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Wortgefechte um einen Einzelgänger: Frederik Mayet (re.) zeigt Joseph als vielschichtigen Charakter.

Joseph-Premiere: Großmaul und Gottesfürchtiger

Oberammergau - Theaterfeuer haben Kulturfans am Wochenende in Oberammergau bekommen: Christian Stückls lebenspralle Inszenierung von „Joseph und seine Brüder“ feierte Premiere im Passionstheater.

Was also ist dieser Joseph für ein Mensch? Begabter, doch ungeduldiger Streber? Feiger Schönling? Leicht erregbarer Einzelgänger? Ein fest im Glauben wurzelnder Gutmensch? Oder doch nur einer, der um seine Wirkung weiß, gar Menschen manipuliert? Es ist - das sei gleich zu Beginn festgestellt - das große Verdienst von Regisseur Christian Stückl und seinem Hauptdarsteller Frederik Mayet, dass sie diese Frage unbeantwortet lassen, sie ans Publikum zurückgeben.

Im Jahr eins nach der 2010er-Passion hat Stückl mit 200 Theater-begeisterten Laien in Oberammergau „Joseph und seine Brüder“ inszeniert. Wie groß die Liebe zur Bühne im Ort ist, erkennt man an Carsten Lück, dem technischen Leiter der Produktion: Als am Tag vor der Premiere Martin Norz krankheitsbedingt seine Rolle als Dudu abgeben musste, schaffte Lück sich den Text in der Nacht zum Freitag drauf, probte den Tag über und lieferte am Abend skurrile Szenen als Kleiderbewahrer Potiphars ab. In Oberammergau lodert Theaterfeuer.

Grundlage der Textfassung, die Stückl inszenierte, ist Thomas Manns mehr als 1000 Seiten umfassende Romantetralogie. Dieser veröffentlichte seine Bearbeitung der alttestamentarischen Geschichte von Jaakobs Lieblingssohn, der von den eifersüchtigen Brüdern als Sklave verkauft wird und in Ägypten als Traumdeuter des Pharaos Karriere macht (1. Mose, 37-50) zwischen den Jahren 1933 und 1943.

Trotz der zahlreichen Wortgefechte im Text ist Stückl ein lebenspraller, auch komischer Abend gelungen, den die Laien-Darsteller problemlos tragen - und der seine stärksten Momente dann erlebt, wenn im alttestamentarischen Gewand Heutiges verhandelt wird: etwa als Joseph, der seine Rolle als Vaters Liebling weidlich genießt, von seinen Brüdern verprügelt, in einen Brunnen geworfen und schließlich verkauft wird. Die grausame Tat, so zeigt Stückl, geschah nicht vorsätzlich. Provokationen gab’s auf beiden Seiten, bis sich, unmerklich beinahe, die Gruppe lebensbedrohlich gegen den Einzelnen stellte. Ein schleichender Prozess, dem jedoch, so scheint es zumindest, keiner entrinnen kann.

Die Komplexität der Josephs-Figur, ihren vielschichtigen Charakter arbeitet Frederik Mayet gut heraus. Scheint er zu Beginn des dreistündigen Abends noch in der bescheidenen Heiligkeit der Jesus-Figur zu verharren, die er bei der Passion im vergangenen Jahr spielte, lotet er allmählich und sehr nachvollziehbar die Facetten Josephs aus. Da schwatzt er dem Vater den edlen Mantel, das Brautgewand der Mutter, mehr ab, als dass dieser ihm das gute Stück schenkt - um dann unschuldig zu fragen: „Soll ich’s wieder ausziehen?“ Zwar antwortet Jaakob: „Behalt es.“ Doch Anton Burkhart, der den Patriarchen mit wahrlich alttestamentarischer Güte und Strenge spielt, blickt bei diesem Satz auf seine anderen Söhne - als ahne er, was folgen muss.

Denn Joseph macht es seinen Mitmenschen nicht einfach. Er ist einer, der „nach dem Rechten sehen will“, wo der Vater ihn schlicht gebeten hat, den gekränkt abgehauenen Söhnen Grüße zu überbringen. Ein Großmaul ist er, sich selbst und seiner Wirkung sehr bewusst. Aber er ist eben auch ein Wissender, ein zutiefst Glaubender, mit einem Gottvertrauen, das keinen Zweifel kennt und ihn Gutes tun lässt. Es sind eben jene Eigenschaften, die Josephs älteren Bruder Ruben bei den anderen immer wieder um Verständnis für den Anstrengenden werben lassen: Andreas Richter, wie Mayet auch er Jesus-Darsteller bei der Passion 2010, spielt Ruben als besonnenen, in sich ruhenden Mann. Der ist zwar nicht frei von Fehlern, doch findet er oft die rechten Worte. Richter löst das eindrucksvoll - wie auch Peter Stückl, der in der Rolle des „Fremden“ Kommentator und Navigator des Geschehens auf der Bühne ist.

Diese hat Stefan Hageneier mit einem herrlich naturalistischen Rundhorizont abgeschlossen und so einen Raum geschaffen, den Regisseur Stückl geschickt zu nutzen versteht: Da hat etwa Joseph mit dem Pharao die Deutung dessen Traums von den sieben fetten und sieben mageren Kühen erarbeitet und wird zum Stellvertreter des Herrschers erhoben, als sich das Chor-Volk ehrerbietend vor ihm in den Staub wirft. Um zu zeigen, dass die fetten Jahre vorbei sind, die Zeit des Hungers angebrochen ist, erhebt sich die Masse gleich darauf, reckt flehend ihre Hände gen Joseph: ein simpler Kniff, der jedoch Theaterzauber birgt.

Schade nur, dass Stückl viele Ägypter beinahe verzerrt bis zur Karikatur auftreten lässt. Das mag beim Eunuchen Potiphar charmant sein, denn Stefan Burkhart zeigt diesen dennoch in seiner Würde. Auch Anton Preisingers so schrilles wie hysterisches Pharaonen-Muttersöhnchen fügt sich in die Inszenierung ein. Doch bei Mathias Müller und Christoph Maier, die den Mundschenk und den Oberbäcker des Herrschers als eine Art Rosenkranz und Güldenstern des Alten Testaments spielen, läuft der (tuntige) Slapstick dann ins Leere.

Was Joseph nun für ein Mensch ist? Am Ende sehen wir, dass er gelernt zu haben scheint: Auch Joseph neigt sein Haupt vor Juda, den Jaakob zum Obersten seiner Söhne bestimmt. Dem freilich ist anzusehen, wie viel Respekt ihm diese Verantwortung einflößt. Langer, herzlicher Applaus.

Michael Schleicher

Vorstellungen

am 29., 30. Juli, 5., 6., 13., 14. August;

Telefon 08822/ 945 88 88 oder 089/ 54 81 81 81.

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