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Joshua Stewart gehört dem Opernstudio der Staatsoper an. Jörg Widmann hat extra für ihn die Partie des Priesters in sein Werk „Babylon“ komponiert. Während der Festspiele ist es wieder zu sehen, am 21. Juli.

Porträt

Joshua Stewart: Nur das Bier mag er nicht so

München - Vom Jazz zur Klassik ans Münchner Nationaltheater: Joshua Stewart ließ sich von „Salome“ zur Oper verführen.

„Warum ich? Ich bin doch überhaupt nicht interessant!“, überrascht schüttelt Joshua Stewart den Kopf. Wirbel um seine Person, das ist dem jungen amerikanischen Sänger, der seit dieser Spielzeit Mitglied im Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ist, etwas unangenehm. Nicht nur auf der Bühne fällt der fast zwei Meter große Tenor auf, auch auf der Straße in München. „Die Leute starren mich immer so an hier, ich weiß gar nicht wieso.“

Ja, wieso eigentlich? Vielleicht weil kaum jemand im Brenner’s so herzlich und mitreißend lacht wie Joshua Stewart, als er von seinem ersten Tag in München erzählt. Letzten Sommer war das. Damals hatte der 27-Jährige gerade seinen Abschluss vom renommierten Curtis Institute of Music in Philadelphia in der Tasche und tourte mit „Curtis on Tour“ durch die Kammerkonzertsäle in Europa und Deutschland. Dresden und Berlin, diese zwei Städte haben ihm sehr gefallen. Und obwohl er nur ganz kurz in München war, um seinen Vertrag für das Opernstudio zu unterschreiben, habe er sich sofort in diese „süße, kleine Stadt“ verliebt. „Alles ist so sauber hier und funktioniert so gut.“ Nur das Bier, das mag er nicht so, aber auf dem Oktoberfest war er natürlich trotzdem.

Als kleiner Bub war es immer sein Traum, Jazz-Sänger zu werden. Tagsüber als Arzt zu arbeiten und abends in Jazz-Bars aufzutreten, so hatte er sich sein Leben vorgestellt. Oper, das war nie so richtig seins, zu „girlie“. In seinem Gesangsunterricht musste er trotzdem klassische Musik singen. „Ich hasste es, aber schließlich braucht auch ein Jazz-Sänger eine tadellose Gesangstechnik.“ Der Wendepunkt war ausgerechnet die Oper „Salome“ des Münchner Komponisten Richard Strauss: Mit 15 oder 16 – so genau weiß Joshua Stewart das gar nicht mehr – sah er eine Aufnahme von „Salome“ mit Teresa Stratas und den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm. Die Musik berührte ihn, er strahlt immer noch, wenn er von ihr erzählt, beschreibt, wie sehr ihn damals als Teenager vor allem der Tanz der Sieben Schleier faszinierte. „Salome“ hat sein Leben verändert, Joshua Stewart entdeckte seine Liebe zur Oper und wollte ab sofort Opernsänger werden.

Dass er aber jetzt hier in München ist und sich tatsächlich jemand für ihn interessiert, das kann er eigentlich immer noch nicht glauben. „Ich hatte riesiges Glück, dass ich unter so vielen talentierten jungen Sängern bei einem Casting in New York für das Opernstudio der Bayerischen Staatsoper ausgewählt wurde.“ Finanziell wird Joshua Stewart außerdem durch das UniCredit Stipendium der American Opera Foundation unterstützt, wofür er in einer so teuren Stadt wie München sehr dankbar ist.

Jörg Widmann hat ihm die Partie des Priesters in der Oper „Babylon“, deren Uraufführung an der Bayerischen Staatsoper im Herbst 2012 war, auf den Leib geschrieben. „Widmann hat einen Mitschnitt meines Castings in New York gehört. Und dann wollte er diese Rolle für mich komponieren. Verrückt, oder?“ Den Priester zu singen und auf der Bühne zu spielen, hat Joshua Stewart ganz besonders viel Spaß gemacht, und das nicht nur, weil er die Musik von Widmann und von dessen Lehrer Hans Werner Henze liebt. Die Partie zeigt die komplette Bandbreite seiner Stimme, von der Tiefe bis in die Höhe, die Melodielinien sind ganz einzigartig, „einfach wie für mich und meine Stimme gemacht“. Außerdem muss er in der Inszenierung den Priesterkönig, in der Uraufführungsserie gesungen von Willard White, ohrfeigen – da sei ihm dann schon etwas mulmig geworden.

Auch in den USA hatte Stewart diese Saison seine erste richtige Rolle nach dem Abschluss seines Studiums. In Toledo sang er im Februar den Don Ottavio in Mozarts „Don Giovanni“. „Don Ottavio ist eigentlich der nette Kerl, der, mit dem man sein Leben verbringt. Warum nur ist er für alle immer der Langweiler? Das ist er überhaupt nicht. Don Ottavio ist der, der am Ende gewinnt, Don Giovanni wird immer nur der Frauenheld bleiben.“ Und wie stellt man das dar? „Ja das ist die Kunst“, schmunzelt Joshua Stewart. Zu gern wäre man in Toledo dabei gewesen und hätte ihn als Don Ottavio erlebt.

Joshua Stewart freut sich immer, wenn er Mozart singen darf. In Mozarts Musik ist für den jungen Tenor alles sinnvoll, er fühlt sich ihr besonders verbunden – neben Strauss natürlich. Aber eigentlich mag er alles, auch auf ein Fach will er sich noch gar nicht festlegen. Die obligatorische Frage nach Richard Wagner in diesem Jubiläumsjahr geht fast ein wenig unter: „Oh, ich liebe Wagner. Nur der ,Ring‘, sechs Stunden, das ist schon sehr lang. Aber man kann nichts rauskürzen, irgendwie ist doch alles wichtig.“ Gerade vor ein paar Tagen hat er die Wiederaufnahme des „Fliegenden Holländers“ an der Staatsoper gesehen und findet ihn toll. Seine Lieblingsoper von Wagner ist aber „Die Meistersinger von Nürnberg“, schließlich geht es darin ums Singen.

Und wo kann man ihn außerhalb der Oper antreffen? In einem der vielen Restaurants in der Innenstadt und im Uni-Viertel: Stewart liebt es, neue Gerichte zu testen, auch die Münchner Schmankerl hat er schon probiert. Außerdem geht er gern ins Konzert, vor allem natürlich, wenn jemand spielt, den er kennt. „München hat kulturell so viel zu bieten, da weiß man gar nicht, wo man anfangen soll, eigentlich ist jeden Abend eine Veranstaltung, die mich interessiert.“ Natürlich war er auch schon in der Jazzbar Vogler und in der Unterfahrt, da möchte er unbedingt noch öfter hingehen. Und wenn Zeit ist, spaziert Joshua Stewart gerne durch München und geht in Museen, nur bitte nicht anstarren. Sondern einfach zurücklächeln, das würde er sich wünschen.

Von Anita Svach

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