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„Ich mag es nicht, wenn immer nur über diejenigen gelacht wird, die nicht im Saal sind“, sagt der Kabarettist und Schauspieler Josef Hader. 

Interview 

Kinostart von „Wilde Maus“: Lach & Schieß mit Josef Hader

München - Er ist nicht nur Österreichs zurzeit erfolgreichster Kabarettist, auch im Kino hat Josef Hader Kultstatus erreicht – etwa mit der Verfilmung seines Theaterstücks „Indien“ und der Verkörperung des Privatdetektivs Simon Brenner in vier Leinwand-Adaptionen von Wolf-Haas-Krimis. Jetzt startet sein Regiedebüt „Wilde Maus“.

Wir trafen den 55-Jährigen vorab zum Gespräch.

In „Wilde Maus“ spielen Sie einen rachsüchtigen Musikredakteur. Verbindet Sie mit der Kritikerzunft eine leidenschaftliche Hassliebe?

Josef Hader: Nein, mein Verhältnis zu Kritikern ist eigentlich recht entspannt. Als Kabarettist bewegt man sich meistens in einem geschützten Bereich: Anfangs finden einen alle interessant; später muss man eine Phase überstehen, in der die Kritiker schreiben, dass einem nichts Neues mehr einfällt; und wenn man Glück hat, wird man anschließend zur Ikone. Ich wollte von jemandem erzählen, für den es ein großer Selbstwertverlust ist, wenn er seine Arbeit verliert. Musikkritiker hatten in Wien bis vor Kurzem eine fast königliche Stellung – jetzt werden sie abgebaut. Die Printjournalisten sind heute ein bisschen das, was im England der Achtzigerjahre die Bergarbeiter waren.

Können Sie sich vorstellen, wie Ihre Filmfigur einen Rachefeldzug zu starten?

Josef Hader: Nein. Ich bin zwar auch dünnhäutig und leicht zu verletzen, aber für Rache wäre ich mir zu fein. Damit würde ich dem Feind ja verraten, wie wichtig er mir ist. Ich schlucke meinen Zorn lieber herunter und entwickle so eine Art Trotz. Ich versuche dann, es irgendwie allen zu zeigen – das war bei dem Filmprojekt auch so.

Ihr Regiedebüt ist das Produkt einer Trotzreaktion?

Josef Hader: Ja, ich war verärgert, weil die Filmförderung ein anderes Projekt von mir und Wolfgang Murnberger abgelehnt hatte. Auf einmal hatte ich einen ganzen Sommer frei und hab’ mir gedacht: Das muss jetzt für etwas gut sein! Daraufhin habe ich das Drehbuch zu „Wilde Maus“ geschrieben. Ursprünglich wollte ich es einem Regisseur anbieten – ich kenne ja zwei oder drei nette. Aber beim Schreiben wurde mir klar, dass ein anderer Regisseur mit mir arm dran wäre, weil ich schon so klare Vorstellungen für die Umsetzung hatte. Also dachte ich: Das wär’ jetzt die Gelegenheit, probier’s.

Wieso haben Sie sich zusätzlich noch die Hauptrolle aufgehalst?

Josef Hader: Die wollt’ ich dann abgeben, aber die Produktionsfirma hat mir davon abgeraten. Denn wenn ich wieder einen nächsten Film machen will, muss ich darauf schauen, dass „Wilde Maus“ auch möglichst viele Zuschauer hat. Das geht in Österreich mit mir in der Hauptrolle leichter.

Sie haben sich selbst eine Sequenz ins Drehbuch geschrieben, in der Sie fast nackt durch tiefen Schnee laufen müssen – eine Form der Selbstkasteiung?

Josef Hader: Halb so wild. Im Prinzip habe ich weniger gefroren als das Filmteam, weil ich immer wieder in ein warmes Auto steigen konnte. Es ging also immer vom Warmen ins Kalte und zurück, so eine Art verschärfte Wellness. Aus Darstellersicht war die Szene eher leicht: Wenn du in Unterhosen durch den Schnee rennst, musst du nicht viel spielen – da sorgt schon die Natur dafür, dass einem glaubhaft kalt ist. Auf der Suche nach etwas zum Einschmieren gegen die Kälte hat mir der Apotheker Vaseline empfohlen, aber blöderweise glänzt man damit wie ein Speckschwarterl. Dann hab’ ich Wollfett entdeckt. Das hab’ ich mir dann draufgeschmiert, aber ob mir damit wärmer war, das weiß ich nicht. Psychologisch hatte ich zumindest das Gefühl, ich hab’ eine Schutzschicht.

Wie haben Sie als Regisseur mit Ihren Darstellerkollegen gearbeitet?

Josef Hader: So wie ich es als Schauspieler selber gern hab’. Ich mag es zum Beispiel nicht, wenn wer am Set herumschreit. Wenn du selbst Regie führst, kannst du das aber wunderbar verhindern, weil du ja praktisch der Einzige bist, der herumschreien dürfte. Ich habe mich bemüht, eine Atmosphäre zu schaffen, in der die Filmtechnik völlig in den Hintergrund tritt, in der man möglichst frei agieren und Dinge ausprobieren kann.

Ähnlich wie in Ihren Kabarettprogrammen nehmen Sie auch in „Wilde Maus“ die bürgerliche Mittelschicht aufs Korn.

Josef Hader: Ja, das moderne grüne Bürgertum, das sich selbst für aufgeklärt und liberal hält. So Leute, wie ich ja auch ein bissl bin. Wir wissen, welcher Fisch politisch korrekt ist, und hören die Nachrichten, aber in Wirklichkeit rauscht das Weltgeschehen an uns vorbei. Wir sind teilweise genau so fade Bürger wie unsere Eltern, kommen uns aber viel hipper vor dabei. Der Film ist sozusagen auch eine Satire über Mittelstands-Existenzen.

Das sind aber doch wahrscheinlich genau die Leute, die sich Ihre Programme oder Ihre Filme anschauen. Attackieren Sie gern Ihre eigene Zielgruppe?

Josef Hader: Unbedingt! Schon immer! Ich mag es nicht, wenn immer nur über diejenigen gelacht wird, die nicht im Saal sind. Kabarett, das zeigt, wie schlimm die Spießbürger sind, oder österreichische Arthouse-Filme, die zeigen, wie furchtbar die österreichische Provinz ist, das finde ich nicht so interessant, weil das Publikum da nur in seinen Vorurteilen bestätigt wird. Ich bemühe mich, Kabarett und Kino zu machen, bei dem die Zuschauer sich selbst auf der Bühne oder der Leinwand wiederfinden können.

Was bedeutet es Ihnen, im Juni von der Stadt München mit einem Preis ausgezeichnet zu werden, der nach Dieter Hildebrandt benannt ist?

Josef Hader: Dieter Hildebrandt hat mich praktisch mein ganzes Leben lang begleitet. Zuerst hab’ ich als Schüler das erste Kabarettprogramm meines Lebens mit ihm und Werner Schneyder gesehen, später war er ein verehrter Kollege, mit dem ich manchmal auf der Bühne stehen durfte. Und egal, mit wem er auf der Bühne gestanden hat, er war immer der Jüngste und Neugierigste von uns allen!

Das Gespräch führte Marco Schmidt.

Noch nicht genug von Josef Hader? Hier finden Sie unser Gespräch mit dem Kabarettisten vor dem Drehbeginn 2015.

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