„Joseph und seine Brüder“: Christian Stückl über die Inszenierung

Oberammergau - In Oberammergau sind sie eben Theater-narrisch: Nur ein Jahr nach den Passionsspielen inszeniert der Münchner Volkstheater-Intendant Christian Stückl schon wieder eine biblische Geschichte im Festspielhaus seines Heimatortes.

Diesmal bringt er „Joseph und seine Brüder“ nach der Romantetralogie von Thomas Mann mit lauter Laiendarstellern auf die Bühne. Heute ist Premiere.

-Sind diesmal auch Tiere auf der Bühne wie beim Passionsspiel?

Freilich. Die Kamele sind wieder aus dem Allgäu zurückgekommen, denn die Karawane, die den Joseph kauft, braucht doch orientalische Viecher.

-Wie kamen Sie auf die Josephs-Geschichte?

Mir ist John von Düffels Textfassung der Josephs-Romane fürs Düsseldorfer Schauspiel in die Hände gefallen, und da hab’ ich gesehen, es gibt was her. Düffel hat das allerdings mit nur zwölf Schauspielern gemacht, aber auf der großen Passionsbühne braucht man viel mehr Leute. Außerdem ist seine Fassung sechs Stunden lang, und wir müssen es in drei Stunden schaffen. Darum hab ich selber eine Textfassung erarbeitet.

-Kannten Sie Thomas Manns Tetralogie da schon?

Nein, die musste ich erst lesen. Außerdem hab ich mir das Hörbuch gekauft, 32 CDs! Die hab ich dann immer im Auto auf meinen Fahrten zwischen Oberammergau und München gehört.

-Haben Sie auch die biblische Vorlage mit eingearbeitet?

Die Josephs-Romane geben viel mehr her an Dialog als die Joseph-Kapitel in der Bibel. Und Thomas Mann hat halt wirklich eine gute Sprache, die überraschenderweise auch im Theater funktioniert.

-Fällt auf der Bühne nicht die ironische Färbung weg, die an Thomas Manns Prosa so fasziniert?

Na ja, gerade die Ägypter, speziell der Pharao, sind oft so witzig gezeichnet, das kann man schon auch im Theater rüberbringen.

-Wo sehen Sie die Aktualität der Josephs-Geschichte?

Joseph ist einer, der unbedingt nach oben will. Er ist eigentlich so was wie ein zielstrebiger Karrierist. Und dabei fällt auf, dass er sich quasi seinen eigenen Gott baut, sich einen Gott zurechtlegt, der das Karrierestreben gutheißt, während sein Vater noch den alten, grausamen Herrschergott hat. Da sehe ich die Nähe zur Gegenwart, wo sich auch jeder seinen privaten Glauben bastelt, während ihm die Kirche - vielleicht aus verständlichen Gründen - relativ wurscht ist. Am Schluss muss Joseph aber erfahren, dass sein Erfolg nur ein sehr weltlicher, vergänglicher ist und dass er am Wesentlichen vorbeigerannt ist.

Das trifft doch auch unsere Zeit.

-Wer spielt den Joseph?

Der Frederik Mayet, einer unserer beiden Christusdarsteller vom letzten Passionsspiel. Der musste sich anfangs natürlich ein bisserl umstellen. Ich hab ihm immer g’sagt: Lass’ den heiligen Ton weg. Der Joseph ist keine moralische Anstalt, der verfolgt ausschließlich seine Interessen.

-Ist die Ästhetik ähnlich wie beim Passionsspiel?

Nein, es ist schon anders: Man kommt rein und sieht nichts mehr vom Passionstheater. Unser Ausstatter Stefan Hageneier hat da einen riesigen Rundhorizont gemacht, ein Gemälde wie eine Traumlandschaft, fast ein Panorama.

-Wie viele Oberammergauer spielen diesmal mit?

Nur 200, und viele sind sogar sauer, weil sie nicht mitmachen dürfen. Der Enthusiasmus der Leute ist einfach enorm. Wir mussten das in sechs Wochen hinkriegen, aber die Mitspieler lassen alles stehen und liegen, wenn’s ums Theater geht. Dabei müssen sie tagsüber ja ihren Berufen nachgehen, und so haben wir die letzten Nächte halt immer bis 1 Uhr geprobt und an den Wochenenden 14 Stunden.

-Wird „Joseph“ 2012 wieder aufgenommen?

Nein, da mach’ ich Shakespeares „Antonius und Cleopatra“, weil ich Oberammergau einfach brauche. Wie ich beim Dieter Dorn ang’fangt hab, vor hundert Jahr’, da hat er gesagt: „Was willst du denn da draußen, das bringt dich künstlerisch nicht weiter.“ Da hab ich ihm geantwortet: „Dieter, das wirst du nie kapieren, aber Oberammergau, das gehört für mich dazu, das ist letztlich der Humus, aus dem heraus ich arbeite.“

Das Gespräch führte

Alexander Altmann.

Karten

unter 01805/ 481 81 81.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Er ist Kapitän der Rockband Eisbrecher, deren neues Album „Sturmfahrt“ jetzt erscheint. Wir sprachen mit Alexander Wesselsky über die neue Platte, billiges Fleisch und …
„Ein Hoch auf uns – Warum?“
Kas mit Karoline
Das New Yorker Regieduo 600 Highwaymen versuchte sich im Auftrag der Salzburger Festspiele an Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“. Lesen Sie hier unsere …
Kas mit Karoline
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Beim Münchner Krimi-Herbst des Internationalen Krimifestivals München lesen hochkarätige Krimi- und Thriller-Autoren aus aller Welt aus ihren Büchern.
Am 11. September 2017 startet der Münchner Krimi-Herbst!
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache
„Gscheid gfreid“ hat sich Martina Schwarzmann am Sonntag. Die Kabarettistin erhielt die „Bairische Sprachwurzel“. Damit wurde ihr Einsatz zur Rettung der Dialektvielfalt …
Große Ehre für Mutter Zivilcourage der Bairischen Sprache

Kommentare