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Ein Grandseigneur, kein Geifergreis: Enzo Capuano glückt als Don Pasquale eine präzis unterspielte Charakterstudie – hier in einer Szene mit Ana Durlovski als Norina.

PREMIERENKRITIK

„Don Pasquale“ in Stuttgart: Letzte Chance des Grandseigneurs

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Eine subtile Tragikomödie, kein Schenkelklopfer-Abend: Mit Donizettis „Don Pasquale“ beenden Jossi Wieler und Sergio Morabito ihren einzigartigen Stuttgarter Belcanto-Zyklus.

Stuttgart - Die Kifferzeit, als die Welt so schön bluna aussah, ist längst rum. Ebenso das wilde Knutschen oder ebensolche Motorradfahrten mit der aktuellen Flamme. Die Gegenwartsdiagnose: Hochglanzbüro, gefülltes Konto, siebtes Lebensjahrzehnt, aber keine Zweisamkeit. Parshippen oder eine Pirschtour durch Bars, das wäre unter Niveau. Also ein diskret arrangierter Termin daheim, anlassgemäß im schicken schwarzen Anzug.

Alles geht schief, Kenner von Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ wissen Bescheid. Und auch, dass die Intrige mit der falschen Braut, eingefädelt von Pasquales Freund Malatesta und Neffe Ernesto, dem eigentlichen Lover von Norina, gern zum Rumpel-Humor genutzt wird. Opera buffa ist gleich Schenkelklopfer: Weit davon entfernt ist die Oper Stuttgart mit der vorletzten Inszenierung ihres scheidenden Führungsduos Jossi Wieler und Sergio Morabito. Statt um einen durchgeknallten Geifergreis kreist der Zweistünder hier um einen Grandseigneur à la Friedrich Schoenfelder in feinem Tuch und mit passenden Manieren.

Fallhöhen bietet diese Psychostudie genug. Die Hippie-Vorgeschichte Pasquales sehen wir zur Ouvertüre in einem verblüffend musiksynchronen Animationsfilm – der uns zugleich listig auf die falsche Ästhetikfährte führt. Wenn der Senior dann seine Ausbootung ahnt (und dass dies seine letzte Beziehungs-Chance sein könnte), greift er noch einmal zum Joint, imaginiert seine Jugend, um später als Wrack die Feier der schadenfrohen Halbwüchsigen zu verlassen. Mehr Mitleid, mehr Tragikomödie war mutmaßlich noch nie bei Donizettis Opus, das eine Shakespeare-hafte Weitung erfährt.

Große Singschauspielkunst von Enzo Capuano

Voraussetzung ist freilich ein Titelrollen-Sänger, der sich auf dieses klischeelose Konzept einlässt. Stuttgart hat ihn. Wie Enzo Capuano seine Figur präzise unterspielt, wie er in der kleinen Geste eine Geschichte erzählt, wie er Mini-Pointen platziert, auch vokal nie draufdrückt, dabei einen soignierten Herrn schildert, der lange am Abgrund der Fassungslosigkeit bleibt, um dann doch hineinzustürzen, ist große Singschauspielkunst. Enzo Capuano und das Regie-Duo Wieler/ Morabito finden im symbiotischen Zusammenwirken zu einer Charakterstudie, die vieles ist: subtil, mit delikatem Humor und vor allem vollkommen glaubwürdig.

Sängertyp und Figurenzeichnung treten auch bei den anderen Solisten in eine Wechselbeziehung. Ana Durlovski, Stuttgarts Belcanto-Säule und ab nächster Saison nicht mehr im Ensemble, ist ja eher das Gegenbild zum Sopranliebchen. Dass man sich beim Zuhören leicht erkälten kann, dass die Mazedonierin Feinherbes bis Zartbitterkeit ausstrahlt, wirkt sich auf ihre Norina aus: ein cooles Gör, das nur widerwillig die Intrige mitmacht, eine Vorstadt-Domina, deren Stimmkunst (aber nur, wenn sie Lust hat) ein Feuerwerk in Kaltfarben produziert.

Auch die Kollegen – André Morsch als Malatesta-Strizzi, Ioan Hotea als schluffiger bis durchgeknallter Twen im Indianerkostüm, Marko Špehar als Carlotto – wirken, als habe sie der Komponist vorausgeahnt. Nach Unschärfen bringt Giuliano Carella das Stuttgarter Staatsorchester auf Kurs. Das Dirigat hat Zug, achtet auf den Buffa-Swing, ohne operettig zu werden. Dass Donizetti jedes Detail begründet und nicht als Selbstzweck einsetzt, hört man in Stuttgart auch heraus. Musik und Szene sind sich da einig.

Abschiedsstimmung umweht die Premiere

Das Umkreisen der Figuren, auch die Selbstbespiegelung und das Sich-selbst-Belügen, das nur scheinbare Eröffnen neuer Freiräume, all das spiegelt die Bühne von Jens Kilian wider. Immer wieder drehen sich die ineinander verschalten Rundwände in neue Situationen. Ein alter Kniff. Doch der wird hier sinnfällig genutzt, gerade weil alles so klug dosiert ist – wie überhaupt die ganze Aufführung.

Abschiedsstimmung umweht ja diese Produktion in mehrfacher Hinsicht. Denn zugleich bildet dieser „Don Pasquale“ auch das Finale von Wielers und Morabitos Stuttgarter Belcanto-Zyklus. Mit Bellinis „Norma“ gelang ihnen 2002 eine Neudeutung des Dramas – die, so viel zum Geschmack und zur Politik der Plattenfirmen, nie auf  DVD  gepresst  wurde. „La sonnambula“ und „I puritani“, ebenfalls von Bellini, hielten (fast) dieses Niveau. Donizettis Buffa hätte ein Rausschmeißer sein können. Wer das erwartete, hat das Genre nicht verstanden: Dank Stuttgart bewegen sich die Belcanto-Meister auf den Höhen von Mozarts Menschenkunst.

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