Von Josephine Baker bis Lola Montez

- Wo hat er nicht überall gelebt, was hat er nicht alles erlebt, der Peter Kreuder (1905-1981), Komponist und Pianist, Bandleader und Dirigent, Weltenbummler und Weltbürger. Da lässt sich viel erzählen. Zehn Jahre vor seinem Tod sind diese Memoiren zuerst erschienen, jetzt liegen sie wieder vor, ergänzt um ein Nachwort seiner vierten Ehefrau, der jetzt am Michigansee lebenden Ingrid.Immer noch ist das Buch amüsant, informativ und - ärgerlich: wenn er sich stilistisch (und inhaltlich) gar zu sehr gehen lässt, sein salopper Stil in die Formulierungen des Groschenromans umschlägt. Und unverblümt Unwahrscheinliches als Faktum erscheinen lässt, so ganz ohne Augenzwinkern.

<P>Kreuder, wie er uns heute noch bewusst ist, war der Komponist, der hoch begabte Melodienerfinder der kleinen Form. Und der vielseitige Filmkomponist. Bestens bekannt noch immer: "Good bye, Johnny" mit Hans Albers, "Für eine Nacht voller Seligkeit" mit Marika Rökk, "Wenn die Sonne über den Dächern versinkt" mit Pola Negri, "Ich werde jede Nacht von Ihnen träumen" mit Johannes Heesters.</P><P>So richtig lesenswert wird die Autobiografie erst ab Seite 84, als Kreuder nach Berlin ging: mit 16 an die "Wilde Bühne" der Trude Hesterberg. Da überschlagen sich die Namen derer, die er am Flügel zu begleiten hatte, und das setzt sich sein Leben lang fort, wie es das Metier eben mit sich bringt: Claire Waldoff und Wilhelm Bendow, Hans Moser und Josephine Baker. Greta Keller hat er "entdeckt", ebenso Rosita Serrano und Peter Igelhoff. Marlene Dietrich, mit der er eine "Affäre" hatte, will er als Lola für den "Blauen Engel" empfohlen haben. Er spielte mit den Weintraub Syncopators und im Tölzer Kurorchester und leitete in Brasilien und Argentinien in seinen acht südamerikanischen Jahren Symphonieorchester. Freilich nicht vom Klavier aus, seinem eigentlichen Instrument.</P><P>Merkwürdig, dass er mit keinem Wort seinen ureigensten Klavierstil erwähnt: Melodie in Zwei-Oktaven-Abstand unisono, jede Phrase durch einen Vorschlag angeschliffen. Stundenweise hatte er in Berlin bei Feruccio Busoni Unterricht genommen, war aber schon als Wunderkind öffentlich aufgetreten. An der Münchner Akademie holte er sich Kenntnisse bei Waltershausen, Hausegger und Röhr. Das war zu einer Zeit, als ihn Hans Gruß nach München geholt hatte, der Chef der "Bonbonniè`re" und des Deutschen Theaters, dessen sächsisch-bayerische Aussprache Kreuder gefiel. Seine zweite Münchner Zeit, als Musikdirektor am Gärtnerplatz (der "Staatsoperette"), begann er mit der "Tänzerin Fanny Elßler", von Oskar Stalla aus Johann-Strauß-Werken zusammengetragen, fortgesetzt mit der (berüchtigten) Fritz-Fischer-Fassung von Lehá´rs "Lustiger Witwe". Kreuder belässt seine Rolle zu dieser Zeit ein wenig unterbelichtet. Viel früher hatte er schon bei der skandalbegleiteten Aufführung von Kreneks "Jonny spielt auf" assistiert, getragen von seiner Vorliebe für den Jazz. Er schreibt für Falckenberg eine Musik zu Shakespeares "Wintermärchen", spielt in der "Regina"-Bar und heiratet (zum zweiten Mal) in Neuhaus am Schliersee.</P><P>Weitere Akzente verschiedenster Art: Begegnungen mit Adolf Hitler, mit Reinhardt und Gründgens, mit Willi Forst ("Mazurka"; "Burgtheater", darin "Sag beim Abschied leise Servus") und Karl Valentin. In Zürich spielt er an drei Flügeln mit Teddy Stauffer und Duke Ellington, in Zürich wird er von Evita Peró´n geküsst; die Freundschaft bleibt bestehen.</P><P>Sein größter Bühnenerfolg: "Madame Scandaleuse" mit Zarah Leander, die er nicht mochte. "Lola Montez", die morgen in Münchens Deutschem Theater uraufgeführt wird, entstand in den Siebzigerjahren und blieb als Manuskript liegen. Buch und Texte: Maurus Pacher, damals in München lebend und wirkend als Journalist und Autor. Dieses Sujet und Kreuder: Das ist eine neuerliche, postume Verbindung mit München, wo der Komponist am Ostfriedhof begraben liegt und wo in Obermenzing eine Straße nach ihm benannt wurde.</P><P>Peter Kreuder: "Nur Puppen haben keine Tränen", Erinnerungen. dtv, München, 426 Seiten, 12 Euro.</P>

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