmischem Klatschen eines Publikums, das selig summend in die Faschingsdienstagskälte strebt. Furchtbar viel neu erfinden lässt sich in diesem Fall ja nicht. Der Dauerbrenner von Frederick Loewe (Musik) und Alan Jay Lerner (Text) nach Bernard Shaws „Pygmalion“ funktioniert ähnlich wie „Tosca“ und „Rosenkavalier“ aus eigener Kraft und nur, wenn man ihn wirklich historisierend spielt. Was bedeutet: Rollenbilder zu hinterfragen lohnt sich nicht.

Die Aufführung flutscht bis zur Schwindelerregung

„My Fair Lady“, gefühlte Äonen vor „Emma“ und „#MeToo“ entstanden, ist eine Feier des Machismo. Ein Dünkelstück, das – durchaus ironisch – die Selbstverleugnung feiert und den gottväterlichen Mann, der die Frau zu seinem Plaisier aus der Gosse erhebt. Josef E. Köpplinger, der regieführende Intendant, weiß das natürlich. Statt Widerhaken gibt’s nur ein offenes Ende. Ob Eliza wirklich zu ihrem vermeintlichen Schöpfer Higgins zurückkehrt oder doch den feschen Freddy nimmt – man weiß es nicht.

Dafür wirft Köpplinger im Verein mit Choreograf Karl Alfred Schreiner sein bestechendes Können als Ensemblebeschäftiger in die Waagschale. Die Aufführung flutscht bis zur Schwindelerregung, alles greift fugenlos ineinander von der intimen Zweierszene über die Mitklatschnummer zum funkenstiebenden Ballett, als laufe die Produktion schon seit zwei Monaten. Was nicht verwundert: Köpplinger hat das Stück im kleinen Finger nach Inszenierungen in Baden bei Wien und an seiner letzten Chefposition in Klagenfurt, wo ebenfalls schon Schreiner, Rainer Sinell mit seiner schnell wandelbaren Bühne, Marie-Luise Walek mit ihren Genre-genauen Kostümen und sogar Nadine Zeintl als Eliza dabei waren. Egal, auch aufg’wärmte Theaterräusche können selig machen.

Ein Alfred Doolittle aus dem Musicalmusterbuch

Anfangs ist das Premierentempo so hoch, dass nicht alle neuen Textdetails zu verstehen sind. Man hält sich daher gern an Friedrich von Thun, dessen Oberst Pickering jovialer Ruhepol im Dauer-Tornado ist. Das Stück braucht Typen wie Thun, auch das weiß Köpplinger. Und manche wie Robert Meyer sind so stark, dass der Abend fast in Schieflage gerät. Der singspielende Wiener Volksopernchef gibt einen Doolittle aus dem Musicalmusterbuch: eine grundsympathische Rampensau, aufgedreht und übervoll mit Energie wie ein Ballon an der Platzgrenze. Cornelia Froboess, am Gärtnerplatz einst gefeierte Eliza, braucht als Mrs. Higgins nur eine Augenbraue zu heben oder einer Textsilbe nachzuschmecken, schon ist die Bühne gefüllt.

Fürs Jugendfrische (und den makellosen Gesang) ist Maximilian Mayer als Freddy zuständig. Michael Dangl ist als Higgins ein hochagiles Besserwisser-Ekel mit perfektem Timing, das eine Spur zu kühl rüberkommt: Die Liebe zu Eliza nimmt man ihm nicht ganz ab. Nadine Zeintl schafft die Charakterspreizung vom derben Unterschichtenmädel zur Lady, die – das ist das einzig Utopische des Stücks – als Klassenversöhnerin endet. Zudem ist Zeintl eine Musical-Virtuosin, die mit Charakterzügen und teils g’schertem Text jongliert, ohne dass ihr singtanzend die Luft ausgeht. Selbst gut Abgehangenes wirkt wie gerade erfunden: Als Eliza phonetisch korrekt die „grünen spanischen Blüten“ hervorwürgt, werden die Lachmuskeln wie beim Ersthören beschäftigt.

Dirigent Andreas Kowalewitz ist passend zur Regie aufs Hochpulsige aus. Dass auch die Partitur manche Pointe parat hat, hört man gut. Das Gärtnerplatz-Orchester touchiert trotz rasanter Fahrt keine einzige Slalomstange, auch den präzisen Chor trägt es nie aus der Kurve. Naturgemäß bleibt das Ascot-Bild auch hier viel belachter Höhepunkt. Im letzten Drittel, das liegt am Stück, wird es etwas zäh. Vielleicht hätte Köpplinger mit mehr Bizarrerien – einmal putzt ein Higgins-Bediensteter in zweckfreier Zeitlupe eine Salonsäule – gegensteuern können. Doch Münchens Musiktheaterstriese versteht sich eben weniger als freier Radikaler, sondern als hingebungs- und liebevoller Pfleger von kostbaren Ausstellungsstücken. Auch das geht in Ordnung: Museumsbesuche machen, wie der Jubel zeigt, ja durchaus Spaß.

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