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Jan Josef Liefers wird am 8. Dezember mit seiner Band Radio Doria ein Konzert im Münchner Freiheiz geben.

Jan Josef Liefers über seine neue CD

"Alles verändert seine Form bei Nacht"

München - Der Schauspieler Jan Josef Liefers spricht im Interview über über seine neue CD "Radio Doria", über Hörfunk-Reisen - und über Schlaflosigkeit.

Fünf Jahre, von 1995 bis 2000, hat Schauspieler und „Tatort“-Pathologe Jan Josef Liefers in München gewohnt. „Hier habe ich auch angefangen, mit einer Band live zu spielen“ sagt der 50-jährige Wahl-Berliner aus Dresden. Jetzt ist seine zweite CD herausgekommen, die erste mit eigenen Titeln: „Radio Doria – Die freie Stimme der Schlaflosigkeit“ heißt sie, wobei Doria nichts mit Udo Lindenbergs „Andrea Doria“ zu tun hat, sondern nur die Buchstaben von Radio verdreht, wie Jan Josef Liefers im Interview mit dem Münchner Merkur verrät.

Schlafen Sie schlecht, Herr Liefers?

Grundsätzlich nicht, aber manchmal schon. Manchmal bin ich so drinnen, komme ich nicht zur Ruhe. Habe ich Blut geleckt, beschäftigt mich eine Idee, dann stehe ich auf und schreibe einen Text für einen Song oder ein Drehbuch. Das geht bei Tag teilweise nicht, weil man zu abgelenkt ist von tausend Sachen.

Warum wollten Sie der Schlaflosigkeit unbedingt eine Stimme geben?

Schlaflosigkeit verbinden die meisten Leute mit einer Qual. Ist es ja auch. Aber es ist genauso toll, nachts wach und gefühlt der einzige Mensch auf der Welt zu sein. Um einen herum ist alles ruhig und abgeschirmt. Die Nacht ist eine Zeit, in der alles vergrößert wirkt, wie unter einer Lupe. Sorgen, die einen bedrücken, und Probleme, die man hat, werden auf einmal viel größer. Wenn wir einsam sind, fühlen wir uns am einsamsten bei Nacht. Dinge, die man am Tag erfolgreich verdrängt, kommen nachts wie ein Bumerang zurück und wachsen einem über den Kopf. Das Gleiche gilt aber auch für schöne, euphorische Gefühle. Alles verändert seine Form bei Nacht. Ein seltsames Phänomen mit einer ganz eigenen Magie.

Welche Rolle spielt Radio für Sie als TV-Mensch?

Ich höre Radio im Auto und wo immer es geht. Auch wenn es heute nicht mehr das ist, was es mal war, und leider wie im Fernsehen die Einschaltquoten immer wichtiger werden. Ich bin jemand, der Musik in seinem Alltag wie ein Werkzeug benutzt – um zu entspannen, um mich in Fahrt zu bringen, ein bisschen zu träumen oder auch, um auf Ideen zu kommen.

Sind Sie wirklich als Kind nachts unter der Bettdecke immer auf Kurzwellen-Weltreise gegangen, wie Sie in der Live-Show zum Album erzählen?

Ja, da habe ich mich stundenlang durch die Frequenzen gekurbelt. Das ist völlig irre. Da kommen ja teils Radiosender reingeweht und verschwinden wieder, da hörst du Radio Mongolei oder einen kleinen Sender von der Antarktis und aus Afrika. Dann ist wieder nur Rauschen, und auf einmal kommt Flugfunk. Das hat natürlich extrem meine Fantasie beflügelt.

Fantasie, die im Fernsehen weniger entsteht?

Musik richtet sich erst einmal ausschließlich an die Ohren, aber sie lässt Bilder entstehen. Und zwar in unseren Köpfen. Radio funktioniert genauso. Das Fernsehen lässt keine Bilder entstehen, sondern liefert sie. Und zwar direkt an unsere Netzhaut. Frei Auge sozusagen.

Gerade Ihr neuer Fantasiesender „Radio Doria“ lässt nur vereinzelt schöne Bilder im Kopf entstehen.

Schade.

Wie wichtig sind Ihnen die Texte?

Eigentlich sehr wichtig. Mir ist es überhaupt nicht egal, was ich singe. Ich komme eben aus dem Wortbereich. Für mich ist es ein Vergnügen und ein Ehrgeiz, dass man zunächst eine gute Musik hört und dann beim genaueren Lauschen auf den Text nicht enttäuscht wird. Dass dabei noch mal ein paar Fenster und Türen aufgehen. Eine neue Reise losgeht. Das ist genauso, als wenn man einen schönen Schrank aufmacht. Da hoffst du auch, dass nicht nur ein altes Handtuch drin liegt, vielmehr dass du darin noch ein bisschen stöbern kannst. Die besten Lieder gelingen, wenn Musik und Text mehr oder weniger parallel entstehen.

Stimmen Sie mir zu: Die Rolle der Liedtexte war und ist im Osten wichtiger als im Westen?

Teils, teils. Also Herbert Grönemeyer ist ein gutes Beispiel für jemanden, der nicht aus dem Osten kommt und trotzdem eine Vielzahl hervorragender Texte hat. Im Ostrock ist die Spezialität gewesen, dass man jeden Text, den man auf der Bühne spielen wollte, vorher von der Zensur absegnen lassen musste. Das hat dazu geführt, dass bestimmte Sachen, Sehnsüchte und Provokationen verklausuliert, poetisch verpackt werden mussten: zu einer eigenen Form von Lyrik, die manchmal auch etwas anstrengend ist, ja, zu einer eigenen Kunstform. Aber ich würde jetzt nicht die direkte Linie ziehen, dass ich das heute genauso machen muss, weil ich dort groß geworden bin.

Ihre Frau, die Schauspielerin Anna Loos, singt ebenfalls, ist Frontfrau der Ostrockband Silly. Gibt es daheim musikalische Konkurrenz?

Das wäre Quatsch, sich messen zu wollen. Silly ist eine Band, die es seit vielen Jahren gibt und die eine lange gewachsene, große, supertreue Fangemeinde hat. Meine Band und ich sind dagegen gerade dabei, ein bisschen zu verbreiten, dass wir überhaupt Musik machen.

Sie haben einen Songtitel von Silly geklaut: „Verlorene Kinder“.

Na ja, nicht ganz. Genau wegen diesem alten Song wollten wir unser Lied eigentlich „Diebesgut“ nennen, obwohl es um verlorene Kinder geht. Bis mir die Musiker von Silly gesagt haben, dass ihr Lied eigentlich „Straßen von Berlin“ heißen müsste und es albern wäre, unser Lied deshalb anders zu nennen. Was meinen Sie, wie viele Songs „Hoffnung – Hope“ heißen? Aber beide Stücke haben nichts miteinander zu tun.

Spielen, Golfen, Singen – Sie machen vieles mit Ihrer Frau gemeinsam. Gibt es auch mal wieder ein musikalisches Duett wie „Erinnert“?

Im Moment ist nichts geplant, Aber das halte ich total für möglich. Liegt ja nahe.

Das Gespräch führte Marco Mach.

Das Konzert

ist am 8. Dezember, München, Freiheiz. Der nächste „Tatort“ aus Münster läuft am 21. September um 20.15 Uhr in der ARD.

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